30.11.2005 · Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Zeda F. Rosenberg, die Geschäftsführerin der „International Partnership for Microbicides“, über wirksamen HIV-Schutz speziell für Frauen.
Zeda F. Rosenberg, die Geschäftsführerin der „International Partnership for Microbicides“, im F.A.Z.-Interview.
Was sind Mikrobiozide?
Das sind vaginale Substanzen, die Frauen vor einer HIV-Infektion schützen sollen. Das können Gels oder Cremes sein, die in die Vagina eingeführt werden, ähnlich einem Spermizid, das es ja schon auf dem Markt gibt.
Wie werden sie eingeführt?
Ganz einfach mit einem Applikator oder einem vaginalen Ring. Damit wird ein dünner Film aufgetragen, nicht sehr tief, da sich das Gel oder die Creme selbst verteilt. Die Anwendung ist nicht unangenehm. Frauen sind es gewohnt, zum Beispiel Tampons in ihre Vagina einzuführen. Selbst in Entwicklungsländern gibt es ähnliche Formen der Hygiene.
Gibt es etwas Vergleichbares auf dem Markt?
Nein. Zumindest nicht für Frauen. Die Idee kam erst mit HIV/Aids auf, weil viele der anderen sexuell übertragbaren Krankheiten durch Antibiotika geheilt werden können. Eine chemische Viren-Blockade schien deshalb bislang nicht notwendig.
Wäre ein Aids-Impfstoff nicht sinnvoller?
Wir alle setzen natürlich große Hoffnungen auf einen HIV-Impfstoff. Doch zur Zeit ist nicht einmal absehbar, ob und wann ein Impfstoff auf den Markt kommt. In der Mikrobiozid-Forschung sind wir indes sehr viel weiter: Allerdings wird es vermutlich noch bis zum Jahr 2010 dauern, bevor die ersten Präparate zugelassen werden. Einige Mikrobiozide werden bereits klinisch getestet.
Welche Vorteile bringen Mikrobiozide?
Schutz vor einer HIV-Infektion bieten zur Zeit nur Kondome. Dadurch werden Frauen vor allem in den Entwicklungsländern häufig zu Opfern, weil sie oft keine Kontrolle haben. Der Gebrauch eines Kondoms ist in vielen Ländern eine Entscheidung des Mannes, nicht der Frau.
Die Krankheit Aids gibt es seit mindestens 20 Jahren. Warum kam man nicht früher auf die Idee, Mikrobiozide zu entwickeln?
Die Präparate, die jetzt in der klinischen Phase sind, wurden schon 1989/90 entwickelt. Der Prozeß hat nur so lange gedauert, weil die finanzielle Unterstützung schlecht war. Normalerweise arbeiten pharmazeutische Firmen schneller. Sie überlegen sich, was gebraucht wird, und setzen dann viel Geld ein, um rasch ans Ziel zu gelangen. Bei den Mikrobioziden war das Interesse gering: Wir mußten uns immer wieder um neues Geld bemühen, für jeden Schritt benötigten wir Monate.
Sind deutsche Unternehmen beteiligt?
Bislang nicht. Entscheidend beteiligt ist die belgische Firma Tibotec Pharmaceuticals Ltd. Sie gehört zum amerikanischen Konzern Johnson & Johnson. Besonders vielversprechend ist auch die Zusammenarbeit mit Bristol-Myers Squibb und Merck sowie einige Partnerschaften mit Glaxo Smith Kline. Wir hoffen aber auch auf Boehringer Ingelheim, die das Aids-Medikament Viramune (Nevirapin) entwickelt haben, das auch für die Mikrobiozid-Entwicklung wichtig ist.
Werden Mikrobiozide verschreibungspflichtig sein?
In den Vereinigten Staaten und Europa vermutlich schon. In den Entwicklungsländern stellt sich die Frage, ob Ärzte oder Krankenschwestern die Mikrobiozide an Frauen verteilen werden, ob sie in Kliniken zur Familienplanung oder bei Freiwilligen-Organisationen ausgegeben werden, oder ob sie an Kiosks verkauft werden, zusammen mit Zeitschriften und Coca-Cola. Das hängt wohl davon ab, wie sicher das Produkt ist. Aspirin wird ja auch über den Ladentisch verkauft.
Was wäre Ihnen denn am liebsten?
Mikrobiozide in einem Automaten anzubieten! Wichtig ist, daß Frauen so schnell und einfach wie möglich Zugang zu den Präparaten haben, ohne daß der Partner Verdacht schöpft. Frauen sollten sich nicht vor ihren Männern fürchten müssen, sobald diese herausfinden, daß ihre Partnerinnen einen HIV-Schutz verwenden. Das hieße ja, sie mißtraut ihm und glaubt, er gehe fremd oder sei HIV-positiv. Besser wäre es, wenn die Frau im Zweifel behaupten könnte, ich nehme doch nur ein vaginales Hygieneprodukt, weil es gut riecht und ich mich sauberer damit fühle.
Das heißt, Mikrobiozide sind vor allem für Frauen in Entwicklungsländern gedacht?
Nein, sie können auch sinnvoll sein für Europäerinnen oder Amerikanerinnen. Wenn eine Frau aber durchsetzen kann, daß der Mann ein Kondom verwendet, dann sollte ein Mikrobiozid keine Alternative sein. Ein Kondom ist in jedem Fall sicherer. Frauen im Westen haben aber oft ähnliche Probleme wie Frauen in der Dritten Welt: Sie sind häufig wirtschaftlich von Männern abhängig - denken Sie nur an Prostituierte. Und wenn der Mann kein Kondom verwenden will, dann hat die Frau keine Wahl.
Wie teuer werden Mikrobiozide sein?
Sie müssen sehr preiswert sein, damit sich Frauen in Afrika die Präparate leisten können. Ich rede von weniger als einem Cent pro Dosis. Darum haben ja die pharmazeutischen Unternehmen kein großes Interesse an Mikrobioziden: Sie glauben, daß kein Markt vorhanden ist, der Profit verspricht. So sind wir auf die Unterstützung von zum Beispiel der Weltbank, den Vereinten Nationen und dem "Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria" angewiesen. Viel Geld kommt auch von der Gates- und der Rockefeller-Stiftung, der amerikanischen Regierung, vom britischen "Department for International Development" (DFID), von der Europäischen Union, den skandinavischen Ländern, den Niederlanden, Irland und Kanada. In Deutschland allerdings war das Interesse bislang eher gering.
Warum ist es schwierig, Menschen dazu zu bewegen, Kondome zu verwenden?
Weil die Leute sie nicht mögen. Jeder, der eine Weile mit jemandem zusammen ist, baut auf Vertrauen und verzichtet früher oder später auf Kondome. Zudem spielt Hautkontakt in Afrika eine große Rolle. Und Frauen wollen natürlich Kinder bekommen. Es gibt viele Gründe, warum Kondome nicht akzeptiert werden. Deswegen kommt es auf die richtige Marketing-Strategie an: Wir brauchen gute Produkte, die Frauen wirklich mögen.
Wie werden Männer auf Mikrobiozide reagieren?
Es gibt bereits Studien, wie afrikanische und thailändische Männer reagieren: Sie scheinen es zu mögen. Beim Sex stört es nicht, und das ist vor allem den Männern wichtig. Sie geben in Afrika den Ton an. Dort ist es übrigens durchaus auch ein Politikum, daß Männer befürchten, ihre Frauen werden durch Mikrobiozide promiskuitiv.
Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.