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Hormonstörung bei Frauen Unfruchtbarkeit als spätes Erbe

Wenn Frauen am Polyzystischen Ovarsyndrom leiden, bleibt ihr Kinderwunsch oft lange unerfüllt. Jetzt deuten Wissenschaftler das Krankheitsbild neu.

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Als das Überleben des Menschen noch davon abhing, genügend Nahrung zu finden, waren sie die Retterinnen ihrer Sippen - sie konnten auch in schlechten Zeiten und Hungerperioden noch Kinder empfangen und ernähren, wenn ihre Geschlechtsgenossinnen zu geschwächt dafür waren. Heute sind sie diejenigen, die vor allen anderen Frauen unfruchtbar werden und oft nur noch durch künstliche Befruchtung ein Kind empfangen können. Nirgends manifestiert sich klarer ein Wendepunkt der Evolution als an den Frauen, die an einem Polyzystischen Ovarsyndrom (PCOS) leiden. Es handelt sich um die häufigste Hormonstörung der Frau, bis zu fünfzehn Prozent aller Frauen im reproduktionsfähigen Alter weltweit sind betroffen.

Wodurch sich diese Erkrankung auszeichnet, ist bis heute nicht einheitlich definiert. Ein gestörter Menstruationszyklus, äußerliche oder biochemische Hinweise für eine Überproduktion männlicher Hormone und zahlreiche Zysten in den Eierstöcken, die auf unreife Eibläschen zurückgehen, machen das Polyzystische Ovarsyndrom aus, wie Ludwig Kiesel, der Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum in Münster und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, erläutert. Er bezieht sich auf die inzwischen weithin akzeptierten Rotterdam-Kriterien, die 2003 auf einem Expertentreffen zum PCOS in dieser Stadt beschlossen wurden. Die Zysten oder Bläschen der Eierstöcke sind gleichsam das Produkt des ineffektiven Versuchs, brauchbare Ei-Follikel heranreifen zu lassen. Wegen der überschießenden Produktion von männlichen Hormonen - die manchen dieser Frauen mit verstärktem Haarwuchs ein männliches Aussehen verleihen - gelingt dies nicht. Die Eizellen bleiben unreif, wegen der ausbleibenden Eisprünge treten Zyklusstörungen auf, die Fruchtbarkeit ist vermindert. Junge Frauen kommen mitunter zuerst wegen kosmetischer Probleme infolge der vermehrten Behaarung oder Akne zum Arzt, wenn überhaupt. Meist wird das Syndrom erst erkannt, wenn der Kinderwunsch lange unerfüllt bleibt. Deshalb wird das PCOS in den Augen der meisten Ärzte immer noch unter der Rubrik der weiblichen Sexualstörungen eingeordnet.

Störungen des Energiestoffwechsels

Das dürfte bald einer anderen, differenzierteren Deutung weichen. Es trete immer deutlicher zutage, dass das Polyzystische Ovarsyndrom mit Störungen des Energiestoffwechsels zusammenhänge, betont Kiesel. Das PCOS ist in den Augen mancher Experten nämlich eher eine komplexe Stoffwechselerkrankung als eine alleinige Störung der Sexualhormonbalance. Manche nennen es den „dritten Diabetes“, und das nicht von ungefähr. „Ich bin zunehmend davon überzeugt, dass der Lebensstil eine Schlüsselrolle beim PCOS spielt“, bekennt Pernille Ravn von der Universitätsklinik in Odense in Dänemark, die darauf aufmerksam macht, dass die meisten der Betroffenen insulinresistent sind. Ihre Organe sprechen nicht mehr auf die Wirkung des den Blutzucker senkenden Insulins an. Etwa 75 Prozent dieser Patientinnen sind übergewichtig, und ihr Risiko, einen Diabetes zu entwickeln, ist zehnmal so hoch wie dasjenige von anderen Frauen, schreibt Ravn in ihrer soeben erschienenen Übersichtsarbeit (“Minerva Endocrinologica“ Bd. 38, S. 59-76). Nicht von ungefähr zählt inzwischen neben Hormonen auch ein Antidiabetikum, das Metformin, zu den Substanzen, die zur Therapie des PCOS eingesetzt werden.

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