06.04.2005 · Immer häufiger bringen Kranke ihre neueste Online-Recherche mit in die Arztpraxis. Doch die Fülle der Informationen überfordert oft nicht nur den Patienten, sondern auch den Arzt.
Von Martina Lenzen-SchulteImmer häufiger bringen Kranke ihre neueste Online-Recherche mit in die Arztpraxis. Eine Umfrage der Humboldt-Universität in Berlin unter 360 Patienten hat ergeben, daß drei Viertel von ihnen schon einmal solcherart vorinformiert ins Beratungsgespräch gingen. Über die Hälfte hat den Eindruck, der Arzt könne gut damit umgehen, aber ein knappes Viertel glaubt immerhin, als Laie den eigentlichen Experten zu überfordern.
In den Vereinigten Staaten klafft laut Wall Street Journal die größte Lücke zwischen dem, was Patienten von ihrem Arzt erwarten, und dem, was dieser ihnen bietet, in der mangelnden Aktualität seines medizinischen Wissens. Konsequent wie nie zuvor wurden daher auf dem diesjährigen Internistenkongreß in Wiesbaden Internetrecherchen nicht nur in Symposien wissenschaftlich diskutiert, sondern auch in zahlreichen Kursen für Ärzte angeboten.
Täglich 800 neue Fachartikel
Der Druck ist immens. Zum Beispiel bietet Medline, die führende medizinische Datenbank, eine Auswahl unter fünf Millionen Fachartikeln, und täglich kommen 800 hinzu. Mit diesen Zahlen machte Martin Fischer von der Medizinischen Klinik der Universität München deutlich, daß die Informationsflut mit herkömmlichen Lese- und Lerngewohnheiten nicht zu bewältigen ist. Er zitierte den Herausgeber des British Medical Journal, der vermutet, daß ohnehin nur ein Prozent aller Fachartikel von jenen gelesen werden, für die sie geschrieben sind. Die Versuche, Ärzte darauf zu schulen, fachliche Basisinformationen kritisch zu bewerten, waren nur teilweise erfolgreich. Eine bessere Behandlung der Patienten ergab sich jedenfalls nicht daraus.
Der Bündelung zahlreicher Fachartikel in Kurzfassungen der sogenannten Abstract-Journals blieb der durchschlagende Erfolg ebenso versagt wie den anspruchsvollen Auswertungen vieler Einzelstudien in der Cochrane-Bibliothek. Mag das wissenschaftliche Gütesiegel der Cochrane-Übersichten auch außer Zweifel stehen - sie beantworten zu oft nicht genau jene Frage, die der Kliniker stellen würde. Und schließlich geht auch schon die Rede von der Leitlinien-Apoptose um, vom gleichsam selbstinduzierten Kollaps jener Handreichungen, die die medizinischen Fachgesellschaften eigentlich zur Erleichterung der täglichen Arbeit ihrer Mitglieder erarbeiten.
Up to date mit „UpToDate“
In die Lücke stößt mit zunehmendem Erfolg ein amerikanisches Konzept, das überdies noch genauso heißt, wie alle Ärzte gerne wären, nämlich "UpToDate". Es handelt sich um ein medizinisches Informationssystem, das mit Hilfe von mehr als 3000 Fachärzten aus führenden Kliniken der Vereinigten Staaten rund 7500 Themen abhandelt. Alle vier Monate werden bedeutsame Neuerungen aus etwa 330 Fachzeitschriften eingearbeitet. Aber nicht die Bewältigung der schieren Fakten ist das Erfolgsgeheimnis. Dieses liegt vielmehr in der Nutzbarmachung des Wissens für den Arzt. "Ärzte brauchen nicht nur Informationen; was sie vor allem brauchen, sind konkrete Anweisungen für die Behandlung ihrer Patienten." So beschreibt Denise Basow, Ärztin von der Harvard Medical School und Vizepräsidentin von "UpToDate", in einem Gespräch die Philosophie dieses einzigartigen Nachschlagewerkes. Der Siegeszug in Deutschland beginnt gerade erst. Nach Angaben von Fischer wird UpToDate an der Universität München schon viel häufiger genutzt als alle anderen Quellen. Eduard Stange vom Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart und Jürgen Schäfer von der Universitätsklinik in Marburg demonstrierten anhand von Beispielen aus ihren Kliniken eindrucksvoll, wie schnell sich mittels eines solchen Systems auch schwierige Diagnosen finden lassen.
Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin legt ihren Mitgliedern inzwischen nahe, diese Quelle ärztlichen Wissens zu nutzen. Einer solchen offiziellen Empfehlung bedarf es aber eigentlich schon nicht mehr. Die hoffnungsvollen Erkundigungen unter den Zuhörern im Saal ließen ahnen, daß es hier einen Markt von weithin enttäuschten Ärzten zu erobern gibt. Die vorsichtige Kritik bezog sich denn auch lediglich auf die mögliche Monopolstellung dieses Mammutlehrbuches. Außerdem ist das bereitgestellte Fachwissen, das klang in Wiesbaden ebenfalls an, noch zu amerikalastig. Zuwenig seien die europäischen Leitlinien berücksichtigt, manche Krankheit würde hier eben anders behandelt. Angesichts des Versagens aller hiesigen Versuche, ein derart überzeugendes Hilfsmittel für die tägliche ärztliche Praxis bereitzustellen, sind das allerdings eher Schönheitsfehler als ernsthafte Mängel.
Deutsche Ärzte trauen am allerwenigsten den medizinischen Informationen aus der pharmazeutischen Industrie, wie eine Umfrage der Universität Regensburg gezeigt hat. Diese Skepsis teilt UpToDate und verzichtet aus Prinzip auf jegliche Werbung, um die eigene Unabhängigkeit zu wahren. Ein weiteres Angebot sind rund 300 Themen, die eigens auf Patienten zugeschnitten sind. Das dürfte für jene Ärzte interessant sein, die eine verläßliche Informationsquelle empfehlen möchten. Viele Patienten finden sich in der verwirrenden Fülle der Internetdetails nicht zurecht und erwarten Hilfe, gleichsam ein ärztliches Rezept für Websites. Das ist wohl auch notwendig, denn nicht alles, was sie finden, ist ihnen zuträglich.
Schlechtere Behandlungsergebnisse
Auf dem Kongreß zitierte Christoph Bobrowski von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf aus einer jüngsten Metaanalyse, wonach chronisch Kranke nach Internet-Schulung zwar besser über ihr Leiden informiert sind als die vom Arzt unterwiesenen. Dennoch führt die Behandlung bei ihnen zu schlechteren Ergebnissen. Woran das liegt, ist nicht klar. Möglich wäre zum Beispiel, daß eine überzeugende und klare Anweisung eher umzusetzen ist als eine Vielzahl von Informationen, die die konsequente Behandlung nicht mit genügendem Nachdruck einfordern.