Die Universitätsklinik Vall d'Hebron in Barcelona beanspruchte vor wenigen Tagen eine historische Stunde für sich und ihre dreißig Chirurgen: Weltweit zum ersten Mal soll Ende März in einer vierundzwanzigstündigen Operation eine „vollständige Gesichtstransplantation“ vorgenommen worden sein. Doch Plastische Chirurgen äußerten bald nach der Bekanntgabe Zweifel daran, ob tatsächlich ein komplettes Gesicht verpflanzt worden ist. Sie kritisieren nicht die medizinische Leistung, sondern den Anspruch, mit dem Joan Pere Barret vom Vall- d'Hebron-Krankenhaus in Barcelona und sein Team auftraten.
Kann überhaupt ein vollständiges Gesicht transplantiert werden, oder werden es immer nur mehr oder weniger große Teile sein, so dass in jedem Fall höchstens von einer nahezu vollständigen Gesichtstransplantation gesprochen werden kann? Die spanischen Ärzte haben alle vom Kinn bis zu den Augenhöhlen reichenden Teile einschließlich der anhaftenden Knochen und Zähne in einem einzigen Gewebeblock verpflanzt. Nur Augen und Stirn stammen noch aus dem alten Gesicht.
Weil auch die Stirnhaut mit verpflanzt und über das alte Stirnbein gezogen wurde, gibt es offensichtlich nur eine einzige Narbe. Diese reiche, so Barret, vom Haaransatz über die Schläfe bis zum Hals und auf der anderen Seite wieder zurück. Dem Patienten sehe man nicht an, dass er ein neues Gesicht bekommen habe. Zur Identität des Mannes wurden keine Angaben gemacht. Bekannt ist nur, dass er zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt ist, sein Gesicht vor fünf Jahren durch eine Schussverletzung verlor und wegen der Verletzung und nach neun Operationen kaum noch atmen, schlucken und sprechen konnte. Maria Siemionow von der Cleveland-Klinik in Ohio sieht Barrets Angaben mit Skepsis.
Humaneres Ergebnis mit alten Gesichtsteilen
Da noch keine Bilder vom Zustand des Patienten vor der Operation zu sehen gewesen seien, sei auch kein abschließendes Urteil über das tatsächliche Ausmaß der Transplantation möglich. Siemionow bezweifelt zudem, dass es Gesichtsverletzungen gibt, die überlebt werden, und bei denen nur noch der Hals vorhanden ist. Sie ist auch der Ansicht, dass nur dann eine Transplantation vorgenommen werden sollte, wenn das Gesicht noch in Teilen erhalten ist. Falls es zur Abstoßung kommt, muss der Bereich wieder mit einem Hautlappen abgedeckt werden. Das Ergebnis werde humaner sein, wenn Teile des alten Gesichts vorhanden sind.
Siemionow nahm vor zwei Jahren den bisher weitreichendsten Eingriff vor, bei dem 80 Prozent eines Gesichts verpflanzt wurden. Damals wurden Unterkiefer, Unterlippe und die oberen Augenlider ausgespart. Kritik kommt auch aus Frankreich. Laurent Lantieri von der Henri-Mondor-Universitätsklinik in Créteil sagte vor Journalisten, dass er im vorigen Jahr einen ähnlichen Eingriff vorgenommen habe. Barrets Operation ist die elfte Gesichtstransplantation weltweit. Zwei Patienten starben. Isabelle Dinoire erhielt 2005 als Erste ein Transplantat aus Nase, Mund und Kinn. Sie lebt am längsten mit dem fremden Gesicht.
