Die meisten von uns halten Schokolade noch immer für ein Lebensmittel. Im besten Fall sieht man es als natürliches Betriebsmittel für unser Belohnungs- und Bildungssystem, im schlechtesten als halbsynthetischer Dickmacher - in jedem Fall denkt fast jeder zuerst ans Essen. Das könnte daran liegen, dass Schokolade konsequent in der falschen Verpackung vertrieben wird. Oder sagen wir besser: dass sie gut getarnt wird. Wir nehmen es da etwas genauer. Schokolade ist nämlich ein hochveredelstes Arzneimittel von der allerbesten Sorte. Das sind jene Mittel, die einem nicht nur das taube Körpergefühl wirksam vertreiben und den Rost vergessen lassen, sondern auch überhaupt erst im physischen und seelischen Kampf gegen die tägliche Mühsal des Daseins wappnen.
Auf dem europäischen Kardiologen-Kongress vor einem halben Jahr hat man es schon als „offiziell“ verkündet: Metaanalysen von mehreren Studien mit mehr als hunderttausend Probanden habe die Schutzwirkung von regelmäßigem Schokoladekonsum - und zwar unabhängig, ob dunkle, weiße oder braune Milchschokolade - für Herz und Gefäße bestätigt. Entscheidend sei die antioxidativ wirkenden Polyphenole im Kakao.
Inzwischen haben wir auch noch handfeste Hinweise, dass Schokolade das gute Cholesterin fördert, den Feuchtigkeitsgrad der Haut verbessert, sogar Zahnbelag verhindern soll und dass - zumindest die Epicatechin reiche dunkle Schokolade - den energiespeisenden Mitochondrien in den Muskeln zuckerkranker Patienten neue Frische zu verleihen vermag. Warum wir trotzdem gezögert haben, den Arzneimittel-Genehmigungsbehörden die Registrierung von Schokoprodukten zu empfehlen, lag weniger an der leider noch immer unbeantworteten Frage der Dosierung, sondern an dem leidigen Kalorienproblem. Bei fünfhundert Kalorien pro hundert Gramm ist ein Warnhinweis im Beipackzettel fällig. Darauf können wir jetzt erstmal verzichten. Kalifornische Ärzte haben festgestellt: Regelmäßige, aber nicht übermäßige, Schokoladenesser sind dünner. In den „Archives of Internal Medicine“ berichten sie von ihren Erfahrungen mit tausend befragten Frauen und Männern, die mehrmals pro Woche Schokolade genossen und definitiv mehr Kalorien zugenommen, aber keineswegs mehr Sport getrieben haben. Ihre These: Auf die Zusammensetzung, weniger auf die absolute Zahl an Kalorien kommt es an. Die Frage, ob sich bestimmte Stoffwechseltypen mehr Schokolade als andere gönnen, weil sie per se einen höheren Kalorienbedarf haben, hat man nicht untersucht. Darauf kommt es uns erstmal auch gar nicht an. Die Lust auf Schokolade gehört sowieso im Kern zu unseren unwillkürlichen, schwer beeinflussbaren Entscheidungen. Wichtiger ist doch: Ein nebenwirkungsarmes rezeptfreies Arzneimittel mit so vielen Wohltaten gehört auch in jedes Apothekenregal.
Falsche Propheten
Gerhard Rinker (GerdR)
- 28.03.2012, 14:32 Uhr
