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Immer öfter: Zweitmeinung Vorsicht Arzt!

Die Hälfte der Diagnosen falsch oder zu spät. Und das beim Verdacht Krebs. Können Tumorboards für Klarheit sorgen? Ein Markt für Zweitmeinungen entsteht.

© Markus Kaufhold Vergrößern Viele Spezialisten am Patienten, doch nicht nur bei der OP - in Tumorboards soll schon vor dem Eingriff für mehr Klarheit gesorgt werden.

Vor drei Jahren war in der amerikanischen Ärztezeitschrift „Jama“, dem Journal der weltgrößten Medizinervereinigung, ein bemerkenswerter Kommentar zu lesen: „Fehldiagnosen“, stand da, „sind die nächste Großfront im Kampf für mehr Patientensicherheit.“ Gut zehn Jahre lagen da bereits hinter den Ärzten, in denen sie Checklisten und Computerprogramme, Sicherheitsstandards und Simulationskurse entwickelten, um mehr oder weniger erfolgreich die Zahl der Kunstfehler bei Operationen oder Medikamentierungsfehler zu verringern. Der Begriff der neuen Fehlerkultur ging um die Welt. Installiert wurde sie zumindest in großen Kliniken. Nicht jedoch allein der Patientensicherheit wegen - denn Garantien für völlige Fehlerfreiheit gibt niemand -, sondern auch zum Selbstschutz der Ärzte: Die horrenden Schadensersatzansprüche insbesondere in Übersee forcierten die Eigeninitiativen.

Joachim  Müller-Jung Folgen:    

Nun also sollte auch mit Fehldiagnosen aufgeräumt werden. Etwas, das immer zu Lasten des Patienten geht, aber, von wenigen klaren Fehldiagnosen abgesehen, in den meisten Fällen nur schwer zu ermitteln ist. Der Patient selbst erfährt es oft erst, wenn er den Arzt wechselt - und wenn es oft schon zu spät ist. Inkompetenz, Intransparenz, Bequemlichkeit - viele der möglichen Gründe, die Fehldiagnosen und falsche Therapieempfehlungen zur Folge haben können, waren lange bekannt. Zwar schadet nicht jede Fehldiagnose tatsächlich dem Patienten, aber das ist weder für ihn ein Trost noch für einen guten Arzt.

Tumorzelle © Vergrößern Mehrere natürliche Killerzellen haben sich an die Oberfläche einer Tumorzelle angelagert

Nun also sollte gehandelt werden. Robert Wachter von der University of California in San Francisco hat vor einem halben Jahr mit einer Umfrage bei mehr als 6400 Klinikern deutlich gemacht, wie virulent die Mängel sind: Die Hälfte der befragten Mediziner gaben an, mindestens einmal im Monat die fehlerhafte oder verspätete Diagnose eines Kollegen oder eigene Fehler zu entdecken, und zwei Drittel meinten, dass bis zu zehn Prozent der Fehldiagnosen tatsächlich zu einem gesundheitlichen Schaden führen. Und schließlich: 96 Prozent der Kliniker vertraten die Ansicht, dass ein großer Teil dieser Fehler vermeidbar wäre.

Das Ergebnis der „QuantiaMD“-Studie überrascht niemanden. Spätestens seitdem die Patienten immer mobiler werden und immer besser informiert sind, seitdem zudem die Informationsflüsse innerhalb und zwischen den Kliniken und Praxen forciert werden, wird der Druck auf die Mediziner, mehr Transparenz zu schaffen, täglich größer. Ihre Antwort darauf lautet: Schutz durch Vernetzung. Das Paradigma der Netzkultur beherrscht zunehmend den Medizinbetrieb. Eine Krebsklinik, die als Organzentrum zertifiziert werden will, muss hierzulande wöchentliche Konzile abhalten - gemeinsame Beratungen unterschiedlicher Experten vom Chirurgen, Onkologen, Radiologen, Internisten, Nuklearmediziner bis hin zum Pathologen. In Spezialzentren wie dem Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) in Frankfurt oder - geographisch übergreifender - dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, gibt es zwölf oder mehr wöchentliche „Tumorboards“. Das „geballte Wissen des Klinikums“ verspricht man in Frankfurt. Immer mehr Patienten, am UCT schon weit mehr als 5000 in einem Jahr, und immer mehr diagnostische Einzelheiten bis hin zur Genomsequenz werden da behandelt. Ob diese Treffen, an denen am UCT gelegentlich mehr als fünfzig Personen inklusive Studenten teilnehmen, tatsächlich die Behandlungsergebnisse - also etwa das Überleben - verbessern, weiß keiner. Doch man sammelt fleißig Indizien: Das University of Michigan Comprehensive Cancer Center in Ann Arbor hat kürzlich in der Zeitschrift „Cancer“ mit einer Untersuchung an 149 Brustkrebspatientinnen gezeigt, dass die Tumorkonzile nicht weniger als in der Hälfte der Fälle zu einer veränderten Therapieempfehlung geführt haben.

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Veröffentlicht: 30.04.2012, 10:58 Uhr

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