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Geburtshilfe Dicke Kinder nach dem Kaiserschnitt?

 ·  Eine Bostoner Studie sorgt für Aufruhr: Kaiserschnitt-Kinder neigen angeblich zu Übergewicht. Doch es gibt längst Untersuchungen, die diese These widerlegen.

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In der vergangenen Woche haben Schlagzeilen wie „Kaiserschnitt macht Kinder dick“ für Aufruhr in den einschlägigen Frauenforen im Internet gesorgt. „Wer kann das bestätigen?“, fragt eine Nutzerin im Forum „Gofeminin“. So gut wie niemand, lautet das Fazit, wenn man die Antworten durchzählt. Das ist nicht verwunderlich, denn die Behauptung beruht auf einer neuen Studie, die mitnichten belegt, dass ein Kaiserschnitt ein Kind dick macht - sie wird nur allzu bereitwillig so ausgelegt. Das Einzige, was wieder einmal bewiesen wird, ist mediale Voreingenommenheit: Nachrichten zum Kaiserschnitt haben Schlagseite, schlechte werden offenbar bevorzugt. Wie anders wäre es zu erklären, dass zwei ebenfalls unlängst erschienene Studien übergangen wurden, die die These, dicke Kinder finde man eher nach Kaiserschnittentbindungen, widerlegen.

Die aktuell zur Debatte stehende Untersuchung aus der Harvard Medical School in Boston bezieht sich auf eine Kohorte von 1255 amerikanischen Frauen, die zwischen 1999 und 2002 schwanger waren und deren Kinder im Alter von drei Jahren gewogen wurden. 284 Kinder waren per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen, 971 wurden natürlich entbunden. Prozentual gab es unter den Dreijährigen in beiden Gruppen gleich viele übergewichtige Kinder. Nur bei den extrem übergewichtigen, fettleibigen Kindern gab es Unterschiede. Fettleibig waren 7,5 Prozent unter denen, die natürlich zur Welt kamen, 15,7 Prozent nach Kaiserschnitt. Das macht schon stutzig, denn als Haupterklärung für die gewichtige Wirkung des Kaiserschnitts gilt die schlechte Darmflora der chirurgisch entbundenen Kinder: Weil sie nicht auf dem Weg durch die Scheide das Licht der Welt erblickt hätten, wären ihre Darmbakterien anders zusammengesetzt. Dies bedinge eine unterschiedliche Verarbeitung der angebotenen Nahrung und mache eben eher dick. Unklar bleibt, warum sich dann lediglich am extremen Ende der Gewichtsskala der Unterschied manifestiert.

Die Kaiserschnitt-Mütter hatten einen höheren Body Mass Index

Schaut man sich die Kollektive genauer an, so wird erkennbar, dass die Kaiserschnittmütter bereits von vorneherein einen höheren Body-Mass-Index aufwiesen als das Vergleichskollektiv. Ebenso deren Väter, was nicht weiter thematisiert wird, allerdings keine geringe Rolle für das künftige Gewicht der Kinder spielt. Im Kaiserschnittkollektiv waren zudem häufiger Risikokinder, die schon im Mutterleib übergroß waren. Das lässt auf ein überdurchschnittliches Gewicht schließen und bestätigte sich unmittelbar nach der Geburt. Außerdem wurden die Kaiserschnittkinder seltener gestillt, für die Entwicklung des Körpergewichts ist das eindeutig eine Benachteiligung: gestillte Kinder sind einfach schlanker als nicht gestillte. Allerdings, so lautet das Urteil der Studie, entlaste das den Kaiserschnitt noch nicht. Rechne man nämlich diese Unterschiede heraus, hafte ihm immer noch ein erhöhtes Restrisiko für Fettleibigkeit an. Dabei fehlt ein weiterer wichtiger Punkt in der Analyse, nämlich Medikamente. Nach Kaiserschnitt erhalten Mütter routinemäßig Antibiotika, das verändert die mütterliche Darmflora massiv und dies wiederum die kindliche. Ob man sie tatsächlich braucht, ist umstritten. Welchen Einfluss im vorliegenden Fall die Antibiotika hatten, blieb gänzlich unberücksichtigt. Eine andere, dänische Studie vom letzten Jahr offenbarte, dass es nicht am Geburtsmodus selbst liegt, wenn die Kinder später dicker sind, sondern eher an all diesen widrigen Begleitumständen des Kaiserschnitts.

Sind die Umstände aber günstiger, das ist paradoxerweise ein unterschlagenes Fazit der Studie aus Harvard, dann verschwinden plötzlich die vorgeblichen Nachteile des Kaiserschnitts. Die Gewichtsunterschiede der Kinder zeigten sich nämlich nur für jene Schnittentbindungen, bei denen es unter der Geburt zu Komplikationen kam, so dass ungewollt ein Kaiserschnitt notwendig wurde. Der geplante Kaiserschnitt war in keinem einzigen Punkt der Analyse mit einer unvorteilhaften Entwicklung des Körpergewichts vergesellschaftet. Infolgedessen muss sich eine schlanke gesunde Frau, die ein Kind von einem schlanken Partner erwartet und es ausreichend lange stillen möchte, keine Gedanken im Hinblick auf die spätere Konfektionsgröße ihres Kindes machen, wenn es mittels Kaiserschnitt zur Welt kommt. Erwartet allerdings eine übergewichtige Mutter von einem ebenfalls übergewichtigen Vater ein Kind, das schon im Mutterleib so groß wird, dass es unter der Geburt zu Schwierigkeiten kommt, so dass schließlich ein Kaiserschnitt ungeplant notwendig wird, überdies das Kind kaum oder gar nicht gestillt wird, so darf man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vermuten, dass dieses Kind später eher mehr wiegt als auf natürlichem Wege geborene Gleichaltrige. Mehr als das, plus die wohlfeile Schlagzeile, gibt diese Studie nicht her.

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