Home
http://www.faz.net/-gx3-766q9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Jeder fünfte Student nimmt Pillen Hirndoping boomt an Universitäten

Jeder fünfte deutsche Student nutzt künstliche Mittel zur Leistungsförderung. Das zeigt die bisher größte und aussagekräftigste Studie von Mainzer Wissenschaftlern und Medizinern.

© dpa Vergrößern Hilft das Neuro-Enhancement nur bei der Defizitbehebung?

Hirndoping ist an Universitäten offenbar viel weiter verbreitet als gedacht.  Im Schnitt nimmt jeder fünfte Student  zumindest phasenweise Pillen,  die dafür sorgen sollen, dass er sich besser konzentrieren kann oder beim Lernen nachts länger durchhält.  Dazu gehören Koffein-Tabletten zum Aufputschen, aber prinzipiell auch harte verschreibungspflichtige Mittel -  beispielsweise Stimmungsaufheller und Arzneien zur Behandlung  seelischer Leiden wie Ritalin gegen das  ADHS-Hyperaktivitätssyndrom, Modafinil gegen Schläfrigkeit, Alzheimer-Medikamente sowie  Amphetamine wie Mephedron oder illegale  Drogen. 

Joachim  Müller-Jung Folgen:    

In der Fachzeitschrift „Pharmacotherapy“ (Bd.33, S.44) präsentieren Mainzer Wissenschaftler die Ergebnisse der bisher umfangreichsten und aussagekräftigsten Hochschulstudie zum Thema  Leistungssteigerung durch „Neuro-Enhancement“.

Nicht so schlimm wie in Amerika, dachten viele

Jahrelang waren die meisten Experten davon ausgegangen, dass der Anteil an Schülern, Studenten und Wissenschaftlern, die ihre kognitiven Leistungen mit Hilfe von Pharmasubstanzen zu verbessern versuchen, hierzulande kaum über drei bis fünf Prozent liege. So lauteten jedenfalls die Ergebnisse einiger weniger anonymer Online-Befragungen und Fragebogenaktionen. Selbst nachdem im Jahr 2008 die renommierte britische Zeitschrift „Nature“ nach einer anonymen Umfrage unter ihren Lesern – vornehmlich Naturwissenschaftlern – von einem Anteil von 20 Prozent berichtet hatte, waren viele immer noch nicht überzeugt, dass an deutschen Hochschulen ähnliche Verhältnisse eingekehrt sein könnten wie bekanntermaßen an amerikanischen Universitäten. Eine Online-Befragung von 3000 Büroangestellten ein Jahr später verstärkte diese Auffassung noch. Nur fünf Prozent gaben in der Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse an, mindestens einmal im Leben auf psychostimulierende Substanzen zurück gegriffen zu haben.

Mehr zum Thema

Doch schon eine kleinere Erhebung mit 512 Universitätsstudenten in Mainz vor zwei Jahren hatte  gezeigt, dass zumindest die Koffein-Tabletten auf dem Campus geschätzt werden. Von den hierzulande lediglich in Apotheken erhältlichen, hochdosierten Tabletten sollte man nie mehr als eine schlucken, oft nur eine halbe je nach Dosierung. Viele Nutzer jedoch nehmen, wie die einschlägigen Foren im Internet zeigen, schnell mal drei oder mehr am Tag. Mehr als zehn Prozent der befragten Mainzer Studenten hatte angegeben, mindestens schon einmal eine Koffein-Tablette probiert zu haben. Bei 3,8 Prozent lag die Einnahme nicht einmal ein Jahr zurück.

19195604 © Martinos Center for Biomedical Imaging, Randy Buckner Vergrößern Das menschliche Gehirn: Sichtbar gemacht sind hier Nervenbahnen der weißen Hirnsubstanz, die verschiedene Regionen verknüpfen.


Nach dieser Erfahrung ließen die  Mainzer Sportwissenschaftler und Psychiater um Klaus Lieb und Simon Perikles, die seit Jahren Daten über Doping sammeln, nicht nach. Im Gegenteil. Mit einer  noch größeren und methodisch moderneren, zuverlässigeren Fragetechnik hakte ihr Team um Pavel Dietz und Rolf Ulrich nun bei 2834 Studenten in verschiedenen Fakultäten nach.  Mit bemerkenswertem Erfolg – und einer ersten Überraschung:  Denn die allermeisten Befragten antworteten anders als früher. In den 2569 zurückgesandten und 2557 ausgewerteten Fragebögen  gaben in der neuen Studie exakt 20 Prozent an, in den zurückliegenden zwölf Monaten mindestens einmal Hirnstimulantien verwendet zu haben. Lediglich drei Prozent gaben an, die Psychopharmaka wegen psychiatrischer Störungen vom Art verschrieben zu bekommen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gefährliche Getränke Ein Nagellack soll vor K.O.-Tropfen warnen

Vier amerikanische Studenten entwickeln einen speziellen Nagellack, der seine Farbe verändert, um Frauen vor Vergewaltigungen zu schützen. Nicht alle freut das. Mehr

27.08.2014, 12:52 Uhr | Wirtschaft
Neues Herzmedikament Blockbuster mit zwei Gesichtern?

Als Meilenstein wurde am Wochenende ein neues Herzmedikament gefeiert. Die klinische Studie dazu nährt die Hoffnung des Konzerns auf Milliardengewinne. Doch der neue Wirkstoff könnte die Bemühungen um ein Alzheimer-Medikament zunichte machen. Mehr

31.08.2014, 12:27 Uhr | Wissen
+++ Klimaticker August +++ Klimadollars, Inselräumung, Gletscherverluste

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update zu den Gesundheitskosten der Klimapolitik, den Ökoflüchtlingen der Solomon-Inseln und der menschengemachten Gletscherschmelze. Mehr

24.08.2014, 11:03 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.01.2013, 14:08 Uhr

Berliner Zukunft

Von Christian Schwägerl

Gas geben oder bremsen - wofür entscheidet sich die Bundesforschungsministerin? Sie kann es sich aussuchen, in welche Art von Innovationen sie ihre stattlichen 14 Milliarden Euro anlegt. Ein Vorausblick in den Foresight-Bericht. Mehr 3