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Gelungene Keimbahn-Manipulation Das Schicksal ist steuerbar

Man nehme Eizellen im Reagenzglas und tausche das Genom aus: In Amerika haben Forscher durch „Spindeltransfer“ menschliche Embryonen mit drei Eltern erzeugt.

© dpa Bei der In-vitro-Fertilisation werden Samen und Eizellen außerhalb des Körpers zusammengeführt

Das Wort hört sich an wie die Arbeitseinweisung für einen Ingenieur: „Spindeltransfer“. Tatsächlich aber stammt er aus der Reproduktionsmedizin und steht seit heute für eine Technik, die darauf hinausläuft, was seit mindestens drei Jahrzehnten von Kirchen und Parteien auf eine bioethische Stufe mit dem Klonen von Menschen gestellt wird: die Keimbahntherapie. Es ist die Behandlung schwerster Krankheiten, meist unheilbarer tödlicher Krankheiten durch die genetische Manipulation von Keimzellen. In der Zeitschrift „Nature“ berichten amerikanische Forscher, wie sie mit Hilfe des Spindeltransfers  zum ersten Mal mehrere Dutzend Keimzellen genetisch „repariert“ und in der Petrischale kultiviert haben - und damit potentiell die genetische die Substanz von Nachkommen beeinflussen könnten. 

Anders als bei einer gewöhnlichen – einer somatischen – Gentherapie werden nicht defekte Gene in normalen Körperzellen manipuliert, sondern die Zellen am Anfang jeden Lebens, also Ei- oder Samenzelle. Was dazu führt, dass mit der Keimbahntherapie nicht nur Individuen, sondern auch die nachfolgenden Generationen von dem Gendefekt befreit sind. Mehr als jeder andere biomedizinische Eingriff kommt die Keimbahnbehandlung also der allseits  gefürchteten zweiten Schöpfung nahe. In Deutschland ist sie deshalb  nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. In Großbritannien auch.

Doch auf der Insel, das zeigt die seit September laufende öffentliche Konsultation der Aufsichtsbehörde HFEA (Human Fertilisation and Embryology Authority), ist die Sache in Bewegung geraten. Tatsächlich hat die Forschung mit den amerikanischen Experimenten eine möglicherweise entscheidende Schwelle in der Machbarkeit einer Keimbahntherapie bei Menschen überschritten.

Das Ziel: Mitochondrien-Leiden heilen


Die Gruppe von Reproduktionsmedizinern um Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health and Science University beschreibt in der „Nature“-Veröffentlichung, wie man mit der Methode des Spindeltransfers an 65 freiwillig gespendeten Eizellen die Erbanlagen defekter Mitochondrien nahezu komplett und endgültig eliminiert hat.

Mitochondrien sind jede kleine Organellen in den Zellen, die Energie bereitstellen – die „Kraftwerke“ der Zellen. Sie verfügen als einzige Zellorganellen außerhalb des Zellkerns mit dem Genom über eigene Erbanlagen. Sie machen  zwar nur etwa ein Prozent des Gesamtgenoms aus, aber Mutationen just in diesen Genen sind oft fatal. Gehirn, Nerven und Muskeln, die extrem viel Energie benötigen, sind auf intakte Mitochondrien angewiesen. Deshalb verlaufen viele der vier Dutzend schwerer Mitochondrien-Krankheiten fatal. Jedes Jahr ist unter jeweils fünf- bis zehntausend Neugeborenen eines, das mit einer solchen  bislang völlig unheilbaren und über kurz oder lang meist tödlichen Störung das Licht der Welt erblickt.

21877163 © Nature Vergrößern An ihnen wurde die Technik der Keimbahntherapie durch Spindeltransfer erfolgreich getestet: Manipulierte Makakenäffchen eine Woche nach der Geburt.

Schon vor drei Jahren haben die amerikanischen Forscher an Makakenäffchen gezeigt, dass sich die Gendefekte in der Petrischale beseitigen lassen: Indem man die vom Spindelapparat zusammengehalten Chromosomen mit dem Genom der Mutter aus der Eizelle herausnimmt, diese in eine zuvor vom eigenen Zellkern   befreite – „entkernte“  – Eizelle einer gesunden Spenderin überträgt und schließlich mit den Spermien des Vaters künstlich befruchtet.  Das Kind hat gewissermaßen drei biologische Eltern:  Das Gros der Erbanlagen von Vater und Mutter plus der Mitochondrien-Gene der Eizellspenderin.

In ihrer Veröffentlichung in „Nature“ haben die Wissenschaftler nun deutlich gemacht, dass  zwar gut die Hälfte der keimbahntherapierten Eizellen Chromosomendefekte aufwies in den ersten Stunden. Aber wurden die eliminiert, hat man ähnlich hohe Befruchtungsquoten im Reagenzglas erzielt, wie bei gewöhnlichen In-vitro-Befruchtungen. Die Embryonen wurden allerdings nicht über ein bestimmtes Entwicklungsstadium hinaus, in dem auch embryonale Stammzellen gewonnen wurden, kultiviert. Wichtig auch: Alle vier der vor drei Jahren erzeugten Affenkinder sind bis heute gesund. Deshalb appellierten die Forscher an die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA, die Zulassung zu prüfen, und an die staatliche Gesundheitsbehörde NIH, ihre Restriktionen für die öffentliche  Finanzierung der Keimbahnforschung zu lockern.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 25.10.2012, 15:54 Uhr