11.08.2004 · Eignet sich das Internet als Medizinratgeber? Stichproben von Pharmakologen deuten auf ein „Sicherheitsrisiko“ hin, was die vorhandenen Informationen zu Medikamenten und ihre Anwendung betrifft.
Von Joachim Müller-JungDer Verkauf von Arzneimitteln, zumindest von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten, ist inzwischen bei dem populärsten aller Internet-Auktionshäuser angekommen. Es ist die logische Fortsetzung einer in den neunziger Jahren angelaufenen Entwicklung. Der Gesundheitsmarkt, aber auch die Medizin selbst - die Ausbildung wie die Beratung der "Kunden" - nimmt zunehmend die Form eines halb wirklichen, halb virtuellen und global vernetzten Unternehmens an. Eine Entwicklung, deren Chancen auf der Hand liegen: das Internet als riesige Informations- und Wissensbörse einerseits und als schnelles, physisch anspruchsloses Kommunikationsmedium anderseits. Eine Entwicklung aber auch, die ihre Tücken erst mit einiger Verzögerung offenbart. So wenig nämlich die Inhalte des Internets selbst einer öffentlichen Kontrolle unterliegen, so schwer ist auch die Brauchbarkeit oder gar die Gefährlichkeit der medizinischen Netzinhalte zu überprüfen.
Das der Weltgesundheitsorganisation angegliederte "International Narcotics Control Board" in Wien sah sich angesichts des weltweit zunehmenden Internethandels insbesondere mit Psychopharmaka und Betäubungsmitteln unlängst zu einem Appell "für durchgreifende Maßnahmen" gegen den ausufernden Cyberhandel gezwungen. Bei einigen amerikanischen Internetapotheken, die man überprüft hatte, bestand die Handelsware bis zu neunzig Prozent aus verschreibungspflichtigen Psychodrogen wie dem amphetaminähnlichen Medikament Ritalin, dem Depressionsmittel Prozac, dem Schmerzmittel Valium oder bestimmten Morphinderivaten. In den meisten Fällen wurden die Substanzen auch nach Übersee exportiert.
Ein „Sicherheitsrisiko“
Eine nicht weniger beunruhigende Bilanz hatte vor einiger Zeit eine Gruppe von Heidelberger Pharmakologen nach ihren Recherchen im Internet gezogen. Die Gruppe um Walter Haefeli, Meret Martin-Facklam, Michael Kostrzewa und Peter Martin von der Universitätsklinik Innere Medizin VI hat mehr als dreihundert medizinische Homepages inspiziert, die sich mit dem Potenzmittel Viagra beschäftigen. Fazit: Viele der Informationen zu dem Lifestyle-Produkt sind nicht nur unvollständig und ungenau, sondern nach Ansicht der Pharmakologen ein veritables "Sicherheitsrisiko". Das betrifft sowohl die deutschen wie die ebenfalls untersuchten englischen, französischen und italienischen Internetseiten.
Zwar machen fast neunzig Prozent der Anbieter richtige Angaben zur Verwendung des Medikaments bei Impotenz. Aber schon bei den Angaben über die erlaubte Dosis und die Häufigkeit der Einnahme haben die Heidelberger Wissenschaftler größere Defizite festgestellt. Bei einem Drittel der Internetseiten fehlte selbst der wichtige und nützliche Hinweis, daß das Mittel eine Stunde vor dem Eintritt der gewünschten Wirkung eingenommen werden sollte. Ungenügend ist auch in vielen Fällen die Aufklärung über Nebenwirkungen: Einige der gängigsten und meistens harmlosen Nebenwirkungen wie Sehstörungen und Kopfschmerzen wurden in der Regel zwar genannt.
Aber oft fehlten wichtige Hinweise auf zwar seltene, jedoch möglicherweise bedrohliche Eigenschaften des Wirkstoffs Sildenafil wie etwa die Wechselwirkungen mit bestimmten Antibiotika oder antiviralen Substanzen. Alles in allem, so resümierten die Forscher in einer Veröffentlichung in der Zeitschrift "British Journal of Clinical Pharmacology" (Bd.57, S.80), dürften nur solche Internetseiten als verläßliches Informationsmedium zum Thema Viagra gelten, die nicht nur Produktinformationen liefern, sondern ihre Texte mit Referenzlisten aus der Fachliteratur untermauerten. Eine Erfahrung, die die Heidelberger Gruppe auch bei einer früheren Recherche zum beliebten Naturheilmittel Johanniskraut gemacht hatten.
Cyberberater für Frauen mit Brustkrebs
Im Falle des Potenzmittels Viagra sind diese Beobachtungen vor allem deshalb so wertvoll, weil das Mittel, sofern es nicht wegen krankheitsbedingter Impotenz verschrieben wird, in der konventionellen Apotheke außerordentlich teuer ist - jedenfalls deutlich teurer als auf dem anschwellenden virtuellen Arzneimittelmarkt. Das Netz entwickelt sich in solchen Fällen schnell zum internationalen Tummelplatz für Patienten oder für solche, die sich dafür halten.
Das wird, so sollte man meinen, ganz anders sein bei privaten medizinischen Dienstleistungen, die nur der Hausarzt oder etwa eine humangenetische Beratungsstelle zu bieten hat. An der Penn State University in Hershey glaubt man nun jedoch, zumindest was den Humangenetiker angeht, das Gegenteil beweisen zu können. Am College of Medicine haben Michael Green und seine Kollegen ein Computerprogramm getestet, das als virtueller humangenetischer Berater für "Frauen mit einem niedrigen genetischen Risiko für Brustkrebs" dienen soll. Mit anderen Worten: Annähernd neunzig Prozent der Frauen sollen den Cyberberater nutzen. Das interaktive Programm hat, wie die Mediziner in der Zeitschrift der Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft ("Jama", Bd. 292, S. 442) berichten, besser abgeschnitten als ein echter Humangenetiker, wenn es um die Vermittlung des Basiswissens und die Einschätzung des individuellen genetischen Krebsrisikos geht.
Was hierzulande (zumindest noch) undenkbar scheint, klingt in amerikanischen Ohren keineswegs so abwegig. Denn in ganz Amerika gibt es nach Aussagen der Mediziner nur an die vierhundert Humangenetiker, die über genetische Krebsrisiken ausreichend Bescheid wüßten. Aber in mehr als 50 Millionen Haushalten steht ein mit dem Internet verbundener Computer.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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