In der Medizin wird über Fehler nur wenig gesprochen. Das zeigt sich allein daran, daß es weder eine klare Begriffsdefinition gibt, was ein Behandlungsfehler ist, noch verläßliche Zahlen über Häufigkeit und Schwere. Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen hat sich nun in seinem jüngsten Gutachten ausführlich mit diesem Problem beschäftigt und eine neue "Fehlerkultur" angemahnt (www.svr-gesundheit.de).
In Deutschland existiert kein geschützter Raum, wo offen und sanktionsfrei über Behandlungsfehler gesprochen werden kann. Es fehlt auch eine Schadensforschung, die Gutachten aus Gerichts- oder Schlichtungsverfahren auswertet, beurteilt und diese Bewertungen öffentlich preisgibt. Ebensowenig gibt es ein Register, in dem Fehler und Beinahe-Fehler erfaßt werden.
Das Robert Koch-Institut in Berlin rechnet mit rund 40 000 Behandlungsfehlern pro Jahr. Für etwas mehr als ein Viertel werden Schadenersatzansprüche geltend gemacht. Daß diese Schätzwerte vermutlich nur die Spitze des Eisbergs sind, legt der Blick auf die Zahl aller Behandlungen nahe. Im ambulanten Bereich werden pro Jahr 400 Millionen Behandlungen vorgenommen, stationär 16,8 Millionen. Käme es bei jeder tausendsten Behandlung zu einem Fehler, wären das allein 400 000 Behandlungsfehler pro Jahr. Bei den unerwünschten Arzneimittelwirkungen, die eine einige Kategorie bilden, sind die Zahlen noch höher. Man geht davon aus, daß zwei bis fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen sind und vermutlich 30 000 bis 80 000 Menschen pro Jahr an den Folgen der Nebenwirkungen sterben. Damit sterben mehr Menschen an Behandlungs- und Verordnungsfehlern als bei Unfällen im Straßenverkehr oder an Dickdarm- oder Brustkrebs.
In einer bundesweiten Umfrage zeigte sich unlängst, daß neunzehn Prozent aller Befragten glaubten, mindestens einmal durch eine fehlerhafte oder unangemessene Behandlung geschädigt worden zu sein. Allerdings hatten nur wenige von ihnen eine Schadenersatzforderung geltend gemacht oder den Arzt mit den Vorwürfen konfrontiert.
Krankenhausärzte werden häufiger beschuldigt, einen Fehler begangen zu haben, als niedergelassene Ärzte. Die meisten Vorwürfe richten sich gegen Chirurgen, Frauenärzte, Geburtshelfer und Orthopäden. Kliniken, die auf bestimmte Eingriffe spezialisiert sind, werden seltener beschuldigt als Kliniken, die einen Eingriff nur selten vornehmen. Was die Betroffenen anbelangt, so sind alte und multimorbide, sozial schwache und sprachlich eingeschränkte Patienten häufiger Opfer als andere Bevölkerungsgruppen.
Die meisten Fehler entstehen offenbar durch Defizite bei der Kommunikation und Organisation. Mangelnde Absprachen zwischen den Ärzten und dem Pflegepersonal, zwischen den verschiedenen Behandlungsteams sowie den ambulanten und stationären Diensten sorgen immer wieder dafür, daß eine Behandlung nicht korrekt ausgeführt wird oder den jeweiligen Erfordernissen nicht angemessen ist. Wichtigste Faktoren beim Entstehen eines Behandlungsfehlers sind Ablenkung, Streß und Unerfahrenheit. Was zudem fehlt, sind standardisierte Ablaufpläne und interne Leitlinien.
Das deutet darauf hin, daß einige Fehler durch ein grundsätzliches Versagen des Systems entstehen und nicht durch ein individuelles Fehlverhalten. Der Medizinbetrieb könnte deshalb von einem Verfahren profitieren, das sich auch in der Luftfahrt bewährt hat, das sogenannte "Crewtraining". In der Luftfahrt wird nach Checklisten vorgegangen, deren Einhaltung mehrmals überprüft wird. Zwischen den einzelnen Schritten gibt es Pufferzeiten, um Streß und Zeitdruck zu vermeiden. Die Teams werden zudem gemeinsam trainiert und zertifiziert, Außerdem ist jedes Team angehalten, Fehler und Schwierigkeiten zeitnah zu melden. Der Sachverständigenrat fordert auch, den Patienten und ihren Angehörigen angemessene Möglichkeiten zu bieten, sich bei einem etwaigen Schadensfall informieren und beraten lassen zu können.
