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Kinderkriegen als Machtfrage Die Verlierer im Kampf für Nachhaltigkeit

 ·  Gewinner gab es auf dem UN-Gipfel „Rio+20“ keine, Verlierer schon: Die Frauen und ihr Recht darauf, selbst zu bestimmen, wann und wie sie Kinder kriegen.

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Der am Wochenende zu Ende gegangene Nachhaltigkeitsgipfel „Rio+20“ der Vereinten Nationen war für viele eine herbe Enttäuschung. Klare Gewinner gibt es keine. Wer dagegen eindeutig verloren hat, steht fest: die Frauen insbesondere in armen Ländern, aber auch in religiös fundamentalistisch geprägten Bundesstaaten der Vereinigten Staaten, denen fundamentale Rechte ihrer reproduktiven Freiheit und Gesundheit - reproductive rights - vorenthalten werden. Es geht um Schwangere, die oft trotz der Gefahr von Komplikationen und Gesundheitsschäden nicht legal abtreiben dürfen oder denen von vorneherein der Zugang zu Verhütungsmitteln und moderner gynäkologischer Versorgung untersagt wird. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge sterben jeden Tag fast zweihundert Frauen, weil sie sich illegaler Abtreibungspraktiken bedienen müssen.

Die ursprünglichen Textpassagen des Rio-Dokuments „Die Zukunft, die wir wollen“ enthielten noch die Forderung nach universaler Gewährung reproduktiver Rechte, weil man diese als Teil einer sicheren, nachhaltigen Familienplanung und damit im Kampf gegen die Bevölkerungsexplosion insbesondere in Teilen der Dritten Welt betrachtet. Die meisten Mediziner urteilen so, Menschenrechtsgruppen sowieso und viele führende Politiker auch. Doch unter dem Einfluss des Vatikans und Staaten wie Malta, Ägypten und vielen anderen arabischen und südamerikanischen Ländern wurde die Forderung gestrichen. Damit wird den weltweit rund 215 Millionen Frauen, denen die aktive Rolle in der Familienplanung bisher verwehrt wird, das schon auf anderen UN-Veranstaltungen vorformulierte Recht abgesprochen, über den Umgang mit ungewollten Schwangerschaften selbst zu bestimmen. Würden grundsätzliche reproduktive Rechte weltweit gewährt, könnte nach Erhebungen des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen die Zahl der ungewollten Schwangerschaften um zwei Drittel sinken, die Müttersterblichkeit um siebzig Prozent und die Säuglingssterblichkeit um 44 Prozent.

Die Wut über die Verweigerungshaltung war im Riocentro unüberhörbar. „Die Frauen sind die wichtigsten Antreiber einer nachhaltigen Entwicklung, und deshalb müssen sie in die Lage versetzt werden, über ihre Fortpflanzung selbst entscheiden zu dürfen.“ Für diesen Satz erhielt die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton als einzige in der endlosen Folge von Plenarvorträgen der Staats- und Regierungschefs lauten Applaus. „Reproduktive Rechte sind kein Luxus“, kommentierte die Anthropologin Peggy Clark vom Aspen Institute in Washington DC, einem der führenden Forschungsinstitute auf diesem Gebiet, die Entscheidung der Konferenzleitung von Rio, die Passagen zu streichen.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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