Das Körpergewicht weist einen typischen Verlauf im Leben auf. Einen Gipfel erreicht die durchschnittliche Gewichtskurve der Bevölkerung bekanntlich ab dem fünfzigsten Lebensjahr. Doch bei alten Menschen, jenseits der siebzig, zeigen die Statistiken einen Knick. Der Verlust an Körpermasse erhöht das Krankheitsrisiko. Die Basis jeder erfolgreichen Therapie sei ein ausreichender Ernährungszustand, betonte Jürgen Bauer von der European Medical School in Oldenburg in seinem Vortrag während des Internistenkongresses in Wiesbaden. Die Aufnahme von Kalorien ist allerdings gerade bei alten Menschen oft dramatisch reduziert. Untersuchungen aus Skandinavien belegen, dass die Zufuhr von Kalorien bei alten Menschen innerhalb von sechs Jahren im Schnitt um sechshundert Kilokalorien pro Tag abnimmt. Bei Personen in Kliniken oder Altenheimen liegt die durchschnittliche tägliche Aufnahme oft weit unter dem bei ungefähr 2000 Kilokalorien angenommenen täglichen Bedarf.
Ärzte unterscheiden im Alter eine natürliche Gewichtsabnahme von einer krankheitsbedingten. Gesunde Personen jenseits des siebten Lebensjahrzents nehmen etwa nur ein Viertel Kilogramm ihres Körpergewichtes im Jahr ab. Gefährlich ist der krankhafte Gewichtsverlust, bei dem der relative Anteil an Fettmasse noch zunimmt, die Patienten aber Muskelmasse verlieren. Patienten im mittleren Lebensalter vermögen das Gewicht meist schnell auszugleichen. Die Ärzte sprechen von einem Jo-Jo-Effekt. Wie bei dem Kinderspiel schlägt das Rad zurück, meist kommt es sogar zu überschießender Gewichtszunahme. Alte Menschen dagegen können einen Verlust der Körpermasse nur schlecht kompensieren. Die Fehlernährung gilt aber als ein eigenständiger Risikofaktor. Die Sterblichkeit ist bei diesen Patienten im Vergleich zu Normalgewichtigen in Kliniken erhöht.
Das Hungergefühl nimmt ab
Im Alter nimmt das Hungergefühl ab, das Sättigungsgefühl nach einer Mahlzeit hält länger an, die Entleerung des Magens ist verzögert. Die Nahrungsaufnahme, das Hunger- und Sättigungsempfinden werden beim Menschen von einer kaum überschaubaren Zahl von Botenstoffen reguliert. Dabei spielen offenbar das Neuropeptid Y, das die Magenmotilität beeinflussende Cholecystokinin, Leptin und das Ghrelin eine wichtige Rolle. Letzteres ist ein Ligand des Wachstumshormons. Versuche, die Gewichtszunahme bei alten Patienten pharmakologisch zu unterstützen, sind bislang aber ohne durchschlagenden Erfolg geblieben, wie Jürgen Bauer berichtete. Es kommt daher darauf an, Krankheiten betagter Patienten, die oft mit einem Gewichtsverlust verbunden sind, rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Dazu zähle insbesondere die Altersdepression, die oft verkannt werde. Soziale Faktoren sind ebenfalls bedeutsam. Studien haben gezeigt, dass Personen in Gemeinschaft mehr Kalorien aufnehmen als Alleinlebende. Wo alte Personen in Gesellschaft speisen, ist der Gewichtsverlust geringer. Dies seien schon jetzt wichtige Angriffspunkte für eine vorbeugende Behandlung, hieß es in Wiesbaden.
Gewichtsverlust im Alter ist außerdem nicht selten eine Folge einer Schluckstörung. Die werde meist nicht erkannt, berichtete der Geriater Martin Jäger aus Dinslaken. Die sogenannte oropharyngeale Dysphagie, eine Schluckstörung, ist häufig Ursache dafür, dass kleinste Mengen Speichel oder Speisebrei in die Atemwege gelangen. Die Ärzte sprechen von Mikroaspirationen. Sie sind gefürchtet, denn sie können eine Lungenentzündung auslösen. Meist ist den Betroffenen die Schluckstörung nicht bewusst. Eine gezielte Nachfrage nach gehäuftem Räuspern und Husten während der Mahlzeit gebe jedoch häufig einen ersten Hinweis, so Jäger.
Blutung im Magen
Die Dysphagie wird nicht selten durch eine umfangreiche Pharmakotherapie im Alter verstärkt. Der objektive Nachweis einer Schluckstörung ist kompliziert. Röntgenverfahren und eine Beobachtung der Schluckaktes mittels eines durch die Nase eingeführten Endoskops werden angewandt. Allerdings sind die Methoden aufwendig. Daher versuchen Ärzte derzeit, einfachere Verfahren zum Nachweis zu entwickeln. Betroffene lassen sich etwa schützen, indem man Dickmittel in Speisen und Getränken verwendet.
Bei alten Menschen sind zudem Blutverluste im Magen-Darm-Trakt häufiger als vermutet. Darauf machte Christian Scheurlen aus Bonn aufmerksam. Als Wissenschaftler vor Jahren den Magenkeim Helicobacter pylori als Ursache der Geschwürskrankheit des Magens und Zwölffingerdarms entlarvten, hoffte man, das Leiden samt den Blutungen im Magen ausrotten zu können. Bei jüngeren Personen nimmt die Zahl der Geschwüre ab. Doch bei alten Menschen ist das Blutungsrisiko weiter erhöht. Ein Prozent aller über Achtzigjährigen in Kliniken erleidet eine Blutung im Magen. Oft sind Schmerz- und Rheumamittel die Ursache, die die Schleimhaut schädigen. Auch die Zahl der chronisch entzündlichen Darmkrankheiten, des Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa, nimmt im Alter entgegen früheren Annahmen nicht ab. Vielmehr gibt es jenseits des sechzigsten Lebensjahres einen zweiten Gipfel der Neuerkrankungen. Torsten Kucharzik aus Lüneburg erinnerte daran, auch bei alten Menschen auf eine Diagnose zu dringen und nicht mit Blick auf das Alter die Diagnostik, etwa eine Spiegelung des Darmes, zu unterlassen.
Selbstbestimmungsrecht
heike von Daak (daclaire)
- 23.04.2012, 06:51 Uhr
Kalorienaufnahme
Klaus Schneider (Dusceni)
- 21.04.2012, 08:27 Uhr
