30.11.2006 · HIV-Patienten, die mit Medikamenten behandelt werden, sollten die Therapie nicht unterbrechen. Denn Unterbrechungen erhöhen das Risiko einer Nebenerkrankung. Das ergab eine Studie, die sogar wegen ethischer Argumente abgebrochen werden mußte.
Von Hildegard KaulenWer sich mit dem Aidsvirus angesteckt hat und mit Medikamenten behandelt wird, sollte die Therapie nicht unterbrechen, sondern lebenslang fortsetzen. Unterbrechungen machen die Behandlung nicht verträglicher, sondern erhöhen vielmehr das Risiko, Krankheiten zu entwickeln, die nicht unmittelbar mit der HIV-Infektion zu tun haben - Herz-, Kreislauf-, Nieren- oder Lebererkrankungen etwa. Außerdem steigt mit den Therapieunterbrechungen das Risiko, früher zu sterben. Das ist das Fazit der „Smart“-Studie, die gestern in der Zeitschrift „New England Journal of Medicine“ vorgestellt wurde (Bd. 355; S. 2283).
Die Smart-Studie ist die bisher größte klinische Studie zur Behandlung von HIV-Infektionen. Annähernd fünfeinhalbtausend Patienten aus allen Teilen der Welt waren für diese Studie rekrutiert worden, auch 215 aus Deutschland. Die Hälfte der Patienten erhielt jeden Tag einen hochwirksamen Medikamentencocktail, unabhängig von der Zahl der zirkulierenden Immunzellen. Bei der anderen Hälfte der Patienten verzichtete man auf die Therapie, wenn es der Immunstatus erlaubte, und setzte sie fort, wenn die Zahl der Immunzellen unter einen kritischen Wert gesunken war. Als Laufzeit waren sechs Jahre veranschlagt worden.
Das Ende eines aktuellen Zwists
Nach sechzehn Monaten mußte die Smart-Studie aber aus ethischen Gründen abgebrochen werden. Zu offensichtlich waren die Vorteile der kontinuierlichen Behandlung gewesen, um sie den Patienten der Vergleichsgruppe weiter vorenthalten zu können. Von den Patienten, die ihre Medikamente jeden Tag eingenommen hatten, entwickelten nur 47 eine Begleiterkrankung oder starben. In der Gruppe derer, die mit Unterbrechungen behandelt worden waren, lag diese Zahl bei 120.
Die Begleiterkrankungen gehen vermutlich direkt oder indirekt auf die rasche Zunahme der Viruslast nach dem Absetzen der Therapie zurück. Der Anteil der Patienten mit einer nachweisbaren Menge an Aidsviren im Blut stieg nach dem Absetzen der Medikamente innerhalb von acht Wochen von sechs auf 72 Prozent. Nach Meinung von Gerd Fätkenheuer vom Universitätsklinikum Köln, dem Leiter der deutschen Studiengruppe, beendet die Studie einen aktuellen Zwist. Dabei geht es darum, wie sich die negativen Auswirkungen der antiviralen Behandlung am besten begrenzen lassen.
Viruslast hat mehr Einfluß als angenommen
Seitdem HIV-Infektionen als chronische Erkrankungen gelten, müssen die langfristigen Nebenwirkungen stärker bedacht werden. Dazu zählen die Umverteilung des Körperfetts, die sogenannte Dyslipidemie, die Gelbsucht und der Anstieg des kardiovaskulären Risikos. Kleinere Studien hatten den Schluß nahegelegt, daß Unterbrechungen in der Therapie sicher sind und sich Nebenwirkungen durch eine geringere Medikamenteneinnahme senken lassen. Diese These hat die Smart Studie in aller Deutlichkeit widerlegt.
Nach Ansicht von Fätkenheuer sollte jetzt allerdings auch noch einmal über den Behandlungsbeginn diskutiert werden. Der Beginn der Therapie wird derzeit an der Zahl der Immunzellen festgemacht, nicht an der Viruslast. Die Viruslast hat aber laut Smart-Studie mehr Einfluß auf die Begleiterkrankungen als bisher angenommen.