Home
http://www.faz.net/-gx3-76ax2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Herzmedikamente Digitalis und die Risiken

Ein altes Herzmittel verliert seinen Ruf: Digitalispräparate, aus Fingerhut gewonnen, führen möglicherweise zu einer erhöhten Sterblichkeit.

© AP Vergrößern Der wollige Fingerhut wird als Arzneipflanze angebaut

Das Herzmittel Digitalis und seine Verwandten, die Herzglykoside, geraten zunehmend in die Kritik. Aus Fingerhutgewächsen (Digitalis) gewonnen, spielten die den Puls verlangsamenden und das schwache Herz stärkenden Naturstoffe

in der Kardiologie lange Zeit eine wichtige Rolle. Inzwischen verwendet man sie fast nur noch zur Behandlung von Patienten mit Vorhofflimmern - einer vor allem im Alter verbreiteten Herzrhythmusstörung, die vielfach unangenehmes Herzstolpern und Herzrasen hervorruft. Auch diese letzte therapeutische Bastion könnten sie aber schon bald verlieren. Denn wie aus einer Analyse amerikanischer Wissenschaftler hervorgeht, führen die alten Herzmittel möglicherweise zu einer erhöhten Sterblichkeit der Betroffenen.

Bei ihren Untersuchungen stützten sich der Kardiologe Matthew Whitbeck von der University of Kentucky und Kollegen auf die Daten einer bereits abgeschlossenen Studie mit dem Kürzel Affirm. Die darin einbezogenen Probanden, insgesamt 4060 Männer und Frauen mit Vorhofflimmern, waren alle mit den den Herzrhythmus verlangsamenden oder stabilisierenden Mitteln behandelt worden. Rund siebzig Prozent von ihnen hatten hierzu unter anderem das Herzglykosid Digoxin erhalten, die Übrigen nicht.

Vierzig Prozent mehr Todesfälle

Innerhalb von durchschnittlich dreieinhalb Jahren erlagen dann knapp 670 Patienten einem schweren Leiden. Wie die Studienautoren im „European Heart Journal“ (doi: 10.1093/eurheartj/ehs348) berichten, hatten auffallend viele der Verstorbenen zuvor Digoxin eingenommen: In dieser Gruppe ereigneten sich vierzig Prozent mehr Todesfälle als im anderen Kollektiv - unabhängig vom Gesundheitszustand der Betroffenen und anderen die Lebenserwartung beeinflussenden Faktoren. Erhöht war dabei insbesondere das Risiko, an Herzkreislaufattacken und Entgleisungen des Herztakts zu sterben.

Andere Todesursachen kamen demgegenüber nicht häufiger vor. Was die erhöhte Sterblichkeit der mit Digoxin behandelten Personen genau verursacht hat - das Herzglykosid selbst oder ein anderer, von den Autoren übersehener Einflussfaktor - lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Denn rückwirkend vorgenommene Analysen wie jene der amerikanischen Forscher erlauben keine Aussagen über kausale Zusammenhänge. Der Kardiologe Erland Erdmann von der Universität zu Köln hält es dennoch für ratsam, bei der Verordnung von Herzglykosiden in Zukunft noch mehr Vorsicht walten zu lassen als bisher. Wirksam angehen könne man einen zu raschen Herzschlag auch mit anderen Medikamenten, darunter Betablockern und bestimmten Kalziumantagonisten.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ebola-Überlebende Dem Tod entronnen

Warum überleben manche Menschen Ebola und andere nicht? Eine Behandlung mit ZMapp oder eine Impfung mit Antikörpern scheint zu helfen. Doch allein an der Art der Therapie liegt es nicht. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt

17.10.2014, 15:09 Uhr | Gesellschaft
Gewinne die Behandlung, die du brauchst

Die Gesundheitsreform von Präsident Obama kommt, aber in einer Klinik bei Washington wird wohl weiter per Los entschieden, welche Patienten behandelt werden können. Mehr

21.05.2014, 10:50 Uhr | Politik
Patienten erfolgreich behandelt Die Zellen gegen Blindheit

Zum ersten Mal sind Patienten, denen die Erblindung droht, erfolgreich mit Netzhaut-Gewebe behandelt worden, das aus Stammzellen erzeugt worden war. Viele konnten bald nach der OP deutlich besser sehen. Und die Mediziner wollen noch mehr. Mehr Von Joachim Müller-Jung

16.10.2014, 11:01 Uhr | Wissen
Ebola-Patient trifft in Frankfurt ein

Der Mann soll in der dortigen Uniklinik behandelt werden. Mehr

03.10.2014, 11:55 Uhr | Gesellschaft
Leipzig Erster Ebola-Patient in Deutschland gestorben

Der im Leipziger Klinikum St. Georg behandelte Ebola-Patient ist tot. Der 56 Jahre alte UN-Mitarbeiter erlag der Infektion in der Nacht.  Mehr

14.10.2014, 09:59 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.02.2013, 17:00 Uhr