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Geburtshilfe Der Schein der schönen Geburt

Kaiserschnitt? Oder vielleicht doch lieber „natürlich“ gebären? Risiken birgt beides, aber erst jetzt werden sie aufgearbeitet. Frauen sollen deshalb mehr mit entscheiden, fordern jetzt Ärzte.

© Foto Focus Vergrößern Eine Entbindung mit Kaiserschnitt

Über einen Kaiserschnitt müsse „schonungslos“ aufgeklärt werden, wenn eine Patientin den Wunsch dazu vortrage, heißt es in einem einschlägigen Text im Deutschen Ärzteblatt. Ähnliche Forderungen im Hinblick auf die Entbindung durch den natürlichen Geburtskanal sucht man vergeblich – eine Schieflage, die zudem juristisch zementiert ist. Beim Kaiserschnitt handelt es sich um einen operativen Eingriff, da gebietet schon das Arztrecht eine intensive Aufklärung über die Risiken. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München fand man gleichwohl zahlreiche Hinweise, dass Frauen auch bei einer natürlichen Geburt über erhebliche Risiken informiert werden müssten.

Es fängt damit an, dass Entbindungen zum Großteil nicht so ablaufen, wie die Gebärende es sich wünscht. Regine Ahner von der Universitätsfrauenklinik in Wien listete zahlreiche Nachteile der üblichen Gebärposition auf, der sogenannten Steinschnittlage im Liegen auf dem Rücken. Diese behindert die Atmung, drückt die große Körpervene ab und belastet so den Kreislauf. Außerdem sind die Wehen und das Pressen in dieser Position weniger effektiv. Die Hocke oder der Vierfüßerstand bietet aus rein medizinischer Sicht viele physiologische Vorteile. Dem entspricht das natürliche Gefühl der Gebärenden. 86 Prozent der werdenden Mütter wollen nicht im Liegen gebären.

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Das Alter der Hebammen am Faktor

Die Realität spricht ihren Wünschen hohn, denn 90 Prozent der Geburten finden in der klassischen Steinschnittlage statt. Bedenkenswert ist, dass die Geburtslage der Frau vom Alter der Hebamme abhängt. Älteren Hebammen kann es allein schon wegen Übergewichts oder verminderter Beweglichkeit schwer fallen, ungewohnte Positionen der Schwangeren mitzumachen. Allerdings stellt sich die Industrie bereits darauf ein. Frau Ahner zeigte in München Geburtsbetten, die sich gleichsam in Stufen zerlegen lassen, so dass es die Schwangeren und die Hebammen in allen erdenklichen Positionen so bequem wie möglich haben.

Was den Dammschnitt angeht, so hat man aus den Fehlern der Vergangenheit bereits Konsequenzen gezogen. Der gezielte Schnitt in den Beckenboden der Frau zur geplanten Erweiterung der Austrittspforte für den Kopf des Kindes wurde lange Zeit unkritisch empfohlen. Er sollte hochgradige Dammrisse, ein tiefes Einreißen von Muskeln und Bindegewebe bis hin zu Verletzungen am Schließmuskel des Darmes verhindern. Es benötigte Jahrzehnte, viele Studien und nachhaltige Überzeugungsarbeit, bis anerkannt wurde, dass der Dammschnitt das mitnichten leistet. Inzwischen wird eine eher abwartende Haltung eingenommen. Roland Zimmermann, Direktor der Universitätsfrauenklinik in Zürich, legte dar, dass es nicht einfach ist zu entscheiden, wann ein Dammschnitt hilft und wann man womöglich mit einem kleinen Schnitt einem Riesenriss und damit eine Katastrophe für den Beckenboden der Frau provoziert. Zudem bestimmt offenbar der Winkel, in dem eingeschnitten wird, über den Erfolg der Maßnahme.

Fragen der Geburtsmechanik bis heute nicht geklärt

Gewarnt wurde in München gleich an mehreren Stellen vor dem selbst unter Experten äußerst umstrittenen Kristellern – für das es übrigens in der angloamerikanischen Geburtsmedizin keine Entsprechung gibt. Gemeint ist der oft massiv ausgeübte Druck von Arzt oder Hebamme von oben auf den Bauch der Frau in Richtung Beckenausgang, mit dem der Durchtritt des Kindes gefördert wird. Hierbei hat man mehr Dammrisse, Rippenbrüche der Frau sowie schwerwiegende Verletzungen der Gebärmutter zu fürchten. Auch dem Ungeborenen drohen dabei Hirnschäden und Armlähmungen. Angesichts der Tatsache, dass Erfolg und Nebenwirkungen des Kristellerns wissenschaftlich zu wenig geprüft sind, hat die Maßnahme bei einer sich immer schwieriger gestaltenden Geburt dann eher den Charakter einer hektischen Verzweiflungstat.

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Veröffentlicht: 15.10.2010, 06:00 Uhr

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Von Christian Schwägerl

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