Home
http://www.faz.net/-gx3-793nc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Esssucht als Krankheit Wenn der Appetit unbezwingbar ist

In der Neufassung des amerikanischen Psychiatrie-Handbuchs DSM-5 ist erstmals von Verhaltenssüchten die Rede. Werden wir bald neu über Adipositas denken und die Diagnose „Food Addiction“ in Betracht ziehen?

© dpa Vergrößern

Lisa Sellers hat ihr Haus in North Carolina in den vergangenen Jahren nicht mehr verlassen. Ihr neunzehnjähriger Sohn bringt ihr alles, was sie braucht: Pro Tag sind das mehrere Schüsseln Cornflakes, außerdem Hamburger, Pommes, Kekse, Schokolade, Kuchen, Chips, chinesisches Fastfood und Cola. Mit 39 Jahren wiegt Sellers 315 Kilogramm. Täglich verzehrt sie Nahrungsmittel, die mehr als 9000 Kalorien entsprechen. Sellers wurde in den Vereinigten Staaten durch eine Fernsehdokumentation bekannt, auf Youtube ist einer der Filme über sie bisher 800 000 Mal angeklickt worden. Die 39-Jährige schildert ihre Gefühle darin offen und bisweilen voller Trauer. Besonders bewegt wirkt sie, als sie beschreibt, wie eine Freundin in die Drogensucht abrutschte und dafür ihr Leben und ihre Familie aufgab. „Wie könnte ich über sie urteilen“, sagt sie und beginnt zu weinen. „Ich habe ja selbst mein Leben für das Essen aufgegeben.“

Christina Hucklenbroich Folgen:    

Aus dem Off kommentiert eine Sprecherin: „Wie jeder Süchtige würde Lisa alles für den nächsten Kick tun.“ Das ist leicht dahingesagt, aber es führt zu einer bis heute ungeklärten Frage, die sowohl Wissenschaftler als auch Gegner der Lebensmittelindustrie umtreibt: Kann Essen im eigentlichen Sinne süchtig machen? Die überarbeitete Fassung des amerikanischen Handbuchs der psychiatrischen Diagnosen DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), die am Samstag während der Jahrestagung der American Psychiatric Association in San Francisco veröffentlicht werden wird, schafft nun eine neue Grundlage für die Debatte. Erstmals taucht nämlich eine „Verhaltenssucht“ unter den Diagnosen der Kategorie auf, die sich mit den Süchten befasst: die Spielsucht. Auch die Kategorie selbst, unter der die Süchte klassifiziert sind, ändert ihren Namen: Von „Substance-Related Disorders“ zu „Substance Use and Addictive Disorders“. Ursprünglich hatte sogar der Vorschlag „Addiction and Related Disorders“ im Raum gestanden.

Ein erweiterter Suchtbegriff

„Der Begriff Sucht wird erweitert um nicht stoffgebundene Süchte“, erklärt Johannes Hebebrand, der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Duisburg-Essen. „Das erlaubt es, in Betracht zu ziehen, dass auch ein Verhalten wie das von Lisa Sellers als Sucht deklariert werden könnte.“ Hebebrand hat auf dem Kongress der deutschen Fachgesellschaft für Psychiatrie (DGPPN) im vergangenen November einen Vortrag über „Food Addiction“ gehalten, in dem er auch ein Video von Lisa Sellers zeigte, und das Phänomen im vergangenen Jahr im Journal „Obesity Facts“ diskutiert (doi:10.1159/000338310).

“Food Addiction“ wird es in dem am Samstag erscheinenden Werk DSM-5 als Diagnose nicht geben. Allerdings hat es die Internetsucht in den Forschungsanhang, die Sektion III, geschafft, Kaufsucht wurde zumindest intensiv diskutiert. Ihnen und der Ess-Sucht ist eins gemeinsam: Sollten sie als Verhaltenssüchte möglicherweise in einigen Jahren in der nächsten Fassung, DSM-6, offiziell zu Diagnosen erklärt werden, hat das gravierende gesellschaftliche Folgen. Nicht nur der einzelne Betroffene wird dann anders behandelt werden. Die Produktion von Nahrungsmitteln müsste mit demselben kritischen Blick reguliert werden wie die von Tabak. Und während derzeit auf jeder Zigarettenschachtel kleine Schilder kleben, auf denen beispielsweise steht „Rauchen kann tödlich sein“, müsste dann wohl eigentlich über der gesamten Supermarktkühltheke ein Banner hängen mit der Aufschrift: „Die Vielfalt von schnell verfügbaren Lebensmitteln, die wir heute haben, kann einzelne Menschen süchtig machen.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Psychiatrie Folgt auf Traumata die Sucht nach Essen?

Menschen, die in ihrem Leben psychische Traumata erlitten haben, neigen offenbar mehr als andere dazu, Stress mit suchtähnlichem Essverhalten zu begegnen. Das legt eine Studie mit fast 50.000 Frauen nahe. Mehr Von Christina Hucklenbroich

27.09.2014, 08:00 Uhr | Wissen
Prozessbeginn für Ex-Arcandor-Chef Middelhoff

In dem Verfahren vor dem Landgericht Essen geht es um die Abrechnung von Flügen des ehemaligen Arcandor-Chefs. Middelhoff selbst machte vor Verhandlungsbeginn einen entspannten Eindruck. Mehr

06.05.2014, 17:02 Uhr | Wirtschaft
Gastronom Christian Mook Eigensinnig und begeisterungsfähig

Christian Mook hat als einer der ersten in Deutschland Steaks aus den USA verkauft, heute hat er fünf Restaurants und träumt vom sechsten. Was ist sein Rezept für Erfolg? Mehr Von Jacqueline Vogt, Frankfurt

28.09.2014, 21:06 Uhr | Rhein-Main
Älter, leckerer und gewitzt

Immer mehr Firmen wollen mit gemeinsamen Essen in entspannter Atmosphäre ein gutes Betriebsklima. Genau das ist die Geschäftsidee von Angela Runge: Die 63-jährige Berlinerin kocht für Unternehmen. Es gibt Hausfrauenkost in bestem Sinne. Mehr

30.05.2014, 11:28 Uhr | Wirtschaft
Von Amaranth bis Zatar Das Veggie-ABC

Veganer sind die neuen Vegetarier. Immer mehr Deutsche verzichten auf tierische Produkte wie Milch und Eier - aus ethischen Gründen oder einfach um ein paar Kilo abzunehmen. Doch was essen Veganer eigentlich? Unser Veggie-ABC klärt auf. Mehr

25.09.2014, 07:10 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.05.2013, 06:00 Uhr