10.01.2012 · Soll man sich bei zu viel Fett am Körper operieren lassen? Die Chirurgie ist offenbar in der Lage, das Risiko für tödliche Herzkreislaufattacken zu verringern.
Von Nicola von LutterottiDie Übergewichtschirurgie ist offenbar in der Lage, das Risiko für tödliche Herzkreislaufattacken zumindest zum Teil zu verringern. Ob und wie sehr solche bariatrischen Eingriffe vor Herzinfarkten und Hirnschlägen schützen, scheint überraschenderweise aber nicht vom Ausmaß der dabei verlorenen Pfunde abzuhängen. Maßgeblich zugute kommen sie vielmehr Personen, die zu viel Insulin im Blut aufweisen und daher auf der Schwelle zu einem - auch "Alterszucker" genannten - Typ-2-Diabetes stehen. Zu diesem Ergebnis kommen zumindest schwedische Wissenschaftler in einer Studie, in der sie das Schicksal von mehr als viertausend extrem dickleibigen Männern und Frauen über einen Zeitraum von bis zu zwanzig Jahren verfolgt haben.
Die Teilnehmer des Projekts mit dem Akronym SOS - die Abkürzung steht für Swedish Obese Subjects - waren zwischen 37 und 60 Jahre alt und, abgesehen von ihrem starken Übergewicht, mehrheitlich in einer guten gesundheitlichen Verfassung. Eine Hälfte der Probanden wurde auf herkömmliche Weise, etwa mit einer intensiven Lebensstilberatung, zur Gewichtsabnahme angehalten und diente somit als Kontrollgruppe. Die übrigen Versuchspersonen unterzogen sich jeweils unterschiedlichen bariatrischen Operationen. Diese umfassten einerseits die Implantation eines das Magenvolumen verkleinernden Bands und andererseits komplexere Eingriffe, etwa eine Magenbypass-Operation, ein Verfahren, das sowohl zu einer verringerten Aufnahme von Nahrung als auch einer schlechteren Verwertung der darin enthaltenen Stoffe führt.
Wie Lars Sjöström vom Medizinischen Institut der Sahlgrenska Universitätsklinik in Göteborg und die anderen Autoren im Journal der amerikanischen Medizingesellschaft ("JAMA", Bd. 307, S. 56) berichten, verloren die operierten Patienten im Verlauf von bis zu 20 Jahren durchschnittlich knapp 20 Prozent ihres ursprünglichen Gewichts. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe brachten hingegen zu allen Messzeitpunkten etwa gleich viele Kilos auf die Waage. Was die gesundheitlichen Auswirkungen der beiden Therapieansätze angeht, erlitten von den auf übliche Weise behandelten Personen insgesamt 234 eine Herzkreislaufattacke, darunter 49 eine tödliche. Im chirurgisch versorgten Kollektiv lagen die einschlägigen Erkrankungs- und Sterbezahlen entsprechend bei 199 und 28, waren also um einiges geringer.
In weiteren Analysen gingen die Studienautoren dann der Frage nach, welchen Teilnehmern die Übergewichtschirurgie in besonderem Maße zugutekam. Wie sie entdeckten, profitierten nicht etwa die dicksten Personen am meisten von der Operation und auch nicht jene Männer und Frauen, deren Pfunde in der Folge am nachhaltigsten schwanden. Ausschlaggebend war vielmehr der Insulingehalt im Blut. So führten die Eingriffe bei jenen Probanden zu einem besonders ausgeprägten Rückgang des Infarktrisikos, deren Blut übermäßige Mengen des den Zuckerhaushalt steuernden Hormons Insulin enthielt. Mit einer vermehrten Ausschüttung dieses Botenstoffs versucht der Organismus, eine bereits im Vorfeld des Diabetes auftretende, verminderte Empfindlichkeit der Zellen auf Insulin auszugleichen. Ist er hierzu nicht mehr in der Lage, kommt es zum vollen Ausbruch der Zuckerkrankheit.
Schon in früheren Untersuchungen hatten die schwedischen Forscher Hinweise darauf erhalten, dass bariatrische Operationen gesundheitlich von Vorteil sein können. Wie sie damals feststellten, vermindern solche Eingriffe unter anderem auch das Risiko für einen Typ-2-Diabetes und - bei Frauen, nicht jedoch bei Männern - jenes für bösartige Wucherungen. Und umgekehrt deuten epidemiologische Untersuchungen darauf hin, dass zu große Speckpolster die Entstehung von Diabetes, Herzkreislaufattacken und möglicherweise Krebs fördern. Über welche molekularen Prozesse sie solchen Erkrankungen den Weg bereiten, lässt sich bislang zwar noch nicht sagen. Eine wichtige Rolle scheint dabei gleichwohl das Fettgewebe im Bereich des Bauches und des Darms zu spielen. Denn über die Freisetzung von Wachstumsfaktoren und anderen Signalstoffen sind die hier befindlichen Fettzellen offenbar in der Lage, den Stoffwechsel zu beeinflussen.
Dies ist auch ein Grund, weshalb das Körpergewicht und der davon abgeleitete Body-Mass-Index - ein im medizinischen Alltag gebräuchliches Maß für die Körpermasse - nur bedingt Rückschlüsse auf das Risiko für Herzkreislaufattacken und andere Leiden erlauben. Darauf verweist Edward Livingstone von der Abteilung für Magen-Darm-Chirurgie der University of Texas in Dallas in einem Editorial in "JAMA". Nach wie vor am aussagekräftigsten seien die gängigen, das Herzkreislaufsystem belastenden Risikofaktoren, etwa ein hoher Blutdruck, zu viel Cholesterin im Blut und Entgleisungen des Zuckerstoffwechsels.
Liegen die betreffenden Werte im Normbereich, müssten selbst stark fettsüchtige Personen keinen vorzeitigen Tod befürchten, betont der amerikanische Chirurg. Das zeigten nicht zuletzt die Ergebnisse der schwedischen Studie. Denn darin habe es viele Personen gegeben, die langfristig gesund geblieben sind. Wie Livingstone zugleich einräumt, sind bariatrische Operationen keineswegs harmlos. Mitunter verursachten sie schwere Komplikationen, die ihren potentiellen therapeutischen Nutzen zunichte machen könnten. Der Chirurg riet daher dazu, nur bei jenen Betroffenen eine Übergewichtschirurgie in Erwägung zu ziehen, die aufgrund ihrer Dickleibigkeit an erheblichen gesundheitlichen Störungen leiden.