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Ketamin: Karriere eines Moleküls Chemie und Wahnsinn

 ·  Ein Molekül kann einfach gebaut sein und trotzdem komplexe Wirkung entfalten. Ketamin ist ein Beispiel mit vielseitiger Verwendung. Hilft das Narkotikum vielleicht sogar gegen Depressionen?

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Seinen Aufenthalt im Krankenhaus wird Bradley Weafer nicht so schnell vergessen, auch wenn der neun Jahre zurückliegt. Im August 2001 wurde der Sozialarbeiter im Krankenhaus von Vancouver am Rücken operiert. Die Ärzte gaben ihm Ketamin. Woraufhin dem 38-Jährigen mehr als schwummrig wurde: Er hatte das Gefühl, mit den Füßen voran in einen schwarzen Tunnel gesaugt zu werden. Von da aus sei er geradewegs in den Himmel geschossen, wo er von einer Gestalt, groß wie ein Hochhaus, geblendet und wieder hinab in den Abgrund geschleudert worden sei.

„Ich sah Gott und musste um mein Leben kämpfen“, erzählte Weafer später vor Gericht. Das habe ihn dauerhaft traumatisiert. In zweiter Instanz wurden dem Kanadier 63.000 Dollar Schmerzensgeld zugesprochen.

Ketamin dient im Krankenhausalltag normalerweise nicht zur unfreiwilligen Erleuchtung, sondern zur Anästhesie. Als Narkotikum wirkt Ketamin rasch und zuverlässig, der Schluckreflex bleibt erhalten, gleichzeitig werden Atem und Kreislauf stimuliert. Es gehört zur Standardausrüstung von Notfallärzten. Eine Betäubung unter Ketamin klingt schnell ab, weshalb sie gern vor kleineren Eingriffen oder schmerzhaften Untersuchungen gegeben wird.

Wären da nicht die Nebenwirkungen

Ketamin ist sogar in der Kindermedizin zugelassen. Selbst bei zehnfacher Überdosierung wurden bislang keine Folgeschäden beobachtet. Auch Veterinärmediziner setzen es häufig ein; die „Hellabrunner Mischung“ beispielsweise, die zur Fernbetäubung von Zootieren entwickelt wurde, enthält zur Hälfte Ketamin. Ein vielseitig verwendbarer Stoff. Wären da nicht die Nebenwirkungen.

Schätzungsweise zwölf Prozent aller Patienten zeigen nach einer Ketaminbetäubung unerwünschte Aufwachreaktionen. Sie berichten von Visionen und anderen bizarren Erlebnissen. Die Fachliteratur spricht von „psychomimetischen Effekten“. Zur Dämpfung wird unter anderem Valium verabreicht.

Für seine halluzinatorischen Begleiterscheinungen ist der Stoff berüchtigt: Unter dem Namen „Special K“ kursierte Ketamin im Vietnamkrieg. Seit Anfang der achtziger Jahre zählt es neben Ecstasy, Speed oder Kokain zu den typischen Partydrogen. Man hätte die Substanz längst geächtet und aus dem medizinischen Verkehr gezogen, wenn sie nicht gleichzeitig so erstaunliche Eigenschaften hätte.

Die Suche nach der Morphium-Alternative

PubMed, die größte öffentlich zugängliche biomedizinische Datenbank, liefert zum Stichwort Ketamin über 11.000 Fundstellen. Immer mehr Autoren widmen sich neuerdings der Frage, ob man Ketamin nicht zu therapeutischen Zwecken einsetzen sollte. Denn im Gehirn wirkt es anders als alle bislang gebräuchlichen Psychopharmaka.

Ketamin ist ein Produkt der Suche nach Alternativen zum Morphium. Das im Opium enthaltene Alkaloid, gewonnen aus dem Milchsaft des Schlafmohns, gilt als eines der stärksten Schmerzmittel überhaupt. Sein Suchtpotential allerdings ist erheblich. In Deutschland ging man deshalb schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts daran, synthetische Abkömmlinge zu entwickeln. Eine Zeitlang galt Heroin als Favorit, bis sich herausstellte, dass es noch schneller süchtig macht. Die Farbwerke Hoechst synthetisierten eine ganze Reihe von Stoffen, unter anderem Metamizol („Novalgin“), das bis heute verschrieben wird. 1939 kam das erste vollsynthetische Opioid Pethidin (Handelsname Dolantin) auf den Markt. Im gleichen Jahr gelang den Hoechst-Chemikern die Synthese der Ersatzdroge Methadon, die von Hitlers Militärärzten als kriegswichtig eingestuft wurde, aber nicht mehr in nennenswerten Mengen zum Einsatz kam.

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