28.10.2004 · Unsere Depression: Die Volkskrankheit Nummer eins in Deutschland birgt viele Unklarheiten und kaum zu ermessene Ausprägungen. Klinisches über einen Volkszustand
Von Martina Lenzen-SchulteSebastian Deisler, der Stürmerstar des FC Bayern München, dürfte eigentlich gar nicht seelisch in die Knie gehen. Körperliche Aktivität schützt vor Stimmungstiefs, das bestätigte erst im Sommer eine Studie aus den Vereinigten Staaten. Leistet Sport bei texanischen Schülern etwa mehr als das Trainingsprogramm an der Säbener Straße für eine der größten deutschen Fußballhoffnungen?
Das Thema Depression verleitet schnell zu Widersprüchen. Meniskusriß oder Knochenbruch wären zu akzeptieren, melden sich die Fans zu Wort, aber Depression nicht. Ein Körper, getrimmt, um Stadien in jubelnde Ekstase zu versetzen, kann doch nicht lahmzulegen sein, nur weil die emotionalen Energien versiegen. „Weichei, auf jeden Fall Weichei“ lautete auch prompt ein Kommentar bei Kicker-Online. Als gelte es, nachträglich die beste Vorlage zu liefern für den Europäischen Depressionstag vom 7. Oktober 2004.
Depression Volkskrankheit Nummer eins
Den hatte die European Depression Association erstmals ausgerufen, um Informationsdefizite in puncto Depression abzubauen, etwa die häufige Fehleinschätzung, es handele sich dabei nicht um eine ernsthafte Erkrankung, sondern um persönliches Versagen. Laut Einschätzung der Welt-Gesundheitsorganisation wird die Depression neben Herz- und Gefäßleiden 2020 die häufigste Krankheitsursache sein. Berücksichtigt man die Monate und Jahre, in denen die Erkrankung die Betroffenen aufreibt und zermürbt, wird sie sogar zur Volkskrankheit Nummer eins. Die Zahl der aktuell an Depressionen leidenden Deutschen wird auf vier Millionen beziffert. Jeder zehnte Deutsche machte im vergangenen Jahr wochen- oder monatelang eine Depression durch.
Was die Krankheit ausmacht, ist mit der reinen Beschreibung kaum zu ermessen. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Konzentrations- und Merkschwäche, immer wiederkehrende Grübeleien, die Abschottung von anderen Menschen, vollkommene Teilnahmslosigkeit und das Gefühl, ganz wertlos zu sein, flankieren den schwarzen Kern der Depression, jene alles umfassende Freudlosigkeit, die Unfähigkeit, überhaupt etwas zu fühlen. Der Außenstehende gelangt immer nur an den Rand solcher Verzweiflung, nie in deren Abgrund selbst. Es gibt etliche Varianten von diesem Bild, sicherlich auch weniger schwerwiegende, die mitunter zu Verwässerungen bei der Diagnose führen. Dennoch zählt die Depression unzweifelhaft zum Quälendsten, was Krankheit einem Menschen antun kann.
Mehr als 100.000 Selbstmordversuche
Nicht nur Schwere und Häufigkeit, auch der bedrohliche Charakter der Depression wird verkannt. Wer nach einem Herzinfarkt oder bei anderen körperlichen Gebrechen zusätzlich depressiv wird, stirbt nachweislich früher. Bei Depressiven ist die Suizidrate einundzwanzigfach höher als bei psychisch Gesunden. In Deutschland nehmen sich im Jahr 11 000 Menschen das Leben, in der Regel wegen einer Depression, auf mehr als 100.000 wird die Zahl der Selbstmordversuche geschätzt.
In Chatrooms im Internet kann man sich über „todsichere“ Methoden informieren, dort werden Selbstmorde angekündigt, gemeinsame verabredet. Der Suizid stelle gleichsam die Spitze des Eisbergs Depression dar. So formuliert es jene Expertengruppe unter Federführung von Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München, die sich im Rahmen des „Nürnberger Bündnisses gegen Depression“ das Ziel gesetzt hat, die Defizite bei Erkennung und Behandlung der Depression anzugehen.
Fortbildung zur Suizid-Vorbeugung
Vierzig Prozent derjenigen, die sich das Leben nehmen, suchen vier Wochen vorher noch einen Arzt auf. Aber Hausärzte, so ergab eine Untersuchung von Frank Schneider von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Aachen, sprechen ihre Patienten nicht immer auf das heikle Thema an. Schulungen dieser für den Depressiven meist ersten Ansprechpartner, wie sie das Nürnberger Bündnis konzipiert hat, sollen dem abhelfen. Leihvideos, die die Patienten mit nach Hause nehmen können, erlauben es ihnen und ihren Angehörigen, sich ohne Zeitdruck beraten zu lassen.
Jene, die bereits einen Selbstmordversuch unternommen haben, erhalten eine Notfallkarte, die es ihnen ermöglicht, rund um die Uhr Hilfe zu holen. Auch Pfarrer, Lehrer, Altenpflegekräfte und nicht zuletzt Journalisten wurden in Nürnberg zu Fortbildungen geladen. In den Lokalredaktionen warb man dafür, die Berichte über Selbstmorde nicht zu reißerisch zu gestalten, um keine „Werther-Effekte“ - nachahmende Selbstmordwellen - hervorzurufen. Unter der Schirmherrschaft von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt wurde schließlich die Öffentlichkeit mittels Plakaten und Kinospots informiert.
Nürnberger Programm erfolgreich exportiert
Das alles hat die Rate der Suizidhandlungen insgesamt, der Selbstmorde und der Selbstmordversuche, in Nürnberg um zwanzig Prozent verringern können, ein weltweit einmaliger Erfolg für ein solches Mehrebenenkonzept, der Ende letzten Jahres zu verbuchen war. Zwölf Regionen in Deutschland haben die Strategie inzwischen übernommen, weit mehr stehen kurz davor. Noch bemerkenswerter ist, daß das Nürnberger Programm über die European Alliance Against Depression (EAAD) in fünfzehn Länder exportiert wird und sich damit eine Präventivmaßnahme aus Deutschland in die erste europäische Liga katapultiert sieht.
Dennoch liegt vieles weiterhin im argen. Das Nürnberger Bündnis ist auch nur eines von zwanzig Projekten im „Kompetenznetz Depression“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, um die Erforschung der Depression und die Versorgung der Patienten zu verbessern. Bei weniger als der Hälfte der Depressiven wird das Leiden richtig erkannt, davon wird wiederum nur die Hälfte richtig behandelt. Das bezieht sich hauptsächlich auf die Pharmakotherapie, neben der Psychotherapie die Hauptsäule bei der Behandlung einer Depression. Antidepressiva wirken nicht nur stimmungsaufhellend. Je nach Patient nutzt man ihre beruhigende oder antriebssteigernde Wirkung oder kann mit ihnen, wenn der Umschlag in den manischen Größenwahn droht, dieser Entwicklung vorbeugen.
Wirksamkeit von Antidepressiva oft überschätzt
Allerdings verordnet sogar ein großer Teil der Fachärzte die Substanzen in zu niedriger Dosierung. Zwar sprechen rund zwei Drittel der Depressiven nach etwa vier bis acht Wochen auf ein Antidepressivum an, indes erreicht man nur bei der Hälfte dieser Kranken eine vollständige Besserung. Für die übrigen ist das Rückfallrisiko besonders hoch und damit auch die Gefahr, daß chronisch immer wieder depressive Schübe auftreten.
Bruno Müller-Oerlinghausen, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, wies unlängst in einem Beitrag für das „Deutsche Ärzteblatt“ darauf hin, daß unsere Kenntnis über die Wirkmechanismen antidepressiver Medikamente nach wie vor mangelhaft ist und die tatsächliche Wirksamkeit oft überschätzt wird. Insbesondere wäre es notwendig, die Behandlung am Patienten individuell zu optimieren. Beispielsweise indem man überprüft, ob die Wirkspiegel im Blut des Kranken auch ausreichend hoch sind. Wer das außer acht läßt, vergleicht Äpfel mit Birnen, selbst wenn er in aufwendigen Studien die Wirksamkeit verschiedener Substanzen gegeneinander testet.
Nervenbotenstoffe beeinflussen
Antidepressiva waren zusammen mit den Antipsychotika der Rollrasen, der vor rund fünfzig Jahren das spärliche Pflänzchen der Psychopharmakotherapie gleichsam über Nacht in die bis heute blühenden Wiesen der biologischen Psychiatrie verwandelt hat. Während die Wirkung von Antipsychotika unmittelbar überzeugt - von Halluzinationen und Verfolgungsängsten kann ein Schizophrener innerhalb von Tagen befreit werden -, tritt die antidepressive Wirkung erst nach Wochen und weit weniger spektakulär zutage.
Dennoch haben die Antidepressiva und nicht die Hirnforschung das biochemische Konstrukt von Depression geschaffen. Die Noradrenalinhypothese wurde durch die Serotoninhypothese ergänzt, als die Serotonin-Rückaufnahmehemmer zu den klassischen, trizyklischen Antidepressiva hinzutraten. Inzwischen zählt auch Dopamin zur Riege der wichtigen Nervenbotenstoffe, die es bei der Behandlung der Depression zu beeinflussen gilt. Aber bislang ist es nicht gelungen, daraus ein Modell zu entwerfen, das uns erklären könnte, was eine Depression ist oder wie sie zustande kommt.
Antidepressiva-Anwender auf dünnem Eis
So bleibt eine Verständnislücke zwischen dem ständig wachsenden Berg von Befunden über Rezeptoren, biochemische Signalkaskaden und Bilder vom Hirnstoffwechsel und den für den Alltag der Patientenbetreuung wichtigen Fragen, warum etwa der eine Patient unter Belastungen und Rückschlägen im Leben depressiv wird, ein anderer jedoch nicht, wem ein Rückfall droht, wer dagegen dauerhaft geheilt bleibt, wer suizidgefährdet ist, wer nicht.
Daß im letzten Jahr die Diskussion um die Serotonin-Rückaufnahmehemmer - es kam der nicht sicher bewiesene Verdacht auf, sie könnten die Suizidgefahr bei Depressiven sogar erhöhen - zum Teil ungerechtfertigt heftige Debatten um den Sinn von Antidepressivatherapie auszulösen vermochte, könnte ein Symptom dafür sein, auf wie dünnem Eis sich selbst die Anwender der Substanzen fühlen.
Ein tödlicher Irrtum
Anstehende Forschungsergebnisse verständlicher in ein Erklärungskonzept zu integrieren ist sicherlich nicht leicht. Welche Rolle spielen genetische Marker, an denen man so intensiv forscht, welche kommt den frühkindlichen Schäden zu? Gerade in diesem Monat lassen Beobachtungen aufhorchen, wonach zum Beispiel das Risiko für Heranwachsende, an einer Depression zu erkranken, elfmal höher ist, wenn sie als Kinder zu früh und untergewichtig geboren wurden, als für jene, die normalgewichtig zum Termin erscheinen.
Ein besonderer Stellenwert wird angesichts der demographischen Entwicklung der Erforschung der Depression im Alter zukommen. Nicht selten werden bei alten Menschen die mit depressiver Stimmung einhergehenden Merk- und Konzentrationsschwächen als Alzheimer mißdeutet. Ein tödlicher Irrtum: Männer jenseits der fünfundachtzig begehen in den Vereinigten Staaten fünfmal so häufig Selbstmord wie die übrige Bevölkerung. Alles Weicheier?