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HIV-Bekämpfung Erster Erfolg mit Aids-Impfstoffen

24.09.2009 ·  Zum ersten Mal hat ein Impfstoff offenbar eine HIV-Infektion bei Menschen verhindern können. Die Erfolgsquote der Studie in Thailand liegt zwar nur bei 30 Prozent, doch sind die Forscher plötzlich wieder voller Hoffnung.

Von Joachim Müller-Jung
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Es ist nach einigen Rückschlägen und einem Vierteljahrhundert Forschung der erste wirklich bemerkenswerte Erfolg mit einem Aids-Impfstoff. In einer der größten klinischen Studien hat der Test-Impfstoff RV144 die Infektionsrate mit dem HIV-Erreger in den zurückliegenden sechs Jahren um 31,2 Prozent gesenkt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und UN-Aids, das Aids-Programm der Vereinten Nationen, reagierten erleichtert: „Damit ist zum ersten Mal belegt, dass ein Impfstoff eine Infektion verhindern kann“, schreibt die WHO. Allerdings ist es bis zur möglichen Zulassung noch ein weiter Weg. Bis jetzt sind noch nicht alle Daten ausgewertet. Über den Schutzmechanismus ist wenig bekannt. Und über die Dauer des Schutzes bei den immunisierten Menschen lässt sich auch noch nichts sagen.

Deutsche Fachleute sind denn auch vorsichtig mit einem Kommentar: „Wir wollen die Studie nicht beurteilen, so lange nicht alle Daten vorliegen“, heißt es etwa beim Robert-Koch-Institut in Berlin - die vollständigen Ergebnisse sollen am 20. Oktober auf der Fachtagung „AIDS Vaccine 2009“ in Paris vorgestellt werden. Für Martin Stürmer von der Medizinischen Virologie der Universität Frankfurt ist es „bei aller Vorsicht eindeutig mehr, als wir bisher in den großen Studien gesehen haben“. Und der Regensburger Mikrobiologe Ralf Wagner spricht im Deutschlandradio Kultur von einem Durchbruch. Bis zu einem großflächigen Einsatz eines HIV-Impfstoffes würden aber „noch mindestens fünf bis zehn Jahre ins Land gehen“. Und für den in Afrika vorkommenden HIV-Typ C könne sich der Stoff als wenig erfolgreich erweisen.

Die bisherige Bilanz des Versuchs, die vor allem auch bei Aids-Organisationen Hoffnung weckt, lautet wie folgt: Von der einen Hälfte der Probanden, die die Vakzine erhalten hatten, infizierten sich 51 mit dem Aidsvirus, von der anderen Hälfte, die mit Placebo behandelt wurden, steckten sich 74 Personen an. Das sind insgesamt wenige Fallzahlen, weshalb der statistische Nachweis der Signifikanz nicht einfach ist. UN-Aids und Wissenschaftler sprechen nach den bekannten Ergebnissen denn auch von einem „moderaten Schutz“, der freilich ausreichen könnte, Zehntausenden, möglicherweise sogar Millionen Menschen Menschen auf der ganzen Welt eine HIV-Infektion zu ersparen. Dafür müsste allerdings gesichert sein, dass der Impfstoff auch bei den anderen verbreiteten Subtypen des HI-Virus wirkt. Auch das wurde bislang nicht geprüft. Gesundheitsfachleute geben zudem zu bedenken, dass eine Effektivität von rund 30 Prozent - sofern die Schutzwirkung auch länger anhält - zwar in Entwicklungsländern nützlich sein könnte, weil die meisten Menschen dort mit komplexen Arzneimitteltherapien und stringenten Behandlungsplänen bislang kaum erreicht werden. „Ein Impfstoff mit moderater Wirksamkeit wäre dort denkbar vor allem als eine Komplementärmaßnahme, die Strategien zum Schutz vor Ansteckung ergänzt, etwa die Gewöhnung an Kondome, den Zugang zu sauberen Spritzen und die Beschneidung von Männern“, schreibt UN-Aids. In Industrieländern jedoch, wo mit der Prävention und der Therapie der Immunschwächekrankheit beachtliche Ergebnisse erzielt werden, hätte ein Impfschutz von 30 Prozent kaum Aussicht auf Zulassung.

Aidsforscher hatten zuvor gewarnt

Der Teilerfolg in Thailand beruht auf einem Kandidatenimpfstoff, der aus zwei Komponenten besteht. Erstens aus „Alvac“, einem von Sanofi-Aventis und der Organisation „Global Solutions for Infectious Diseases“ entwickelten Impfstoff; als Vektor - also Tranportmittel - enthält er ein harmloses Vogelvirus, das mit drei künstlich erzeugten HIV-Genen bestückt wurde. Und zweitens aus dem Protein Aidsvax, einem Proteinbaustein aus der Oberfläche des HI-Virus. Diese Bestandteile hatten zwar in Tierversuchen funktioniert, doch in klinischen Vorversuchen hatte keiner für sich allein einen adäquaten Impfschutz bewirkt. Zwei Dutzend Aidsforscher hatten deshalb auch vor fünf Jahren vor einer Fortsetzung der Studie an Menschen mit der Kombination der beiden Impfstoffkandidaten gewarnt. Kleinere klinische Tests mit der Doppelvakzine waren in den Vereinigten Staaten zuvor fehlgeschlagen.

Rückschläge und Ausweichmanöver

Der Großversuch in Thailand wurde trotzdem fortgesetzt. Nach dem eklatanten Fehlschlag eines anderen Impfstoffs der Firma Merck vor zwei Jahren wurde dann allerdings die gesamte bisherige Impfstoffstrategie in Frage gestellt. Statt zu schützen, erhöhte der Impfstoff sogar die Infektionsrate leicht. Denn die in den Vakzinen verwendeten Virenvektoren, welche die HIV-Bestandteile enthielten und das Immunsystem dagegen stimulieren sollten, regten just zur Vermehrung jener Abwehrzellen - der T-Killerzellen - an, die der HIV-Erreger als eine Art Brutkasten benötigt. Die Folge der Impfung war, dass das Aidsvirus mehr T-Zellen befallen konnte. Viele Forscher zogen daraus den Schluss, neue Immunisierungsstrategien zu forcieren, etwa die Herstellung von neutralisierenden Antikörpern. Diese sollen sich direkt an die Virenhülle anlagern und damit eine Infektion verhindern. Allerdings verfügt man noch über keine klinische Erfahrungen mit den Antikörpern.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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