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Euthanasie Wir haben geschwiegen!

 ·  Deutsche Psychiater haben während des „Dritten Reichs“ aktiv die Sterilisierung und Tötung von psychisch Kranken und körperlich Behinderten betrieben. Das wurde lange Zeit beschwiegen. Jetzt endlich ist das Schuldbekenntnis erfolgt.

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Es war ein geschichtsträchtiger Moment im Saal 1 des Berliner Messezentrums, in dem sich weit über tausend Tagungsteilnehmer zum Gedenken an Hundetrtausende Zwangssterilisierte, Zwangsemigrierte, Forschungsopfer und ermordete Psychiatriepatienten eingefunden hatten. Der Präsident einer der ältesten medizinischen Fachgesellschaften der Welt, Frank Schneider, zog nach siebzig Jahren einen denkwürdigen Schlussstrich - er machte Schluss, wie er sagte, mit fortgesetzter „Sprachlosigkeit“, „Verdrängen“, „Verhöhnung und Erniedrigung der Opfer“, kurz: mit dem kollektiven Versagen der deutschen Psychiatrie.

„Im Namen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde bitte ich Sie, die Opfer und deren Angehörige, um Verzeihung für das Leid und Unrecht, das ihnen in der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der deutschen Psychiatrie und von deutschen Psychiaterinnen und Psychiatern angetan wurde, und für das viel zu lange Schweigen, Verharmlosen und Verdängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach.“

„Ballastexistenzen“ und „lebensunwertes Leben“

Schonungslos nannte Schneider die Schuldigen beim Namen. Deutsche Psychiater wie der Wegbereiter des „Gesetzes zur Verhütung erbkanken Nachwuchses“, Ernst Rüdin, seien im Dritten Reich nicht Opfer einer Rassenpolitik oder einer aufgezwungen irrationalen Ideologie geworden, sondern hätten aktiv die Sterilisierung und Tötung unterstützt. Begriffe wie „Geistiger Tod,“, „Ballastexistenzen“ und „lebensunwertes Leben“ seien von Psychiatern geprägt worden. Bei der Euthanasie-Aktion „T4“ im Herbst 1939 und den anschließenden Tötungen unter der Leitung des Psychiaters Werner Heyde wurden bis zu 300 000 psychisch, geistig und körperlich kranke Menschen getötet, 360 000 wurden zwangssterilisiert.

„Wir schämen uns“, sagte Schneider, und er bezog sich damit nicht nur auf die aktive Rolle einer „offensichtlich großen Mehrheit der deutschen Psychiater und Mitglieder unserer Fachgesellschaft an der Planung, Durchführung und wissenschaftlichen Legitimation von Selektion, Sterilisation und Tötung“, sondern auch auf das Schweigen nach Kriegsende: „Wir hatten Anteil an der erneuten Diskriminierung und Benachteiligung. Uns fehlen noch die Worte, warum eine Veranstaltung wie diese erst heute möglich sein konnte.“ Die Gründe lagen in den Verstrickungen des eigenen Personals. In Berlin kündigte Schneider unter Applaus an, die Ehrenmitgliedschaften der Nachkriegspräsidenten Friedrich Mauz und Friedrich Panse formal zu annullieren.

Eine nationale Gedenkstätte soll entstehen

Zusammen mit Opfervertretern stellte sich die DGPPN hinter eine jüngst im Bundestag verworfene Initiative, die vorgesehene nationale Gedenkstätte für die Zwangssterilisierten und Euthanasieopfer an der Berliner Tiergartenstrasse 4 durch ein Dokumentations- und Informationszentrum zu ergänzen. Weil das Vorhaben im Kulturausschuss fürs Erste abgelehnt wurde, hat die DGPPN entschieden, mit einem Angebot von 100.000 Euro aus Mitgliedsbeiträgen und der Finanzierung eines wissenschaflichen Mitarbeiters für zehn Jahre in Vorleistung zu treten.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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