23.07.2009 · Trotz medizinischer Betreuung bleiben für viele Patienten mit plötzlichem Herzstillstand die Widerbelebungsversuche erfolglos. Die Ursachen sind vielfältig. Häufig mangelt es an Kenntnissen und am Praxistraining des medizinischen Personals.
Von Nicola von LutterottiEin plötzlicher Herzstillstand endet selbst dann meist tödlich, wenn sich der Betroffene im Krankenhaus und damit in unmittelbarer Nähe medizinischer Fachkräfte befindet. Die Erfolgsaussichten der hier unternommenen Wiederbelebungsversuche haben sich in den vergangenen 15 Jahren zudem nicht verbessert. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommen jedenfalls amerikanische Wissenschaftler nach umfangreichen Analysen, denen die Patientendaten der großen amerikanischen Krankenversicherung Medicare zugrunde liegen.
Ihr Augenmerk richteten die Forscher ausschließlich auf Personen, die mindestens 65 Jahre alt waren und zwischen 1992 und 2004 ein Krankenhaus aufgesucht hatten. Wie der Intensivmediziner William Ehlenbach vom Harborview Medical Center der University of Seattle (Washington) und seine Kollegen im "New England Journal of Medicine" (Bd. 361, S. 22) berichten, waren im untersuchten Zeitraum rund 160 Millionen ältere Medicare-Versicherte in einer amerikanischen Klinik versorgt worden. Bei knapp 434 000 wurde während des stationären Aufenthalts ein Kreislaufstillstand festgestellt und daraufhin eine Reanimation eingeleitet.
Schlechte Erholungschancen
Lediglich achtzehn Prozent der Betroffenen blieben am Leben. Nennenswerte Schwankungen der Sterblichkeit von einem Jahr zum nächsten oder gar ein Trend zum Besseren waren dabei nicht zu erkennen. Bei den alten und gebrechlichen Personen lag die Überlebensrate zwar teilweise deutlich unter 18 Prozent, bei den jüngeren und rüstigeren darüber. Allerdings überstieg selbst im günstigsten Fall der Anteil an Geretteten jenen des Gesamtkollektivs nur um wenige Prozentpunkte.
Viele der Überlebenden schienen sich vom Kreislaufstillstand zudem nicht erholt zu haben. Nur etwa die Hälfte von ihnen konnte nach Entlassung aus der Klinik nach Hause zurückkehren; die übrigen wurden in ein anderes Hospital verlegt oder in ein Pflegeheim eingewiesen. Fast identische Resultate lieferte übrigens unlängst eine Untersuchung, die das Schicksal von im Krankenhaus wiederbelebten Erwachsenen aller Altersgruppen - also auch jungen Männern und Frauen - verfolgt hat.
Umfrage zur Ausbildung von Klinikärzten
Weshalb Wiederbelebungsversuche auch innerhalb der Krankenhausmauern so häufig vergebens sind, geht aus den aktuellen Studien nicht hervor. Wie man jedoch weiß, gibt es eine Reihe von Faktoren, die den Ausgang solcher Bemühungen beeinflussen. Neben der Schwere der Erkrankung und dem Alter des Betroffenen zählt hierzu vor allem die Dauer des Herzstillstands, aber auch die einschlägige Erfahrung des Personals.
Was die Reanimationspraxis von Klinikärzten betrifft, scheint hier vieles im Argen zu liegen. Anlass zu Bedenken geben jedenfalls die Ergebnisse einer Umfrage, an der Anästhesisten und Internisten aus deutschen, österreichischen und schweizerischen Großkrankenhäusern mitgewirkt haben. Ziel der Untersuchung war unter anderem die Klärung der Frage, wie viel Reanimationstraining die Klinikärzte erhalten und ob dieses den Standards entspricht.
Schon der geringe Rücklauf legt die Vermutung nahe, dass in den Kliniken nicht alles zum Besten steht: Von 440 angeschriebenen anästhesiologischen und internistischen Fachabteilungen füllten lediglich 166 den Fragebogen aus und sandten ihn zurück. Ob und wie viel die nicht teilnehmenden Klinken zu verbergen hatten, lässt sich hieraus zwar nicht ersehen. Umgekehrt ist aber anzunehmen, dass die antwortenden Krankenhäuser eine positive Auslese darstellten - es sich also vermutlich mehrheitlich um Hospitäler handelte, die entsprechende Schulungen vornehmen.
Zu wenige Kurse
Doch auch bei diesen haben Studienleiterin Sylvia Siebig von der Universität in Regensburg und ihre Kollegen teilweise erhebliche Mängel zutage gefördert ("Deutsches Ärzteblatt", Bd. 106, S. 65). Demnach scheinen 55 der 111 an der Umfrage beteiligten Krankenhäuser überhaupt kein Wiederbelebungstraining anzubieten. Aber auch bei den übrigen Häusern scheint nicht alles leitliniengerecht zu verlaufen. Jedenfalls finden bei rund der Hälfte von ihnen nur einmal im Jahr solche Schulungen statt.
Zudem wird das Praxistraining mehrheitlich von Ärzten geleitet, die für diese Aufgabe nicht eigens ausgebildet sind. Regelmäßige Auffrischkurse unter Anleitung von Experten ist aber deshalb so wichtig, weil bei einer Reanimation alles schnell gehen und jeder Handgriff sitzen muss. Denn die Aussicht, einen Herzstillstand unbeschadet zu überleben, sinkt nach drei bis fünf Minuten dramatisch ab und liegt nach zehn Minuten bereits deutlich unter 30 Prozent.
Auch bei dem erst kürzlich am Herztod verstorbenen Sänger Michael Jackson kam jede Hilfe zu spät. Und das, obwohl der "King of Pop" von ausgewiesenen Experten behandelt wurde: So bemühen sich die Ärzte des Universitätsklinikums in Los Angeles seit Jahren aktiv um eine Verbesserung der Reanimationstherapie und haben sich hier bereits weltweit einen Namen gemacht. Jetzt, kurz nach dem Tod des Stars, könnte die Forschung endlich vor einem Durchbruch stehen.
Ein neues Verfahren
Zuversichtlich stimmen wenigstens die kürzlich auf einem Kongress in den Vereinigten Staaten präsentierten Untersuchungsergebnisse, die Forscher um den Herzchirurgen Friedhelm Beyersdorf von der Universitätsklinik in Freiburg zusammen mit ihren Kollegen in Los Angeles vorgenommen haben. Das von ihnen entwickelte Verfahren erlaubt es offenbar, den Kreislauf auch noch 15 Minuten nach dem Herzstillstand wieder in Gang zu bringen. Dabei scheinen keine neurologischen Defekte zurückzubleiben.
Wie Beyersdorf in einem Gespräch mit dieser Zeitung sagte, besteht das Neue ihres Verfahrens unter anderem in einer speziellen Vorbehandlung der Blutbahnen. So seien die derzeitigen Wiederbelebungsmaßnahmen deshalb so oft erfolglos, weil sie nicht berücksichtigten, dass nach einem Kreislaufstillstand innerhalb kurzer Zeit chemisch aggressive Stoffe im Blut anfallen. Diese werden den Betroffenen gleichwohl erst zum Verhängnis, wenn die Zirkulation wieder anläuft. Dann stoßen die toxischen Verbindungen nämlich eine Reihe von Prozessen an, die bereits angeschlagenen Blutbahnen und das betroffenen Gewebe zerstören.
Beyersdorf und seine Kollegen haben offenkundig einen Weg gefunden, wie man den destruktiven Vorgänge stopp. Dieser besteht in der Infusion von Mitteln, die die gefäßschädlichen Stoffe neutralisieren und die Blutbahnen so vor dem Untergang bewahren. Wichtige Hilfestellung leistet dabei eine an das Gefäßsystem angeschlossene Herzlungenmaschine. Diese erlaubt es, den kritischsten Zeitpunkt der Reanimation - jenen Augenblick, wenn die Zirkulation wieder in Gang kommt - optimal zu steuern. Bislang ist das Verfahren allerdings nur bei Schweinen getestet worden.
Zwei Anmerkungen
Max Kemper (CharlesB)
- 23.07.2009, 12:09 Uhr
Den Tod akzeptieren?
Sabine Goerke (Gobine)
- 23.07.2009, 14:20 Uhr