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Gesundheitssystem vor dem Kollaps Droht eine humanitäre Katastrophe?

Ob Medikamente oder ärztliche Behandlung - in Griechenland werden kranke Menschen nur noch gegen Barzahlung versorgt: Das marode Gesundheitswesen braucht dringend einen Rettungsplan.

© doc-stock Vergrößern Ein Hinweisschild auf Rhodos

In Griechenland spitzt sich die Lage im Gesundheitswesen dramatisch zu. Die staatlichen Krankenhäuser haben kein Geld mehr für Einmalhandschuhe, Gips, Katheter oder andere Verbrauchsartikel und schulden den Pharmafirmen horrende Summen für die gelieferten Arzneimittel. Viele Apotheken geben Medikamente nur noch gegen Bargeld ab. Deshalb können sich viele Griechen gar keine Medizin mehr leisten. Dort, wo Hilfsorganisationen noch kostenlos behandeln, bilden sich lange Schlangen von Hilfesuchenden, die immer öfter aus der Mitte der griechischen Gesellschaft kommen. Die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten stürzt viele chronisch Kranke in eine ernste Notlage. Mancherorts ist schon von einer humanitären Katastrophe die Rede.

Milliardendefizit der staatlichen Krankenkasse

Dass sich die Situation so dramatisch zugespitzt hat, hat unter anderem mit den Zahlungsschwierigkeiten der größten, staatlich gelenkten Krankenversicherung EOPYY zu tun. Diese Großkasse ist erst im vergangenen Jahr auf Anweisung der Troika aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds durch die Fusion mehrerer Krankenkassen entstanden. Sie soll durch die Eingliederung weiterer Versicherungen in eine nationale Einheitskasse weiterentwickelt werden. Weil viele der vereinnahmten Kassen schon vorher hochverschuldet waren, Einnahmen und Ausgaben weit auseinanderklaffen und die staatlichen Zuschüsse radikal gekürzt wurden und noch weiter gekürzt werden, lastet ein Milliardendefizit auf der neuen Großkasse. Rechnungen werden bestenfalls mit langer Verzögerung bezahlt.

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Bargeld erbeten

Viele Ärzte und Apotheken sind deshalb dazu übergegangen, den Kranken die Unwägbarkeiten bei der Rückerstattung aufzubürden, und überlassen ihnen die Medikamente nur noch gegen Barzahlung oder behandeln auf Vorkasse. Die Kranken erhalten im Gegenzug eine Quittung, die sie dann selbst bei der Krankenversicherung einreichen müssen. Ob und wann diese Auslagen erstattet werden, ist völlig offen. Viele Griechen sind ohnehin nicht mehr krankenversichert, denn wer länger als ein Jahr arbeitslos ist, verliert auch seinen Versicherungsschutz.

Rettungsplan für Apotheken

Die Zahlungsschwierigkeiten im griechischen Gesundheitssystem treffen auch die Pharmaindustrie. Die Schulden der staatlichen Krankenhäuser, der Großkasse und der Militärkrankenhäuser gegenüber den Firmen lagen im Sommer bei 1,65 Milliarden Euro. Diese Zahl stammt aus einem Brief des griechischen Pharmaverbands an den griechischen Finanzminister vom 27. Juli. Der europäische Pharmaverband EFPIA verhandelt derzeit im Auftrag seiner Mitgliedsfirmen mit der griechischen Regierung über eine Regelung für den ambulanten Bereich. Richard Bergström, Generaldirektor des Branchenverbands, hofft, dass diese Regelung noch vor Jahresende zustande kommt. Der Verband schlägt vor, die Arzneimittelausgaben für das Jahr 2012 bei 2,88 Milliarden Euro zu deckeln, was einer Medikamenten-Flatrate entspricht.

Chaos  vorprogrammiert

Im Gegenzug soll sich die griechische Regierung dazu verpflichten, alle Außenstände restlos zu begleichen und von 2013 an alle Lieferungen sofort zu bezahlen. Sollte die griechische Regierung zum Jahresende mehr als die vereinbarten 2,88 Milliarden an die Pharmafirmen gezahlt haben, kann sie den zu viel gezahlten Betrag zurückverlangen. Diese Klausel birgt für die Firmen einige Unwägbarkeiten, weil das griechische Gesundheitswesen wenig transparent ist und am Jahresende wohl niemand so recht wissen wird, was wohin geliefert und durch wen bezahlt worden ist.

Transparenz im Wildwuchs

“Uns ist sehr daran gelegen, dass die strukturellen Reformen im griechischen Gesundheitswesen vorankommen“, kommentiert Bergström die Situation im Gespräch mit dieser Zeitung. „Nur so kann sichergestellt werden, dass transparent und akkurat abgerechnet wird.“ Der europäische Pharmaverband möchte die griechische Regierung auch dazu verpflichten, sich bei den anderen europäischen Regierungen dafür einzusetzen, dass die günstigen Arzneimittelpreise aus Griechenland nicht zum Maßstab für die Preisverhandlungen in den anderen europäischen Ländern gemacht werden. Außerdem soll Griechenland effizienter gegen Parallelimporte vorgehen. „25 Prozent der nach Griechenland gelieferten Arzneimittel werden von Händlern aufgekauft und in ein anderes europäisches Land mit höheren Preisen exportiert“, sagt Bergström.

Unterstützung von der Bundesregierung

Das Bundesgesundheitsministerium unterstützt Griechenland bei den strukturellen Reformen. Grundlage ist eine im April mit dem Land und der EU geschlossene Vereinbarung. „Wir haben vier Schwerpunkte gesetzt“, erklärt Andreas Deffner vom Ministerium. „Es soll ein fallpauschalenbasiertes Abrechnungssystem nach deutschem Vorbild eingerichtet werden. Ein Krankenhaus-Managementsystem soll für mehr Effizienz und Transparenz im stationären Bereich sorgen, und eine leistungsfähige IT-Infrastruktur soll den elektronischen Datenaustausch ermöglichen. Außerdem unterstützen wir den Aufbau funktionierender Kassenstrukturen“.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 29.11.2012, 09:53 Uhr