31.08.2005 · Immer wieder gibt es Studien, die nahelegen, homöopathische Mittel seien nicht wirksamer als ein Placebo. Doch bedeuten solche Ergebnisse das Ende der Alternativ-Medizin?
Von Reinhard WandtnerAuf die große Mehrheit der Ärzte wirkt der Name Samuel Hahnemann wie ein rotes Tuch. Denn dieser deutsche Gelehrte hat gegen Ende des 18. Jahrhunderts jenes Heilverfahren erdacht, mit dem die Schulmedizin seither auf Kriegsfuß steht - die Homöopathie. Mal belächelt, mal verdammt, hat die Idee, gegen Krankheiten nach dem Prinzip "Gleiches mit Gleichem bekämpfen" vorzugehen, nichts an Anziehungskraft eingebüßt. Der Einwand von Naturwissenschaftlern, in homöopathischen Präparaten hoher "Potenz" sei rechnerisch mitunter kaum noch ein Molekül des Wirkstoffes zu finden und ein Effekt somit illusorisch, konnte daran nichts ändern. Wo immer der Homöopathie eine Berechtigung im Medizinbetrieb eingeräumt wird, laufen Ärzte Sturm.
Das zeigt sich unter anderem an einem noch gar nicht veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation, in dem die Homöopathie nach Ansicht von Kritikern zu gut wegkommt. Für Gegner der Hahnemannschen Heillehre mag es daher ein Triumph sein, wenn sie einen Kommentar in der aktuellen Ausgabe der international renommierten Medizinzeitschrift "The Lancet" lesen. Denn er verkündet das, was sie ersehnen: das Ende der Homöopathie.
Therapien stark überbewertet
Was den Kommentator der Zeitschrift zu der vollmundigen Aussage bewogen hat, ist eine im gleichen Heft erschienene Metaanalyse zur Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen. Matthias Egger vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern ist zusammen mit anderen Wissenschaftlern der Frage nachgegangen, ob es sich bei den immer wieder berichteten klinischen Wirkungen der Homöopathie um Placebo-Effekte handelt. Dazu wertete die schweizerisch-britische Forschergruppe insgesamt 220 Studien aus. In der Hälfte davon ging es um homöopathische Behandlungen, in der anderen Hälfte um allopathische, also schulmedizinische, Therapien. Untersucht wurde die Wirkung bei den verschiedensten Erkrankungen, etwa Atemwegsinfekten, Pollenallergie und neurologischen Leiden. In all diesen Studien war immer auch eine Scheinbehandlung vorgenommen worden, hat man doch gelernt, daß ohne Abzug des Placebo-Effekts der Erfolg einer Therapie stark überbewertet werden kann.
Aus dem Ergebnis, zu dem die Forscher um Egger bei ihrer sorgfältigen Analyse gekommen sind, können Schulmediziner eine schlagwortartig knappe, für sie erfreuliche, aber auch eine schmerzlich in die Tiefe gehende Botschaft ableiten. Die Kurzfassung besteht aus dem für die Homöopathie vernichtend klingenden Satz, ihre klinischen Effekte gingen nicht über Placebo-Effekte hinaus. Zwar hatten einige der analysierten Studien dem "sanften" Heilverfahren durchaus respektable Erfolge bescheinigt. Bei genauerer Prüfung hielten diese Untersuchungen aber strengen wissenschaftlichen Anforderungen nicht stand. Die Erfolge können, wie die Forscher aus der Schweiz und Großbritannien schreiben, mit methodischen Schwächen und anderen verzerrenden Einflüssen erklärt werden. Auf die zum Vergleich herangezogenen Studien zur klinischen Wirksamkeit schulmedizinischer Interventionen traf das ebenfalls oft zu, aber nicht in diesem Umfang. In beiden Fällen bestätigte sich außerdem die Erfahrung, daß kleine, an wenigen Patienten vorgenommene Studien eher eine nicht vorhandene spezifische Wirkung vorspiegeln als umfangreiche Untersuchungen.
Vertrauen zwischen Patient und Therapeut
Aus dem kläglichen Abschneiden der Homöopathie zu schließen, nun sei diese Art von Medizin am Ende, ist mit Sicherheit unangebracht. Zum einen stellt das Ergebnis eine weitere Aufforderung dar, sich eingehender als bisher mit dem Placebo-Effekt zu befassen. Denn daß man ihn nicht mit bloßer Einbildung abtun kann, zeigen neuere Untersuchungen, bei denen eine substantielle, biochemisch faßbare Wirkung auf das Zentralnervensystem bestätigt wurde. Den Placebo-Effekt im geeigneten Fall gezielt zu nutzen, und sei es in Form einer die herkömmliche Therapie ergänzenden homöopathischen Behandlung, erscheint daher als lohnende Strategie.
Der zweite Grund, warum sich die Homöopathie weiter behaupten wird, besteht darin, daß sie in einem Klima des Vertrauens zwischen dem Patienten und seinem Therapeuten gedeiht. Es kommt zu mächtigen Allianzen, getragen von dem gemeinsamen Glauben an die Wirksamkeit, wie Eggers und die anderen Forscher anmerken. Statt weiterhin in Studien nach einer möglichen spezifischen Wirkung der Homöopathie zu fahnden, komme es darauf an, zu untersuchen, welcher Platz diesem Verfahren im Gesundheitssystem gebühre. Sogar der Kommentator von "Lancet" kommt bei aller Begeisterung über das schlechte Abschneiden der Homöopathie zu dem Schluß, daß sich Ärzte mehr Gedanken darüber machen sollten, warum die moderne Medizin oft an den Bedürfnissen der Patienten vorbeigeht. Eine viel mehr am einzelnen Patienten orientierte Schulmedizin - das wäre vielleicht das wirkliche Ende der Homöopathie.