27.04.2012 · Sie lehnen Hierarchien ab und wollen lieber geregelte Arbeitszeiten als steile Karrieren: Die nach 1980 geborenen Ärzte werden zur Herausforderung im deutschen Klinikalltag.
Von Christina HucklenbroichRichtlinien für Lesermeinungen
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Die Frage, die sich sofort stellt
Wer soll das bezahlen?! Wenn diese Einstellung der sog Generation Y weit verbreitet ist, bedeutet das, dass das Gesundheitssystem gnadenlos ausgebeutet wird, auf Kosten nachfolgender Generationen. Im Grunde ist das die deutsche Version der griechischen Mentalität. Prassen bis zum Geht-nicht mehr. Zahlen sollen die anderen.
Sechs Jahre Studium sind eine lange Zeit, jedoch eine recht kurz
bemessene für das zu internalisierende "Wissen".
Ständig kommt Neues hinzu, das ist auch Anreiz für mein
Studium gewesen - die Tatsache des „nie Auslernens“.
Freude an dem Tun ist aber nur in ausgewogenem Verhältnis zu
ausreichenden Freizeitressourcen möglich - hier stimme ich dem
durch den Artikel vermittelten Grundtenor meiner „Generation
Y“ zu.
Ich denke jedoch, dass wir durchaus in der Lage sein werden,
„unsere Medizin“ nicht nur auf personalpolitischer Ebene zu
gestalten, sondern vielmehr auch durch Kreativität und vielseitiges
Interesse - mit dem Blick über neonbeleuchtete Krankenhausflure
hinaus - zu bereichern.
Nicht die Generation Y, sondern Ärztemangel und das Honorarzt-unwesen sind das größere Problem der K
Auf die geänderten Sichtweisen der Generation Y (die teilweise richtig beschrieben wurde) kann und muss man sich in den Kliniken einstellen. Bessere Weiterbildungscurricula, mehr Anleitung statt Autodidaktentum, weniger Arbeit pro Monat, das ist nicht unvernünftig. Aus der Sicht eines heute in der Klinik medizinisch Verantwortlichen (Generation X) gibt es ein anderes Problem: Es fehlen Mediziner in den Kliniken, zu viele der Generation X und Y haben die Kliniken mit ihren kräftezehrenden Anforderungen und zeitlichen Einschränkungen (Dienste 24/7) verlassen. Wir aus der Generation X sind ja bereit, die Mehrarbeit zu schultern. Ganz Schlaue kündigen und kommen als (über)bezahlte Honorarärzte in den OP und die Stationen zurück, ohne Dienste machen zu müssen, frei von Identifikation mit den Kollegen und dem Haus. Diesen Trend sollten die Kliniken nicht mitmachen. Dann lieber mehr Nachwuchs aus der Gen. Y.
den hier mehrfach und wohlwollend zitierten Prof. Schmidt hat sich
gerade mit Bezug auf die Altersdiskriminierung mehrere
Jahresgehälter Abfindung erklagt. Ist das nicht eine Ironie der
Geschichte? Fakt ist doch daß alleine die Organisation der (m.W.
ständig wechselnden) Wünsche von Teilzeitmitarbeitern,
morgens, nicht Donnerstags, aber vielleicht mal Samstags zu arbeiten,
ein Heer von Bürokraten beschäftigen wird, die schon immer
genau diese Privilegien eines menschenwürdigen Lebens genossen
haben. Ob sich daber aber immer noch am Ende eine gute
Ergebnisqualität für den Patienten sicherstellen
läßt oder auch nur ein verläßlicher
Ansprechpartner, das möchte ich doch bezweifeln.
In meiner AIP-Zeit 1992 habe ich mich riesig darüber aufgeregt,
daß ich mit meiner 60-90 Stunden-Woche weniger verdient habe als
die Halbtags- oder sogar Vierteltags-Schreibkraft. Ich mußte meine
Befunde sogar selber schreiben wenn ich einem Patienten zugsagt hatte,
daß der Befund bis dann und dann fertig ist
"Ist das nicht eine Ironie der Geschichte?"
Nö, eigentlich nicht, denn es war klar - auf Grund seiner negativen
Beurteilung bezüglich der "Generation Y" -, dass er ein
persönlich motiviertes Negativ-Erlebnis mit in seine Beurteilung
einfließen ließ.
Was ich im Übrigen von allen Ärzten behaupten wollen
würde, ob nun "Generation X" oder "Babyboomer",
denn wer die Forderungen der "Generation Y" völlig frei
von den eigenen Opfern die man bringen muss(te), also rein objektiv,
betrachten kann, der kann an diesen Wünschen nicht viel auszusetzen
haben. Und um die Patienten sollte man erst Recht nicht bangen
müssen, denn ich bin überzeugt davon, dass ein
8-Stunden-Dienst keineswegs aus einem Arzt ein schlechter Arzt machen
wird. Im Gegenteil, denn wenn dieser eine ganze Woche lang immer im
Frühdienst wäre, so bekommt er mehr von seinen Patienten auf
Station mit als ein anderer mit 24/36-Stunden-Dienst und zwei Tage frei
oder in der Ambulanz eingeteilt, etc.
Lasst mal die Ärzte organisieren und Dienstpläne schreiben,
anstatt ein Büro...
Die Argumente stimmen und stimmen nicht, aber
es geht momentan doch nur um Ausnutzung der Marktmacht. In diesem
speziellen Interessenskampf sind natürlich Argumente auf 'ethischer
Ebene' besonders willkommen und werden hergeholt, wo immer sie sich
bieten. Dem Gegner wird dann die Ethik abgesprochen. Eine typische
Vorgehensweise. So what!
Die Marktmacht wird sich natürlich wieder ändern - immer. Das
haben die Gewerkschaften erfahren müssen und auch die
Ärzteschaft der 60er Jahre. Wer von den jungen Ärzten den
vorgebrachten Argumente tatsächlich vertraut, wird dann
möglicherweise in einer Falle sitzen.
„hands-on“, "Nine-to-five-Job", "Work-Life-Balance" - Das lässt sich alles sehr gut auf Deutsch formulieren. Man muss nicht ständig während der Zeitungslektüre, die meist eine s c h n e l l e Lesegeschwindigkeit voraussetzt, zum "Leo"-Tab umspringen müssen. Besonders schlimm ist es dann, wenn sog. Ökonomen loslegen. Da kommen dann noch Abkürzungen in Großbuchstaben hinzu. Oder bin ich etwa kein Multikulti trotz meiner 7fachen Sprachkenntnisse?
als arzt darf man also nicht leben ?!
Wie kommen unter den Kommentatoren ausgerechnet Ärzte zu der
Auffassung, die Einhaltung der Arbeitszeiten beeinträchtige die
Qualität der medizinischen Ausbildung ? Entweder sind solche
Beiträge "gefaket" oder aber ärztliche Kollegen der
älteren Generation rechtfertigen mit fraglichen Argumenten ihren
verkorksten Lebenswandel und gönnen der jungen Ärztegeneration
aus lauter Missgunst keine besseren Arbeitsbedingungen.
Ich leiste als Assistenzarzt pro Tag im Schnitt 2 Überstunden,
während derer ich nicht etwa medizinisch tätig bin sondern
Briefe diktiere bzw. am PC sitze und Dokumentationsarbeiten verrichte.
Manches hat sich sicherlich an den Kliniken verbessert im Vergleich zu
früher, einiges aber auch verschlechtert. Heutzutage betreibt man
eine high throughput Medizin, in welcher so viele Patienten so schnell
wie möglich durch die Maschinerie geschleust werden müssen.
Kaum Zeit für Gespräche, permanenter Zeitdruck, so mancher
Kollege haut deshalb in patientenferne Fachrichtungen ab
Der Artikel gibt die Realität in deutschen Kliniken wider. Aber
sollen wir uns dieser Entwicklung fügen, oder zumindest versuchen
ihr entgegen zu wirken?
Zwei Punkte gebe ich zu bedenken:
1. Medizin ist eine Disziplin, in der die Qualität ganz massgeblich
durch praktische Erfahrung bestimmt wird. Wenn Ärzte schon zu
Beginn ihrer Laufbahn nur 8-Stunden Tage akzeptieren, werden sie
wichtige Erfahrungen niemals sammeln, zum Beispiel den akuten
Krankheitsverlauf von der Notaufnahme über die initiale Diagnostik
bis zum frühen Ansprechen auf die eingeleitete Therapie.
2. Kranke Menschen zu Behandeln setzt ein hohes Maß an
Identifikation mit dieser Aufgabe voraus. Um Leid, Schmutz und
Krisensituationen zu ertragen und das nötige Maß an
Altruismus, dass eben nunmal hierzu nötig ist aufbringen zu
können, muss eine Identifikation mit dem Beruf bestehen, die es
nicht zulässt, den Lebensschwerpunkt in der Freizeitgestaltung zu pflegen.
"Konsequenzen nicht bedacht"
Bravo! Doch es gäbe vielleicht einen Kompromiss: "8 Std.-Ärzte" kommen in eine niedrigere Gehaltsklasse und werden eher "ökonomisch optimiert" (d. h. wegrationalisiert), die anderen steigen in eine höhere Gehaltsklasse auf und werden als Stammbelegschaft auch in gesundheitsökonomischen Krisen gehalten - um jeden Preis.
Danke für Ihre Anmerkungen. Ich bitte um Nachsicht, wenn meine
vereinfachte Formulierung Sie irritiert hat.
In der Fortsetzung des Beitrages versuche ich ergänzend,
organisatorische und kulturelle Erschwernisse von gewünschten
Merkmalen der Berufsausübung zu abzugrenzen.
Letztlich bestimmt die Aufgabe Zeitaufwand und Teilbarkeit.
Grundsätzlich erfordert klinische Teamarbeit genauso geduldige
Zurückhaltung wie tatkräftige Initiative.
Ansatzpunkte für persönlich verletzende Fremdbestimmung.
Entscheidend für die Organisationskultur ist Kameradschaft, wie sie
von Volker Zastrow in "Die Vier" beschrieben wurde.
Menschliche Vernunft hilft auch, wie der Chirurg Michael Trede (*1928)
in "Der Rückkehrer" zum Thema bekennt: in Form des Mittagsschlafes.
Schädlich und zerstörerisch sind Konkurrenzdenken und
persönliche Isolation. Oder korrumpierende Netzwerke.
Vorbildliches wie Abschreckendes dazu zeigt der Blick über die Landesgrenzen.
Vorab: Ich bin Jahrgang 86, falle also wohl genau in diese
"Generation Y".
Eine gute Freundin von mir ist Frauenärztin in einem Kölner
Krankenhaus; und die Menge an Überstunden die "einfach
so" erwartet werden sind einfach nur UNMÖGLICH. Sie hat keinen
geregelten Zeiten, kann nicht längerfristig planen, hat den Kopf
seltenst für sich, an Familie ist nicht zu denken... und für
was? Ja, an Geld hat sie mehr als genug - nur hat sie NICHTS davon.
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich die Diskussion hier etwas
lächerlich finde. SELBSTVERSTÄNDLICH möchte ich (als
Ingenieur übrigens) ein Leben neben dem Beruf haben. Genauso wie
JEDER andere im Kopf gesunde Mensch auch.
"Jetzt mal konkret"
Auch Banken oder Schulen zeigen solches Fehlverhalten mit der "Mehrarbeit". Die gesellschaftlichen Kräfte sollten alle am 1. Mai s c h ä r f s t e n dagegen vorgehen, dass ein solches m e n s c h e n v e r a c h t e n d e s Verhalten, das m. E. aus der verkehrten Lebensweise unserer sog. demokratischen Vollzeitpolitiker herrührt, endlich gestoppt wird. Die Generation "Y" wird sonst nur noch eine Generation "Z" erleben und die "Ausgebrannten" werden zuhauf unsere öffentlichen Räume füllen.
Es hat mich amüsiert, dass ich noch zur Babyboomer-Generation gehöre- im Klinikalltag- als Assistenzärztin -habe ich es dagegen mit der beschriebenen Generation Y zu tun, die ich aufgrund dieses gut recherchierten Artikels jetzt ein bisschen besser verstehe. Unsere Gehälter - insbesondere an den Unikliniken - sind sehr anständig, obwohl kaum noch jemand an Wissenschaft interessiert ist, zumindest erlebe ich es so. Wenn ich mir die Arbeitswelt meiner Patienten oder auch von Nicht-Medizinern mit akademischen Berufen anschaue, wundert es mich schon häufig, welche Erwartungen an das ärztliche Arbeitsumfeld gestellt werden. Wehe, es zeigt ein Lehrer nicht Einsatz über die vorgeschriebenen Zeiten hinaus. Glauben wir Ärzte wirklich, es wäre in der Industrie besser? Ob meine jungen Kollegen Hierarchien ablehnen- da bin ich mir auch nicht so sicher. Beklagt wird dagegen, dass man nicht ständig an die Hand genommen wird, sowohl in der Ausbildung als auch im Klinikalltag.
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 28.04.2012 09:22 Uhr"Jammern auf hohem Niveau" ???
Oh je, was ich Sie so alles gerade "gerne" fragen und
mitteilen wollen würde..., aber dafür reichen 1000 Zeichen nicht.
Doch schon alleine für Ihre Überschrift, hier mein Kommentar dazu.
Sollten Sie mal ein Problem mit den Zuständen in ihrem Job
bekommen, und dafür bei irgendwem etwas Verständnis suchen,
dann wünschte ich, dass Ihnen jeder zur Antwort gäbe:
"Bitte, steck dir dein Gejammer sonst wo hin!",
denn hier gegen junge, mit Recht verängstigte Kollegen die
großen Töne spuken, obwohl doch auch Sie schon zu wissen
scheinen, um welche Angst es hintergründig bei all diesen
Forderungen wirklich geht.
Denn umsonst haben Sie diesen Satz ja sicher nicht geschrieben:
"Ob meine jungen Kollegen Hierarchien ablehnen- da bin ich mir auch
nicht so sicher."
Richtig:
HIERARCHIE und nicht Autorität,
ganz nach dem Motto: "FÜR DEN KÖNIG müssen wir unser
Leben geben!",
all "die Leichen im Keller" mitdecken; uns mit rein ziehen
lassen - uns den gesunden Schlaf dadurch rauben lassen, etc.
Ich weiss garnicht, worüber ich mich mehr aufregen soll
über diesen Artikel oder die dummdreisten, von keiner Sachkenntnis
getrübten Lesermeinungen.
Ich kenne ca. 50 Assistenzärzte, aus Feld-Wald-und-Wiesen-Krkh wie
aus reputierten Uni-Kliniken. 65 Wochenstd. min., eher 80, teilsweise
auch 90 Std. Wenn ich von diesen rührigen Geschichten Ehemaliger
höre, kriege ich die Krätze. Früher war die Arbeitsdichte
in den Krkh viel geringer, da konnte man auch mal im Nachtdienst pofen.
Heute? Null Chance. In den letzten 10 Jahren allein ist die
Arbeitsdichte um 40% gestiegen (Fallzahlen schrubben, Durchsatz
steigern, Liegezeiten verkürzen). Und die Macht der Chefärzte
ist ungebrochen, weil sie auch nach neuer WBO am längeren Hebel
sitzen. Der Artikel ist einfach ärgerlich und hat mit der
Realität in unseren Krankenhäusern nix zu tun. Arme Assis,
arme Patienten, armes Deutschland.
Generationen-Gegensätze, die keine sind
Ich bin selber Babyboomer. In meiner Generation gibt es sehr viele, die
nicht eine berufliche Tretmühle als Lebenszweck sehen, sondern
lieber sich um ihre Kinder kümmern und ähnliches. Der
Hauptunterschied: Wir haben das nicht als Generationen-Lifestyle
vermarktet und uns nicht als den Mittelpunkt des Universums gesehen.
Leider waren wir immer viel zuviele, so daß wir nicht alles
hinterhergetragen bekamen. Aus diesem Grund konnte man eine Zeit lang
diejenigen von uns, die für diesen Beruf opferbereit genug waren,
im Krankenhaus ausbeuten (einschließlich AiP und ähnlichen
Frechheiten). Daß dies so nicht mehr möglich ist, liegt aber
neben dem Mangel an Nachwuchs auch an uns: Wir sind nämlich schon
in Scharen in nichtklinische Tätigkeiten oder ins Ausland gegangen,
so daß innerhalb weniger Jahre aus einer
"Ärzteschwemme" ein Mangel wurde.
"Der Hauptunterschied: Wir haben das nicht als Generationen-Lifestyle vermarktet und uns nicht
als Mittelpunkt des Universums gesehen."
Habe ich nun den Artikel falsch verstanden oder Sie?
Entschuldigung,
aber diese "Generation Y" verkauft hier mal gar nichts, und
diese sieht sich auch ganz sicher nicht als Mittelpunkt des Universums,
denn derart Empfinden/Ansicht war doch wohl eher in diesen Generationen
möglich, welche andere bis über die Erschöpfung hinaus
engagiert sehen wollten, auf Kosten von Partnerschaft, soziale Kontakte
& Familie.
Dieser Herr Schmidt ist "Generation X", jene Generation,
welche den größten "Alptraum" miterleben musste.
Dass er die Vorstellungen von "Generation Y" ins negative
Licht mit seiner Ausführung rückt, das liegt vermutlich daran,
dass er selbst "all die Leichen im Keller" decken und
mittragen musste, während "Generation Y" schon vorher
ausreichend informiert zu sein scheint... und all ihre Forderungen
finden ihren Ursprung in der blanken Angst... und dass diese berechtigt
ist, das zeigen die Veränderungen in der Klinik von Herrn Haas klar auf.
Es sieht ganz so aus, als sei das ein weiteres Beispiel, wo vom einen
Extrem direkt ins andere gewechselt wird, ohne sich lange bei einem
vernünftigen Mittelwert aufzuhalten. Früher jahrelanges
Knechten, wobei die „Assistenz“ die Arbeit machte und der
„Chef“ das Geld einstrich – heute so etwas wie: Arzt
ja, aber bitte kein persönliches Engagement für den Beruf.
All die, die lieber die ausgeruhte Ärztin bevorzugen: würden
die es auch begrüßen, wenn sie mitten in der OP ginge und
jemand anderes ganz frisch, aber ohne Kenntnis des bisherigen Verlaufs
das Skalpell in die Hand nähme?
Man braucht dem „göttergleichen Chefarzt“ nicht
nachzutrauern, auch nicht den 1er-Abiturienten, die Medizin studieren
„mußten“. Aber ein Notarzt, der erklärt, er habe
jetzt leider Dienstschluß?
Wenn alle nicht planbaren Berufe mangels Engagement aussterben, haben
wir halt keine Chirurgen, keine Landtierärzte, keine Forscher und
keine Unternehmer mehr - sollte uns das stören, so lange es uns gut geht?
Ich musste grinsen als ich Ihr "knechten" las, denn diese Bezeichnung lehrten mich Ärzte!
Und Ihr Beispiel des Wechsels während einer Operation:
Nun ja, darüber sollte man auch schmunzeln können, denn ernst
kann das sicher nicht gemeint sein.
Dass man in Sachen Organisation, auch bisher nie Meister gewesen war,
sondern eher unterer Durchschnitt, das besagen vielerlei Fakten im
Klinikalltag, aber nicht nur die Fakten, sondern viel mehr noch die
Ärzte, welche fast mehr darunter litten als an ihren langen Dienstzeiten.
Ebenso wie an all dem "Papierkram"... Ärzte sollten
diktieren, das Schreiben können andere tun, allerdings auch nicht
die Assistentsärzte.
Diesen "vernünftigen Mittelwert" hätte die
Klinikleitung einst in der Hand gehabt, als Überstunden nicht mehr
bezahlt wurden, hätte diese darauf achten müssen, dass nun
auch nicht mehr so viele wie zuvor gemacht werden müssen.
Wer die Erwartungen und das Wohl seiner Arbeitnehmer ignoriert, der
sollte sich über ein eventuelles Extrem nicht wundern und schon gar
nicht echauffieren wollen.
Das ging schon viel zu lange...
Die Klinikverwaltungen haben dieses "Problem" selbst geschaffen
Als in den 80er Jahren noch alle Überstunden bezahlt wurden, wurde
versessen gearbeitet und das Gemecker hielt sich in den Kliniken in
Grenzen- auch wenn die meisten Wochenenden beim Teufel waren. Die
Klinikverwaltungen fingen dann an, Nachtdienste als Bereitschaftsdienste
zu deklarieren und deutlich schlechter zu vergüten. Damit kam die
Diskussion in Gang, Dienste lieber abzufeiern. Das sog.
Arbeitszeitschutzgesetz brach den Klinikverwaltungen dann das Genick.
Nach 10h war Schluß mit Arbeiten. Dann wurde heimgegangen. Dadurch
kam es zu einer sagenhaften Kostenexplosion an den Kliniken, weil
plötzlich viel mehr Personal gebraucht wurde. Die jetzige Situation
ist die Folge eines langen Weges.
Medizin lebt von der Dichte persönlicher Erfahrungen. Die Lernkurve
ist flacher, wenn die Verläufe der Patienten nicht komplett
mitgenommen werden. Ich habe diese archaische Zeit nicht geliebt, aber
ich habe davon profitiert.
Herr Dr. Muscholl: Sie haben diese archaische Zeit nicht geliebt, noch hat Ihnen diese Zeit,
Zeit genug gelassen, um einen anderen zu lieben - oder habe ich Unrecht!?
Vielleicht haben Sie ja tatsächlich davon profitiert, doch noch
steht überhaupt nicht fest, ob diese "Generation Y" nicht
auch von deren gewünschtes System profitieren werden, ebenso wie
heute auch noch keiner sagen können wird, ob von dem
gewünschten System nicht noch viel mehr Menschen profitieren
werden, als nur praktizierende, in 24 Stunden Dienst absolvierende
Krankenhaus-Ärzte, so wie Sie es schildern.
Das Arbeitsschutzgesetz mag der "Klinikverwaltung" zum Problem
geworden zu sein, aber laut Ihrer Beschreibung war dieses für die
Ärzte eher Seegen, denn Überstunden wurden ja derzeit schon
nicht mehr bezahlt... Wobei es doch sehr zu bedenken geben sollte, dass
Ärzte nur wegen der Überstundenbezahlung so motiviert waren
viel zu lange zu arbeiten, doch als es um's Abfeiern ging, da... kam die
Wahrheit zu Tage. Da traute sich plötzlich der eine oder andere zu
äußern, wie risikoreich der viel zu lange Dienst...
Auf gut Deutsch: Viel Kohle, wenig Arbeit... Typisch meine Generation. Aber damit werden die meisten schon bald scheitern.
Wesentlich sind die Versäumnisse bei ablaufoptimierter Betriebsausstattung und Organisationskultur. Bequemer Mitarbeiter statt gutsherrlichem Chef ist kein Fortschritt, sondern Untergang. Mit sogenannter Kurklinikmentalität läßt sich keine angemessene Akutmedizin betreiben. Erfolg- und segensreiche operative Medizin erfordert Sports- und Teamgeist. Zähigkeit und Ausdauer verbunden mit Wagemut und Demut. Eher Expeditionsbergsteigen als Linienflug. Bei jedem Wetter. Kurios administrative Vorstellungen auch aus Fachkreisen, daraus taggewichteten Schichtdienst nach dem Vorbild von Fastfood-Ketten zu machen. Stichwort Universitätsklinikum Gießen-Marburg, hier wehrt sich die Tradition professioneller Substanz. Nicht gegen bequeme Nachwuchsmentalität, sondern gegen Auszehrung durch Ökonomisierung. Bequemer einheimischer Nachwuchs und Ökonomisierung könnten zur Beruf für Arbeitsmigranten führen. Nun ja, die Besten davon gehen nach USA und sonstwo hin, wo man noch Arzt sein darf.
werde ich lieber von einem Arzt behandelt, der von den vielen
Überstunden nicht vollkommen überlastet und überfordert
ist. Dass die jüngere Generation Wert auf ein Leben außerhalb
der Klinik legt, ist doch mehr als verständlich und
nachvollziehbar.
Und da sie in der Position sind, zu fordern, sollten sie das auch
nutzen.
Ich finde die
im Artikel beschriebene Entwicklung auch nicht schlecht. Im Übrigen kenne ich einige "alte Ärzte" von "früher", die ihr Engagement heute häufig durchaus kritisch sehen und erkennen, was sie verpasst und auch verloren haben. Leider kam die Erkenntnis bei denen erst im Alter, als es nichts mehr nachzuholen gab. Und dann fällt da häufig der Satz: Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das anders gemacht.
würde nur eine niveaulose Zeitung, wie zum Beispiel die BILD, eine
ganze Generation über einen Kamm scheren.
Verallgemeinern kann man leider nicht, auch wenn es sich um eine
,,wissenschaftliche Studie" handeln soll.
Allein durch die Aussagen, die diese Studie macht, kann man sie als
unnütz und schwachsinnig abstempeln.
Man kann alles und jeden über einen Kamm scheren,
denn viel wichtiger als solch eine Aktion, ist die Reaktionen darauf - letztere setzt den Maßstab...
Alle medizinischen Berufe erfordern hohe intrinsische Motivation.
Fachwissen, Übung und Berufserfahrung beanspruchen viel Zeit, sehr
lesenswert von Malcolm Gladwell in "Die Überflieger" dargestellt.
Ausbeutung hochmotivierter Kollegen(!) durch leitende Ärzte wie
Klinikverwaltungen mittels Vergabeprivilegien ist ein kulturelles Problem.
Der Marburger Bund versteht sich daher auch als Berufsverband zur
Gewährleistung traditioneller Werte der ärztlichen Arbeit.
"Nine to Five" ist mit Akutmedizin nicht vereinbahr
@Birgit Zendel
Danke für Ihre Anmerkungen. Ich bitte um Nachsicht, wenn meine
vereinfachte Formulierung Sie irritiert hat.
In der Fortsetzung des Beitrages versuche ich ergänzend,
organisatorische und kulturelle Erschwernisse von gewünschten
Merkmalen der Berufsausübung zu gewährleisten.
Letztlich bestimmt die Aufgabe Zeitaufwand und Teilbarkeit.
Grundsätzlich erfordert klinische Teamarbeit genauso geduldige
Zurückhaltung wie tatkräftige Initiative.
Ansatzpunkte für persönlich verletzende Fremdbestimmung.
Entscheidend für die Organisationskultur ist Kameradschaft, wie sie
von Volker Zastrow in "Die Vier" beschrieben wurde.
Menschliche Vernunft hilft auch, wie der Chirurg Michael Trede (*1928)
in "Der Rückkehrer" zum Thema bekennt, in Form des Mittagsschlafes.
Schädlich und zerstörerisch sind Konkurrenzdenken und
persönliche Isolation. Oder korrumpierende Netzwerke.
Vorbildliches wie Abschreckendes dazu zeigt der Blick über die Landesgrenzen.
"9 to 5 – Days in Porn" - was hat die Pornoindustrie mit den verkürzten Dienstzeiten eines Arztes
zu tun ?
Ist reiner Zynismus gewesen... wer hat dies überhaupt in die Welt
gesetzt, das "nine to five" etwas ist, was man gering
schätzen kann/darf ?
Und wenn diese Studie in hiesigem Artikel tatsächlich eine NORMALE
Arbeitszeit, auch für Krankenhaus-Ärzte oder auch
niedergelassene Ärzte (denn Fachärzte genehmigen sich diese
schon, lediglich die Allgemeinmedizin / der Hausarzt traut sich noch
nicht...), abwertend als "nine to five" Job bezeichnet, dann
unterstelle ich diesem Studien-Ergebnis mal eben, Befangenheit bis Neid...
Wie qualitativ der Mensch seine Arbeit verrichtet, das ist sicher nicht
an der Arbeitszeit und noch weniger an der Uhrzeit der Arbeitszeit zu bemessen!
Es sollten mal alle ihre Arbeit niederlegen, welche "nine to
five" Jobs haben, damit diese abwertende Bezeichnung mal ganz
schnell aufgehoben und revidiert werden würde, denn dann...
Ich Herr Strauss glaube eher,
dass sich diese "traditionellen Werte" an der Ausbeutung
stoßen, nicht an "nine to five".
Christina Hucklenbroich Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“
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