31.07.2010 · Zu viel Cholesterin schadet dem Herzen. Risikopatienten essen deshalb möglichst viele Speisen mit Pflanzenfett. Dort aber stecken Sterine - muss man sich vor ihnen fürchten? Einige Ärzte meinen das.
Von Nicola von LutterottiCholesterin ist schon früh als Infarktfördernder Bösewicht entlarvt worden. Die pflanzlichen Verwandten dieses Tierfetts, die Phytosterole oder -sterine, entzogen sich bisher dagegen hartnäckig der Wertung der Forscher. Ob die in fettreichem Gemüse, Nüssen und Pflanzenölen reichlich enthaltenen Stoffe positive, negative oder gar keine Einflüsse auf die Gesundheit ausüben – niemand wusste das mit Gewissheit zu sagen. In dieses Vakuum stoßen nun Wissenschaftler vor mit teilweise beunruhigenden Behauptungen. Eine Forschergruppe um Daniel Teupser und Joachim Thiery vom Institut für Laboratoriumsmedizin der Universitätsklinik in Leipzig hält es jedenfalls für denkbar, dass die Pflanzenfette weniger harmlos sein könnten, als nicht zuletzt von der Lebensmittelindustrie suggeriert.
Anlass zur Sorge geben ihnen die Ergebnisse ihrer jüngsten Studie. Darin ist man der Frage nachgegangen, welche Gene den Phytosterolgehalt im Blut regulieren und ob die betreffenden Anlagen mit dem Infarktrisiko in Zusammenhang stehen. Für ihre Untersuchungen haben sie auf die Blutproben aus mehreren großen epidemiologischen Studien zurückgegriffen. Wie die Autoren jetzt in der Zeitschrift „Circulation: Cardiovascular Genetics“ (doi:10.1161/circgenetics.109.907873) berichten, standen ganze drei der von ihnen untersuchten 500.000 häufigen Varianten des menschlichen Genoms in einer engen Beziehung zum Phytosterolspiegel im Blut. Zwei dieser Einzelmutationen oder „SNPs“, bei denen jeweils nur ein DNA-Baustein von der Norm abweicht, betreffen einen Fetttransporter mit der Bezeichnung ABCG8, der bei der Entsorgung der Pflanzensterole eine wichtige Rolle spielt.
Pflanzenfette wirklich „gut fürs Herz“?
Die dritte Variante entpuppte sich als eine faustdicke Überraschung. Sie findet sich nämlich in dem die Blutgruppe bestimmenden DNA-Abschnitt, dem sogenannten AB0-Gen. Wie ein Blick in die Patientendaten ergab, trugen Personen mit arteriosklerotisch bedingten Herzleiden auffallend oft zwei SNPs gleichzeitig in ihrem Erbgut: Eine der beiden Mutationen im Fetttransporter-Gen und zusätzlich die Variante im Blutgruppen-Gen. Umgekehrt enthielt die DNA von Gesunden überdurchschnittlich oft die mit relativ geringen Phytosterolwerten im Blut verbundene dritte Genvariante. Begünstigen die pflanzlichen Fette somit, ähnlich wie ihre Verwandten aus dem Tierreich, die Entstehung arteriosklerotischer Leiden?
Studien wie jene der Leipziger Forscher erlauben aufgrund methodischer Besonderheiten grundsätzlich keine so weitreichenden Schlussfolgerungen. Aber die von Teupser und seinen Kollegen aufgeworfenen Sicherheitsbedenken muss man wohl ernst nehmen. Schließlich verzehren etliche Personen mit Phytosterolen angereicherte Lebensmittel in dem Glauben, ihrer Gesundheit hiermit einen Dienst zu erweisen. So gelten die Pflanzenfette als „gut fürs Herz“, weil sie die Aufnahme von Cholesterin behindern.
Phytosterolämie kann schon in jungen Jahren zum Tod führen
Den Blutspiegel dieses Fetts können sie allerdings nur dann in nennenswertem Ausmaß senken, wenn sie in unnatürlich hohen Mengen verzehrt werden. Ob eine solche Phytosterolmenge dem Herzen zugutekommt, ist nie konsequent geprüft worden. In einem Beitrag in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ (Bd. 133, S. 1201) warnen die Kardiologen Oliver Weingärtner, Michael Böhm und Ulrich Laufs vom Universitätsklinikum in Homburg an der Saar daher vor einem allzu sorglosen Verzehr der Pflanzensterole. Bei einer übermäßigen Zufuhr steige deren Gehalt im Blut teilweise merklich an. Welche Konsequenzen dies für die Gesundheit habe, sei zwar unklar. Andererseits weiß man, dass der menschliche Organismus mit den Phytosterolen – anders als mit Cholesterin – nicht viel anfangen kann. Jedenfalls verfügt er über ein äußerst effizientes System, mit dem er die üblicherweise nur in minimalen Mengen zirkulierenden Pflanzenstoffe entsorgt.
Versagt der Entsorgungsdienst, etwa weil die zuständigen Fetttransporter nicht richtig funktionieren, reichern sich die Phytosterole im Blut an. Typische Folge einer solchen Phytosterolämie sind schwere arteriosklerotische Gefäßschäden, die nicht selten schon in jungen Jahren zum Tod führen. Keine gesundheitliche Gefahr scheint zumindest von Nahrungsmitteln auszugehen, die von Natur aus reich an Phytosterolen sind. Eher dürfte das Gegenteil zutreffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine spanische Studie, an der rund 41.000 anfangs gesunde Männer und Frauen mitgewirkt haben.
Der nie berücksichtigte Störfaktor
Der Verzehr von Speisen mit naturbedingt hohem Phytosterolgehalt ging darin mit einem verminderten Risiko für arteriosklerotische Herzleiden einher. Wie die Endokrinologin Veronica Escurriol und ihre Kollegen im „Journal of Lipid Research“ (Bd. 51, S. 618) darlegen, erlitten im Verlauf von zehn Jahren rund 600 Probanden eine schwere Herzattacke. Diese Probanden hatten sich aber längst nicht so phytosterolreich ernährt wie die Personen mit gesundem Herzen. Ihr Blut enthielt zugleich merklich weniger Pflanzenfette. Je niedriger der Phytosterolspiegel des Bluts, desto größer das Infarktrisiko – und desto eher wiesen die Betroffenen erhöhte Blutzuckerwerte und zu viel Körperspeck auf. Wie die Autoren feststellen, scheint der Verzehr phytosterolreicher Speisen somit heilsame Wirkungen zu besitzen. Woran dies genau liegt – an der vegetarischen Kost, den Phytosterolen oder beidem –, können die Forscher aber nicht erklären.
Auch Winfried März von „Synlab Medizinisches Versorgungszentrum“ in Heidelberg gibt eher Entwarnung. Wie der Lipidexperte sagt, dürften die Phytosterole, wenn überhaupt, höchstens minimale Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Das legten unter anderem die Ergebnisse seiner eigenen Untersuchungen nahe. So hätten er und einige Kollegen nach Auswertung der Daten mehrerer einschlägiger Studien festgestellt, dass weder die mit der Nahrung zugeführte Menge noch die Konzentration der Phytosterole im Blut in erkennbarer Weise mit dem Infarktrisiko korreliere. März verwies zugleich auf einen oft unzureichend oder überhaupt nicht berücksichtigten Störfaktor: das Cholesterin. Die gesundheitlichen Wirkungen der Pflanzenfette seien nur schwer von jenen des Cholesterins zu trennen. Denn beide Fette gelangten über dieselben Transportproteine in den Organismus. Zwar seien die pflanzlichen Sterole in der Lage, ihre tierischen Familienangehörigen von den Transportern im Darm teilweise zu verdrängen. Beobachtungen bei Patienten mit arteriosklerotischen Herzleiden hätten aber gezeigt, dass eine erhöhte Aufnahme von Pflanzensterolen meist auch mit einer vermehrten Aufnahme von Cholesterin einhergeht.
Die enge Beziehung der beiden Fettstoffe dürfte nicht zuletzt ein Grund dafür sein, dass es den Phytosterolen bis heute gelungen ist, ihre gesundheitlichen Effekte zu verschleiern.