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Kampagne gegen Greenpeace Machtkampf um den Goldenen Reis

Biotechniker haben den Goldenen Reis vor 14 Jahren entwickelt, er könnte Leben retten. Doch seine Gegner sind mächtig. Patrick Moore, Mitgründer von Greenpeace, kämpft gegen die „moralischen Abgründe“ seiner Ex-Gefährten.

© picture-alliance/ dpa/dpaweb Vergrößern "Goldener Reis" neben weißem Reis

Wieder verschoben. Der Goldene Reis wird auch in diesem Jahr keine Zulassung erhalten, weder auf den Philippinen noch in Indien oder Bangladesch. 2016 ist das neue – vorläufige – Datum. Der gelbe, Provitamin-A-haltige Reis, der 1999 von der deutsch-schweizerischen Gruppe um Ingo Potrykus und Peter Beyer mit Gentechnik erzeugt und 2002 marktreif entwickelt worden war, wird seinen humanitären Zweck weiterhin nicht erfüllen können. Drei weitere Jahre, das sind, mit den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation gerechnet, eine Dreiviertelmillion mehr Kleinkinder, die wegen Vitamin A-Mangel erblinden, die vermehrt Infektionen wie Masern ausgeliefert sind und mit irreversiblen Entwicklungsstörungen rechnen müssen. Die Betroffenen sind aber nicht nur Kinder. Zwei Millionen Menschen, vorwiegend in Ländern, in denen Reis das Hauptnahrungsmittel ist, sterben oder erblinden jedes Jahr, weil sie zu wenig Vitamin A zu sich nehmen.

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Eine halbe Tasse Goldener Reis täglich, schon 40 bis 60 Gramm, könnte das verhindern. Die Opposition gegen den gentechnischen Reis sorgt hingegen dafür, dass das nicht geschieht. Aus Sorge, der Goldene Reis könnte zum biopolitischen Einfallstor – die Gegner sprechen vom „Trojanischen Pferd“ der Biotech-Industrie – für eine neue gentechnikfreundliche Kultur werden. „Es ist eine bittere Ironie, dass die Blockade gegen den lebensrettenden Goldenen Reis sogar noch erfolgreicher ist als gegen jeden Genmais oder gegen transgene Baumwolle“, sagt Patrick Moore. Der kanadische Ökologe, Autor und Unternehmer hat Anfang der siebziger Jahre die Umweltschutzorganisation Greenpeace mitbegründet, zu dritt haben sie das Verbot oberirdischer Atomwaffentests durch ihre Protestaktionen auf UN-Sitzungen erreicht, Moores Unterschrift steht unter der Gründungsurkunde von Greenpeace Deutschland in Hamburg. Doch diese Woche ist er nicht nach Berlin und Hamburg gekommen, um einen Höflichkeitsbesuch abzustatten, sondern um den Kampf gegen Greenpeace zu suchen. Moore will die ideologische und mancherorts auch politische Macht von Greenpeace gegen den Goldenen Reis brechen.

Moralische Abgründe

Sein ehemaliger Ökoverein ist mit der jahrelangen Kampagne gegen Gentechnik weltweit neben „Friends of the Earth“ der Meinungsführer gegen die Einführung der neuen Reissorte. „Es sind moralische Abgründe, die viele Unterstützer und Aktivisten in der Organisation intellektuell offenbar gar nicht erfassen“, klagt Moore. Von den 300 Millionen Dollar an Spendengeldern, die der Umweltkonzern kassiere, fließe ein beträchtlicher Teil in die „Desinformationskampagne, die so viel Leid verursacht“. Der Greenpeace-Aussteiger hat mit seiner Familie und der seines Bruders Michael, einem Musiker und PR-Berater, die „Allow Golden Rice Society“ gegründet. In dieser und der kommenden Woche sind die beiden zusammen mit dem Schweizer Botaniker und Gentechnik-Kenner Klaus Ammann nach einem Vortrag im Berliner Humboldt University Forum unterwegs zu den Greenpeace-Zentralen in Hamburg, Amsterdam, Brüssel, Rom und London, um den Meinungskampf mit den Umweltaktivisten aufzunehmen und Informationsstände aufzubauen. „Wir nehmen mit unserer eigenen Kampagne den Kampf auf“, sagt Moore. „Es wäre zwar zu viel verlangt, die Haltung von Greenpeace zur Gentechnik grundsätzlich zu drehen, aber wenigstens für den Goldenen Reis sollten sie aus humanitären Gründen eine Ausnahme machen.“

Bild / Greenpeace / Patrick Moore © privat Vergrößern Patrick Moore

Die neue Pro-Genreis-Koalition, an der sich auch wissenschaftsfreundliche Organisationen beteiligen, hat den Umweltaktivisten allerdings wenig entgegenzusetzen. Sechstausend Euro hat man akquiriert für die Anti-Greenpeace-Aktion. Industriemittel lehnen Moore und seine Unterstützer ab. Dabei weiß auch der kanadische Ex-Greenpeace-Chef, dass die Machtlosigkeit der Wissenschaftler, die seit Jahren für den Genreis kämpfen, mit der Mittellosigkeit und dem fehlenden Einfluss in den jeweiligen Ländern zu tun hat. Bill Gates, der sich in einer Rede vor wenigen Tagen zur weiteren Förderung der Agro-Gentechnik durch die Bill-und-Melinda-Gates-Foundation bekannt hat, sorgte dafür, dass die von der philippinischen Regierungsbehörde geforderten – und von Aktivisten attackierten – Freisetzungsversuche mit den lokal gezüchteten Goldener-Reis-Sorten vorgenommen werden konnten. Viele rechneten mit einer schnellen Zulassung. Doch jetzt werden zusätzliche Fütterungsstudien und Feldversuche verlangt.

Politische Blockade

Justus Wesseler von der Technischen Universität München-Weihenstephan in Freising hat zusammen mit dem kalifornischen Agronomen David Zilberman die ökonomische Macht der Golden-Reis-Opposition in Indien erforscht („Environmental and Development Economics“, doi: 10.1017/S1355770X130065X). Indien wurde wegen seines Bevölkerungswachstums und der Bedeutung seiner Landwirtschaft von jeher als eines der Länder mit dem größten humanitären Potential für den Genreis gehandelt. Die politische Blockade, so kalkuliert Wesseler, hat allein durch die direkten Krankheitskosten in zehn Jahren schon mehr als 1,4 Millionen Lebensjahre gekostet. Die „politische ökonomische Macht“ der Lobbygruppen, die mit den – wissenschaftlich fragwürdigen – Argumenten der Gentechnik-Kritiker den Zulassungsprozess blockieren, beziffern die beiden Agroökonomen auf knapp 200 Millionen Euro jährlich. Das sind die Kosten, die die Regierung für die bevölkerungsweite Einführung des Goldenen Reises spart und die die etablierten Wettbewerber an Marktvorteilen seit mehr als zehn Jahren jeweils für sich verbuchen können. Um nackte Humanität, das machen solche Rechnungen deutlich, geht es schon lange nicht mehr.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 15.01.2014, 13:00 Uhr