03.08.2006 · Amerikanische und japanische Forscher haben jetzt eine durchaus waghalsige Strategie im Kampf gegen die grassierende Fettsuchtepidemie gewählt: Sie versuchen, Impfstoffe zu entwickeln, die eine Einlagerung des Fettes im Körper verhindern und den Appetit quasi zügeln.
Von Joachim Müller-JungWenn eine Veröffentlichung aus dem erweiterten Medizinbetrieb mit der unvorstellbaren und deshalb besonders schlagkräftigen Zahl von einer Milliarde betroffenen Menschen beginnt, dann geht es offensichtlich um viel. Tatsächlich geht es um zuviel - um zuviel Fett am Körper nämlich. Fettsucht und Übergewicht als Ursache nicht nur als kosmetische Last, sondern als Ursache für einen Großteil der Zivilisationsleiden, angefangen von Infarkt, Krebs, Diabetes bis hin zu Arthritis und Depression hat die Wissenschaften auf breiter Front auf den Plan gerufen.
In Amerika soll sich der Anteil der übergewichtigen Jugendlichen seit 1980 verdreifacht haben, China klagt über eine Verachtfachung der Zahl fettleibiger Vorschulkinder in acht Jahren. Die Ergebnisse der Schlankheitsforschung hinken da weit hinterher, doch einige waren in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren durchaus revolutionär.
Wirkt das Hungerhormon Ghrelin
Schlankheitspillen, viele noch in der Entwicklung oder schon wieder vom Markt, sind das eine. Das andere ist die beeindruckende Zahl an neuen Detailkenntnissen über den Fettstoffwechsel. Und eines dieser Details, welches das erst vor sieben Jahre entdeckte und hauptsächlich im Magen produzierte „Hungerhormon“ Ghrelin betrifft, haben amerikanische und japanische Forscher jetzt für eine durchaus waghalsige Strategie im Kampf gegen die grassierende Fettsuchtepidemie gewählt: Sie versuchen, Impfstoffe zu entwickeln, die eine Einlagerung des Fettes im Körper verhindern, den Appetit quasi zügeln, und den Fettabbau verstärken und womöglich den Energieverbrauch forcieren. Ghrelin ist da ein erster Kandidat.
Bei Raten funktioniert es
Es greift scheinbar genau an diesen Stellen im Fettzyklus ein. Drei unterschiedliche kurze Teile aus dem Hungerhormon haben die Forscher um Eric Zorilla vom The Scripps Research Institute in La Jolla (Kalifornien) dazu ausgewählt und mit einem Trägerprotein so verbunden, daß die Ghrelin-Schnipsel, erst einmal ins Blut gebracht, eine Immunreaktion gegen das Hormon auslösen. Tatsächlich, wenn auch unterschiedlich gut, bildeten sich bei den ersten Ratten, die mit der Vakzine geimpft wurden, Antikörper. Und tatsächlich legten die Tiere daraufhin weniger an Körpergewicht und insbesondere an Fett zu, obwohl sie einigermaßen dieselbe Menge Futter fraßen.
Da allerdings liegt einer der Hunde der Studie begraben, die nun in der Online-Ausgabe der „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht ist: Die gerade einmal 17 Ratten wurden fast durchweg mit fettarmer Schonkost gefüttert. „Ob die Immunisierung auch bei unserer energiereichen und fettreichen westlichen Kost wirkt, ist unsicher“, schreiben die Forscher.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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