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Heilmittel Was tun gegen Schizophrenie?

21.08.2006 ·  Ohne Medikamente sind viele Patienten im Kampf gegen die Schizophrenie verloren. Doch nicht alle Mittel helfen: Während Injektionen wirksam vorbeugen, ist das Rückfallrisiko bei Behandlungen mit Tabletten hoch.

Von Nicola von Lutterotti
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Die einzelnen Schizophreniemittel unterscheiden sich offenbar erheblich in ihrer Fähigkeit, Rückfälle zu verhindern. Das legen zumindest die jüngsten Erkenntnisse finnischer Forscher nahe, die in einer umfassenden Analyse die Daten von 2230 an Schizophrenie leidenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgewertet haben.

Alle Betroffenen waren wegen einer erstmals aufgetretenen schizophrenen Psychose in einem finnischen Krankenhaus behandelt worden. Innerhalb der nächsten rund dreieinhalb Jahre verstarben davon 84 Patienten, die meisten durch Selbsttötung oder Unfälle. Wie der Psychiater Jari Tiihonen von der Universität in Kuopio und die anderen Wissenschaftler im "British Medical Journal" (Bd.333, S.224) berichten, hatte die überwiegende Mehrheit der Betroffenen zum Zeitpunkt des Todes keine antipsychotischen Arzneien - auch Neuroleptika genannt - eingenommen. Der Verzicht auf ein Schizophreniemittel ging mit einer auf rund das Zwölffache erhöhten Gesamtsterblichkeit und einem auf das 37fache erhöhten Suizidrisiko einher. Was die Verhinderung tödlicher Ereignisse anging, schienen alle verwendeten Medikamente gleich wirksam zu sein.

Spritzen wirksamer als Tabletten

Ein weniger einheitliches Bild ergab sich, als die Autoren die Häufigkeit von Rückfällen genauer unter die Lupe nahmen. Während der Beobachtungszeit traten 4640 solche Ereignisse auf, die einen weiteren stationären Aufenthalt erforderten. Besonders zuverlässig verhindern ließ sich das Wiederaufflammen der Psychose mit den beiden neueren Mitteln Clozapin und Olanzapin, ebenso mit dem alten Neuroleptikum Perphenazin. Diese Substanz zeigte gleichwohl nur in Form von Muskelinjektionen (Depot) eine ausgeprägte krankheitsvorbeugende Wirkung, nicht hingegen als Tablette. Eine Erklärung hierfür mag sein, daß Injektionen eine kontinuierliche Wirkung des Medikaments gewährleisten, die Therapietreue des Patienten somit nicht ins Gewicht fällt. Bei der Einnahme von Tabletten spielt dieser Faktor indes eine große Rolle.

Mit den anderen in der finnischen Studie untersuchten Antipsychotika ließen sich Rückfälle deutlich weniger gut abwenden. In diese Gruppe fielen einerseits einige Neuroleptika der ersten Generation, darunter Haloperidol, Levomepromazin und Chlorpromazin, und andererseits das neuere Antipsychotikum Risperidon, das aber nur in Tablettenform und nicht als Injektion verabreicht wurde. Weshalb einige Neuroleptika nachhaltiger vor neuen Ausbrüchen der Schizophrenie schützten als andere, geht aus der Studie nicht hervor. Zum Teil dürfte eine bessere Verträglichkeit der Grund gewesen sein. Jedenfalls kam es bei der Behandlung mit Perphenazin-Depot und Clozapin merklich seltener zu einem Therapieabbruch als bei Anwendung der meisten anderen Antipsychotika.

Praxisnahe Studie

Die Analyse der finnischen Forscher weist zwar einige methodische Schwächen auf, läßt aber dennoch wichtige Schlußfolgerungen für die Praxis zu. Tiihonen und seine Kollegen haben nämlich alle neu an Schizophrenie erkrankten Patienten berücksichtigt, die in einem vorgegebenen Zeitraum an einer finnischen Klinik behandelt worden waren. Demgegenüber müssen sonst die in wissenschaftliche Studien einbezogenen Patienten meist strengen Auswahlkriterien genügen, so daß die Ergebnisse den klinischen Alltag oft nur ungenügend abbilden. Hinzu kommt, daß die Laufzeit solcher Untersuchungen häufig zu kurz ist, die Spätfolgen der einzelnen Therapiearten aufzudecken. Diese können aber insbesondere bei Anwendung der alten Neuroleptika stark belastend sein, kommt es dabei doch öfter zu bleibenden Bewegungsstörungen, etwa unwillkürlichen Zuckungen der Gesichtsmuskulatur. Nach Angaben von Carl Eduard Scheidt von der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik der Universität Freiburg treten solche Störungen bei einer Therapie mit den modernen Neuroleptika viel seltener auf. Dies sei auch der Grund, weshalb man die neueren Schizophreniemittel in der täglichen Praxis oft bevorzuge.

Gleichwohl kommt auch den Antipsychotika der ersten Generation weiterhin Bedeutung zu, wie Klaus Windgassen und Olaf Bick von der Klinik Evangelische Stiftung Tannenhof im "Deutschen Ärzteblatt" (Bd.101, S.A3270) schreiben. Denn die modernen Neuroleptika können mitunter ebenfalls schwere Komplikationen hervorrufen. Welches Medikament im Einzelfall die besten therapeutischen Erfolge verspricht, hänge daher vor allem von der Art der zu erwartenden Nebenwirkungen ab.

Quelle: F.A.Z., 21.08.2006, Nr. 193 / Seite 32
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