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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Gesundheitswesen Eine verdeckte Rationierung kann niemand bestreiten

08.04.2010 ·  Wegsehen hilft nicht, über die Priorisierung von Leistungen im Gesundheitswesen müsse angesichts weiter steigender Kosten verhandelt werden: Ein Gespräch mit Jürgen Schölmerich.

Von Stephan Sahm
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Alle gegen einen: Der Gesundheitsminister hält es (noch?) nicht für opportun, darüber zu sprechen, die Mediziner sehr wohl. Über die Priorisierung von Leistungen im Gesundheitswesen muss verhandelt werden. Darauf dringt jedenfalls Jürgen Schölmerich, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der aktuelle Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, der in den nächsten Tagen die Jahrestagung in Wiesbaden eröffnen wird.

"Das Gesundheitswesen wird noch teurer werden", sagt er. Die Aufwendungen für neue Therapien und diagnostische Verfahren werden sämtliche Einsparungen übertreffen, die durch Rationalisierung und staatlich gelenkte Kostensenkung erzielt werden können. Die Initiative des Ministeriums, die Preise für Medikamente in Schach zu halten, sei zu begrüßen. Die Preisbildung hierzulande sei nicht fair. Aber das könne nicht die Antwort sein auf die unausweichliche Frage nach der Priorisierung von Leistungen.

Debatte im Bundestag erforderlich

"Wenn die Gesellschaft das möchte, dann ist dies nicht Aufgabe des einzelnen Arztes, darüber zu entscheiden. Das ist Sache der Politik", sagt Schölmerich. Eine Debatte im Bundestag sei geboten. Es gehe darum, die Ziele der Gesundheitsversorgung zu definieren und in eine Reihenfolge zu bringen. Medizinische Versorgung für alle, Sicherstellung des Fortschritts und Begrenzung der Ausgaben gelte es miteinander in Einklang zu bringen. Dazu zählt er, nicht zuletzt im Blick auf den Mangel qualifizierten Nachwuchses in der Medizin, auch die Sicherstellung adäquater Arbeitszeiten und angemessener Bezahlung für die Leistungserbringer.

Nun wird vielfach behauptet, die Rationierung sei längst an der Tagesordnung. "Eine offene Rationierung gibt es nicht. Aber eine verdeckte Priorisierung kann niemand bestreiten." Sie vollziehe sich auf dem Wege der Budgetierung von Leistungen. So würden etwa in Kliniken kostengünstigere Antibiotika verwendet, auch wenn deren Nutzen statistisch unter dem anderer Substanzen liege. Der Schaden für den Einzelnen ist dabei nicht offensichtlich, aber er ist da.

Zum Nachteil gereicht den Patienten auch das, was Schölmerich die "Innovationsfurcht" im Land nennt. Im Krankheitsfall setzen die meisten Patienten ihre Hoffnungen auf die Segnungen der wissenschaftlichen Medizin. "Deutschland gilt als Land der Forschung und Innovation. Aber bei den innovativen Arzneimitteln sind wir weit hinter anderen Ländern zurück." Selbst in Nachbarländern, die weniger für Gesundheit ausgeben, würden neue Medikamente häufiger verschrieben. So werde etwa hierzulande die Hälfte der Patienten mit rheumatoider Arthritis nicht entsprechend dem Stand Wissenschaft, also seiner Meinung nach nur unzureichend behandelt. Schölmerich vergleicht dies mit der verbreiteten Reserviertheit gegenüber anderen Entwicklungen, etwa der grünen Gentechnik.

An deutschen Kliniken fehlen fünftausend Ärzte

Aus noch einem anderen Grund hätten die Patienten hierzulande ein Nachsehen: Der Nachwuchs werde zur großen Herausforderung, nicht nur weil er zahlenmäßig fehlt, sondern weil es auch an Qualitäten mangelt - und das, obwohl die Ausbildung in den letzten Jahren vielfach reformiert worden sei. Die verstärkte Orientierung an der Praxis des medizinischen Alltags sei zwar grundsätzlich zu befürworten. Doch mit Blick auf die wissenschaftlichen Anforderungen des Berufs spricht Schölmerich von einer "grauenhaften" Entwicklung. Es werde zu wenig Pathophysiologie und "experimentelle Herangehensweise" vermittelt. Die Wissenschaftlichkeit leide: "Die Faszination der Wissenschaft muss den Studenten im Unterricht vermittelt werden. Die akademischen Lehrer müssen deutlich machen, dass gute Krankenversorgung angewandte Wissenschaft im Einzelfall ist." Und für Ärzte in der Forschung sei nun mal eine umfassende theoretische Ausbildung unverzichtbar.

Derzeit fehlen in deutschen Kliniken etwa fünftausend Ärzte. Diese Lücke lasse sich nicht einfach mit Medizinern aus Osteuropa schließen. Das führe nicht zuletzt wegen der oft unzureichenden Sprachkenntnisse zu Schwierigkeiten im Umgang mit Patienten. Vielmehr gelte es, die Ausbildung der Assistenzärzte attraktiver zu machen - etwa, indem "familienfreundlichere Strukturen" in den Kliniken aufgebaut würden. Auf dem bevorstehenden Internistenkongress werde das thematisiert. Die meisten Hochschulabsolventen in der Medizin seien nun mal weiblich, und rund vierzig Prozent der erwarteten Kongressteilnehmer in Wiesbaden sind Assistenzärzte. Denen will man offenbar etwas bieten. Stephan Sahm

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