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Glosse Zimtkrise

Manchmal genügt schon der richtige Zeitpunkt, um einen Lebensmittelskandal auszulösen - oder ein guter Name. Die Benzalkoniumchlorid-Krise ist deshalb ebenso ausgeblieben wie der Fenamiphos-Gurken-Skandal.

© Wahl, Lucas Vergrößern

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnte in der vergangenen Woche vor Zimt. Genauer: vor dem herben Cassia-Zimt, der reich an Cumarin ist, einem Stoff, der in höheren Dosen die Leber schädigen kann. Eine Pressemitteilung, die wie ein Déjà-vu daherkommt - Zimt, war da nicht mal was? Natürlich: Vor fast genau sechs Jahren hatte das Institut schon einmal alle Hände voll zu tun, weil in der Vorweihnachtszeit durchsickerte, dass Zimtgebäck häufig zu viel Cumarin enthält. Ein echter Coup, wenn man das Ganze als Leistung der Risikokommunikation betrachtet. Selten zuvor hatte eine Information aus den Labors der Berliner Einrichtung ein so massives Presseecho ausgelöst. „Milchreis bitte bloß mit Zucker“, titelten Journalisten, oder: „Gefährliche Zimtsterne“. Der Zeitpunkt spielte den Risikobewertern in die Hände, immerhin stand Weihnachten vor der Tür. Offenbar will man den Erfolg jetzt wiederholen - oder ist es Zufall, dass die BfR-Wissenschaftler ausgerechnet Ende September ihre Zimt-Versuchsreihe zur Publikationsreife bringen? Zu verdenken wäre es den Risikoexperten nicht, wenn sie hin und wieder auf gutes Timing setzten, um eine Schlagzeile zu bekommen. Denn oft genug müssen sie auch mit aufrüttelnden Nachrichten, medial betrachtet, eine Schlappe einstecken. So geschehen etwa im Fall der Edelschokolade, die zu viel Cadmium enthält: Publiziert man wie das BfR eine solche Meldung kurz nach Silvester, wenn jeder auf Schokoladen-Diät ist, dann beeindruckt man damit nicht einmal eingefleischte Hypochonder.

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Jedes Jahr wieder verschwinden zudem brisante Neuigkeiten, weil es um Substanzen geht, die alles haben, um auf der großen Bühne der Verbraucherschutzskandale mitzuspielen - nur ihr Name ist einfach nicht tauglich für eine Starkarriere. Die Benzalkoniumchlorid-Krise ist deshalb ebenso ausgeblieben wie der Fenamiphos-Gurken-Skandal. Nicht zu vergessen die verpassten Chancen in der Antibiotika-Diskussion: Schon 2010 hatten BfR-Mitarbeiter hochresistente Bakterien auf Hähnchenfleisch entdeckt und das auch öffentlich gemacht - doch in die Tagesschau schafften es die Keime erst zwei Jahre später, als Umweltaktivisten vom BUND die Stichproben wiederholten und ihre Ergebnisse geschickt in der Zeit direkt vor der „Grünen Woche“ an den Mann brachten. Ist denn nun diesmal endlich der richtige Zeitpunkt für eine Warnung gefunden? Schwer zu sagen. 2006 schlug die Zimt-Debatte erst Mitte Oktober Wellen. Aber vielleicht ist es mit vorweihnachtlichen Lebensmittelängsten ja genauso wie mit den Lebkuchen in den Geschäften - von Jahr zu Jahr kommen sie früher.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.10.2012, 06:00 Uhr

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