Home
http://www.faz.net/-gwz-6ze6d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Generation Y Der alte Arzt hat ausgedient

Sie lehnen Hierarchien ab und wollen lieber geregelte Arbeitszeiten als steile Karrieren: Die nach 1980 geborenen Ärzte werden zur Herausforderung im deutschen Klinikalltag.

© Gyarmaty, Jens Vergrößern Steil nach oben oder doch lieber „horizontale Karrierepfade“ wählen? Zwei junge Medizinerinnen auf der Karrieremesse des Marburger Bundes

In der Klinik, die der Kinder- und Jugendpsychiater Rüdiger Haas leitet, gibt es ein verbotenes Wort. Verboten ist es nicht für die Patienten, wohl aber für die Ärztinnen und Ärzte, die hier in Marl-Sinsen am nördlichen Rand des Ruhrgebietes in einer der größten Fachkliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie Deutschlands arbeiten. „Das verbotene Wort ist ,früher’“, sagt Haas, ärztlicher Direktor der Einrichtung. „Früher, so wie in: Früher wurde noch gearbeitet. Früher war man noch idealistisch. Früher hat man sich aufgeopfert. Früher war alles anders.“ Früher, sagt Haas, sei das Wort „früher“ sehr häufig benutzt worden. Es jetzt möglichst nicht mehr zu verwenden, ist an seiner Klinik der Versuch, einen Generationenkonflikt zu entschärfen, der überall in den deutschen Krankenhäusern schwelt: der Zusammenprall der sogenannten „Generation Y“, der jungen Assistenzärzte, die nach 1980 geboren sind, mit den älteren angestellten Medizinern, zu denen der 47-jährige Rüdiger Haas auch sich selbst zählt.

Christina Hucklenbroich Folgen:    

Haas hat nicht nur ein Wort verboten, um diesen Generationenkonflikt einzudämmen. Er hat an seiner Klinik auch „absolut berechenbare Arbeitszeiten“ geschaffen. „Die Kollegen machen quasi keine Überstunden. Wenn doch, feiern sie sie ab. Angeordnete Überstunden werden ausbezahlt.“ Die Klinik bietet flexible Arbeitszeitmodelle, wer etwa aus familiären Gründen nie donnerstags abends arbeiten kann, braucht das auch nicht. Teilzeitkräfte können ihre Arbeitszeiten sogar völlig individualisieren und etwa nur abends oder nur frühmorgens arbeiten. Haas schließt: „Unsere Arbeitszeiten sind der Generation Y zu hundert Prozent angepasst.“

Die Jungen sind anders

Generation Y: Diesen Terminus lassen Klinikleiter und Studiendekane, Verwaltungs- und Personalchefs in Krankenhäusern inzwischen völlig selbstverständlich ins Gespräch einfließen. Anfänglich, als die neue Generation mit ihren Eigenheiten immer öfter zum Gesprächsstoff im Kollegenkreis wurde, gab es noch keinen Namen, man wusste nur soviel: Die Jungen sind anders. Die Jungen legen mehr Wert auf Freizeit, sie wollen geregelte Arbeitszeiten, sie akzeptieren ungern Überstunden. Seitdem sich das Fremdeln zwischen den Generationen aber zu einem handfesten „Clash of Cultures“ auszuweiten droht, hat man begonnen, die Gruppe der jungen Ärzte auch mit wissenschaftlichen Instrumenten zu erforschen. Der erste, der die Konsequenzen des Generationswechsels für den Arztberuf und den Gesundheitssektor in Deutschland wissenschaftlich untersucht hat, ist Christian Schmidt, Chirurg und medizinischer Geschäftsführer der Kliniken der Stadt Köln, eines Unternehmens, in dem mehr als sechshundert Ärzte arbeiten. Mit einem Artikel im deutschsprachigen Fachmagazin „Der Anästhesist“ hat Schmidt die Thematik im vergangenen Jahr auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt - und seitdem fast dreißig Einladungen zu medizinischen Kongressen und Anfragen für weitere Magazinbeiträge bekommen. Die große Resonanz hat auch wirtschaftliche Gründe. Der Nachwuchs ist heiß begehrt: 12 000 offene Ärztestellen an Krankenhäusern und Kliniken hat der Marburger Bund vor zwei Jahren nach einer Mitgliederumfrage errechnet.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Studie über Jugendliche Zu viel Internet, zu wenig Freunde

Kann es sein, dass vor lauter Online-Zockerei die Freundschaft zum Nachbarsjungen zerbricht? Der Psychologe Manfred Beutel stellte solche Fragen für eine Studie jenen, um die es geht: Jugendlichen. Mehr

19.03.2015, 10:29 Uhr | Gesellschaft
20- bis 30-Jährige Generation Y verändert die Arbeitswelt

Die Arbeitswelt ihrer Eltern halten sie für überholt. Feste Arbeitszeiten, starre Hierarchien, arbeiten bis zum Umfallen - für die Generation Y ist das nicht reizvoll. Die 20- bis 30-Jährigen heute wollen sich im Job selbst verwirklichen, flexibel arbeiten, Freizeit genießen und trotzdem erfolgreich sein. Auf ihre Vorstellung von Arbeit soll sich die Wirtschaft einstellen. Steffi Burkhart ist eine von ihnen. Zwei Jahre hat sie für einen Konzern gearbeitet, danach wusste sie: Das ist nicht ihre Welt. Starre Abläufe und Arbeitszeiten, schlechter Führungsstil. Die 29-Jährige hat gekündigt und arbeitet heute für eine Beratungsfirma in Köln als Coach. Sie gibt Seminare für Führungskräfte und hält Vorträge, auch über die Generation Y. Faul oder egoistisch sei ihre Generation nicht, sie wisse einfach, was sie wolle - und hinterfrage Vieles. Dass sich die Arbeitswelt wandelt und sich Unternehmen darauf einstellen müssen, findet sie normal, in Zeiten des Fachkräftemangels umso mehr. Die Jungen können die Arbeitsbedingungen heute diktieren, findet auch Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin. Er hält sie trotzdem für Leistungsmenschen, aber eben auf ihre Weise. Eine Reportage von Anja Kimmig Mehr

23.03.2015, 09:22 Uhr | Wirtschaft
Dokumentarfilm Web Junkie Du kommst nach China!

Ab in die Anstalt: Online-Süchtigen droht in China eine harte Behandlung. Mit militärischem Drill sollen sie in Bootcamps zur Besserung erzogen werden. Die Dokumentation Web Junkie beleuchtet eine einsame Generation. Mehr Von Matthias Hannemann

13.03.2015, 20:24 Uhr | Feuilleton
Offenbach Mahnwache für Tugce Albayrak

Tausende Menschen haben vor einer Klinik Abschied von der jungen Frau genommen, die vor zwei Wochen vor einem Schnellrestaurant ins Koma geprügelt worden war. Mehr

02.12.2014, 08:42 Uhr | Aktuell
Rechtsstreit um Ärztefehler Tödliche Minuten

Ein junger Vater stirbt nach einer Herzoperation. Ein tragisches, aber unabwendbares Schicksal, sagt die Klinik. Die Folge schwerer Versäumnisse, sagt die Witwe. Der juristische Streit um das Leid einer Familie dauert schon fast 13 Jahre. Mehr Von Helmut Schwan

20.03.2015, 13:59 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.04.2012, 06:00 Uhr