30.04.2012 · Die Hälfte der Diagnosen falsch oder zu spät. Und das beim Verdacht Krebs. Können Tumorboards für Klarheit sorgen? Ein Markt für Zweitmeinungen entsteht.
Von Joachim Müller-JungRichtlinien für Lesermeinungen
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als niedergelassener kassenarzt kann ich nur müde lächeln. bei
einem massenansturm von patienten müssen wir unsere kostbare zeit
genau einteilen(44 euro in hessen pro quartal).mit notdienstbereitschaft
die wir auch zahlen etc.
nun der krebspatient : es gibt wenige parameter die uns helfen bei krebs
eine nähere diagnose zu stellen. habe ich nun als spürhund
einen patienten rausgefischt, verweigert ermir oft weitere untersuchungen.
ach und die tumorboards der uni: sie sollen uns erst mal die arztbriefe
für die laufende behandlung schicken, man wartet manchmal
monate.....usw, usw.
Frag drei Ärzte und Du hörst vier Meinungen!
Was viele ignorieren wollen - Medizin ist keine exakte Wissenschaft!
Auch bei Karzinomen kann man mit guten Grund verschiedene Ansichten
vertreten, beim Prostatakarzinom wurde das ja hier schon beschrieben.
Wer sagt, dass die Ärzte, die die vorbehandelnden kritisierten,
Recht hatten? Wer sagt, selbst wenn sie Recht hatten, dass sie das
Bessere gemacht hätten?
So einfach ist das in der Medizin leider nicht.
Tumorboards können also die Diagnose und die Therapieempfehlung
ändern. Gut, das kann ich problemlos akzeptieren. Aber hätten
sie damit auch die bessere Empfehlung?
Das liegt so sehr bei dem Patienten, dass ich da voller Zweifel bin.
Ist es besser, Chemotherapie zu bekommen, 2-3 Jahren voller
Nebenwirkungen und Leid um 1 Jahr länger zu leben?
Ist es besser, keine Therapie zu bekommen, 1 Jahr eher zu sterben aber
von den 2 Jahren Restleben etwas zu haben?
Kann das eine Spezialistencrew entscheiden?
Nebenbei - die Überschrift ist m.E. peinlich reißerisch!
"Vorsicht Arzt!" ist mein Markenzeichen, natürlich nicht geschützt
Spaß beiseite: in der Tat wäre eine höhere diagnostische
Qualität machbar, nur bezahlbar muss sie sein. Man sollte nicht
vergessen, dass unser Gesundheitssystem als eines der besten der Welt
gilt. Eine supergenaue Diagnose zu kennen und dann den alteren Menschen
die Behandlung privat zu überlassen wie in England oder sie auf
nicht endende Warteliste zu setzen wie in Skandinavien, wäre auch
nicht die Lösung.
Perfekte Medizin im Solidarsystem ist einfach nicht möglich. Damit
würden zu viele Interessen von weniger bedrohlich erkrankten
Menschen unter den Tisch gekehrt. Oder sollte man die Krankschreibung
bei einer Erkältung voll privat bezahlen?
können sich irren. Erhält ein Patient eine positive Diagnose,
so sollte er sich nicht klaglos in sein Schicksal fügen, sondern
immer eine Zweitmeinung einholen. Dies gilt insbesondere dann, wenn der
Arzt auf eine OP drängt. Dies gilt insbesondere auch bei der "
Altherrenkrankheit Prostata ". Wir wird zu oft und zu schnell
operiert. Nur selten erhält der operierte Patient dadurch mehr
Lebensqualität. Im Schnitt ist eher das Gegenteil richtig. Viele
Urologen sagen den Patienten einfach nicht die Wahrheit über die
aktuellen und nachweisbaren Erfolge. Das Risiko trägt immer
letztlich der Patient selbst.
Die Patienten haben fast immer eine gewisse Scheu davor, ihren Arzt des
Vertrauens zu wechseln. Das ist aber zu kurz gedacht. Als Betroffener
weiss ich sehr genau, worüber ich schreibe.
Fehlinfo brauchte bei dem aktuellen Stand der Technik und den Möglichkeiten der Datenvernetzung
absolut nicht mehr zu sein. Es müsste nur in stärkerem Masse
der Wille zu Offenheit und Öffentlichkeit in die Tat umgesetzt zu
werden. Das hiesige Saarland hat ein anonymes Krebsregister und
vermutlich existieren noch mehrere in unserer Republik.
All diese Informationen zu vernetzen machte Sinn und um dazu beitragen,
dass schneller und umfassender Entscheidungen in der Diagnose und
Behandlung möglich würden.
Ferner trägt die Entwicklung von HANAN - Gründer Hasso
Plattner vom Team der SAP - einem Echtzeit-Datenbanksystem mit der
Möglichkeit sehr viele Einzeldaten in kürzester Zeit
verfügbar zu machen, dazu bei. Soweit mir bekannt, arbeitet die
Charité Berlin mit diesem System - nur was nützen diese
punktuellen Datensammlungen - es gehören andere Zentren
eingebunden, um auf grosser Basis möglichst passende Leitlinien
für den individuellen Fall zu finden.
Hier könnte die Medizin noch punkten und den Ärzten viel
Aufwand in der Entscheidung abnehmen - nur wer koordiniert?
Den Beginn "vor drei Jahren" zu datieren ist kühn. Davor lag die Studie der amerikanischen Gesundheitsbehörde "to err is human" in den 90er Jahren und davor lagen die Studien des Ivan Illich in den 70er Jahren. Ungehört alles. Inzwischen zählen ernstzunehmende Autoren die ärztliche Kunst unter den Todesursachen bei Platz 4 oder 5. Welche Dramen und Schmerzen hinter den Zahlen stecken, kann sich nur jemand vorstellen, der solches durch- und überlebt hat.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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