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Glosse Natürlich ungesund

 ·  Wer hätte das gedacht: Früchte wie Grapefruit können unter bestimmten Bedingungen gesundheitliche Risiken bergen, etwa wenn man regelmäßig bestimmte Medikamente einnehmen muss.

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Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Obsthändler. So könnte ein Aufkleber auf Früchten lauten, der künftig Pflicht wird. Die Grapefruit wäre eine der ersten Kandidaten für derartige Warnhinweise, hat der Saft dieser Frucht doch massive Nebenwirkungen, die soeben im „British Medical Journal“ aufgelistet wurden. Als Vitamin C Lieferanten sind Grapefruits an kalten Wintertagen besonders beliebt, aber gesund sind sie allenfalls für jene, die sowieso gesund sind – und deshalb keine Medikamente benötigen. Zahlreiche Therapeutika, darunter durchaus gängige, sind kaum noch in ihrer Wirkung steuerbar, wenn die im Grapefruitsaft enthaltenen Furanocumarine ins Spiel kommen, die ihrerseits das Cytochrom P450 hemmen.

Übersteigerte Wirkung

Es ist eine Art enzymatische Müllabfuhr, ein Universalentsorger, der für den Abbau von rund der Hälfte aller bekannten Medikamente zuständig ist. Häuft sich, weil die Grapefruit-Ingredienzien das Enzym hemmen, eine Substanz im Blut an, und gibt es keine alternative Entsorgung, kann sich die Wirkung eines Medikamentes hochschaukeln, sogar bis in fatale Höhen. Tatsächlich kennt die Fachliteratur extreme Folgen wie Beinamputationen, Organabstoßung nach Transplantation bis hin zum Tod durch Rhythmusstörung, weil Gerinnungshemmer, Immunsuppressiva und Antiarrhythmika unter Grapefruitsaft verrückt spielen. Patienten unter cholesterinsenkender Therapie sollten sich zum Beispiel lieber ein Ei zum Frühstück gönnen, Cholesterin hin, Cholesterin her, und nicht nur, weil Eier soeben erneut von ihrem vormals schlechten Ruf entlastet wurden.

Die Dosis von Simvastatin zum Beispiel, einem beliebten Cholesterinsenker, kann um 700 Prozent in die Höhe schnellen, wenn der Kranke, der mit diesem Statin dem Herzinfarkt vorbeugt, auch noch sauren Grapefruitsaft trinkt. Nimmt er schließlich noch ein blutdrucksenkendes Mittel, wird ihm vielleicht infolge potenzierter Abbauhemmung bei einem dann allzu niedrigen Blutdruck so schwindelig, dass er morgens erst gar nicht zum Frühstücktisch kommt. Nicht zuletzt sind Patienten, die anfällig sind für Infekte, auch anfällig für das Missverständnis, sie könnten ihre Abwehr mit „natürlichen“ Maßnahmen stützen, wenn sie etwa infolge der „künstlichen“ Chemotherapie daniederliegt.

Vermintes Wirkstoffgelände

Inzwischen ist die Liste der Medikamente, bei deren Einnahme einer jüngsten Untersuchung zufolge vor dem gleichzeitigen Konsum von Grapefruitfrüchten und Saft gewarnt werden sollte, auf rund 85 Arzneien angewachsen. Es ist kein Ende in Sicht, sogar Cranberries und ordinäre Äpfel stehen schon mit einem Fuß auf Cytochrom P450 vermintem Gelände. Manche bringen den Vorschlag ins Spiel, die Dosis anzupassen, nach dem Motto: Standardisierte Wintermedikamente für die Grapefruitsaison. Aber das ist keine Lösung. An einer individuellen Aufklärung des Arztes, so viel Mühe das machen mag, führt immer noch kein Weg vorbei. Sie wird in Zeiten knapper Budgetierung zwar nicht honoriert, aber gebraucht. Wenn auch die Patienten selbst die Komplexität der Wechselwirkungen nicht immer übersehen können, so können sie durch kluges Verhalten vorbeugen.

So bergen nicht zuletzt extreme Essgewohnheiten erfahrungsgemäß die meisten Risiken, auch wenn sie auf scheinbar harmlosen, weil ja natürlichen Nahrungsmitteln basieren. Ein Grund mehr also, den derzeit auflaufenden Empfehlungen zu misstrauen, sich mittels Grapefruit-Diät für das nahende Frühjahr zu verschlanken. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Waage.

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