24.06.2003 · Die mediterrane Kost hat nicht nur aus kulinarischen Gründen einen guten Ruf. Auch aus medizinischer Sicht genießt sie großes Ansehen, zumal sie den enorm weit verbreiteten Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems vorbeugt.
Von Nicola von LutterottiDie mediterrane Kost hat nicht nur aus kulinarischen Gründen einen guten Ruf. Auch aus medizinischer Sicht genießt sie großes Ansehen, zumal sie den enorm weit verbreiteten Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems vorbeugt. Auf welche Bestandteile der Mittelmeerküche dieser günstige Effekt zurückgeht, läßt sich zwar noch nicht abschließend beantworten. Vieles deutet gleichwohl darauf hin, daß der regelmäßige Verzehr von Fisch hierbei eine wesentliche Rolle spielt.
Dem Herzen scheinen vor allem die in den Wassertieren enthaltenen Fette zugute zu kommen. In besonderem Maße gilt das für zwei mehrfach ungesättigte Fettsäuren mit den wenig eingängigen Namen Docosahexaensäure und Eicosapentaensäure. Beide gehören zu jener Gruppe von lebenswichtigen Fettstoffen, die der Körper nicht selbst herstellen kann und daher über die Nahrung beziehen muß. Reichlich vorhanden sind sie in fettreichen Meeresfischen, etwa Lachs, Hering und Makrele. Wie die Fischfette vor Herz-Kreislauf-Leiden bewahren, blieb lange Zeit ein Geheimnis. Gestützt auf eigene Daten und die Erkenntnisse anderer Arbeitsgruppen, ist es amerikanischen Wissenschaftlern um Alexander Leaf von Massachusetts General Hospital in Charlestown nun gelungen, der Antwort auf diese Frage ein ganzes Stück näher zu kommen ("Circulation", Bd. 107, S. 2646).
Der Verzehr von Fischöl schützt demnach in erster Linie vor einem plötzlichen Herztod. Ein solches Ereignis beruht meist auf schwerem Herzrasen, das seinerseits größtenteils die Folge eines akuten Herzinfarkts darstellt. Die Herzanfälle selbst können die Fischfette zwar nicht verhindern. Dafür scheinen sie in der Lage zu sein, das hiervon ausgelöste tödliche Herzflimmern zu unterdrücken. Das legen unter anderem die Ergebnisse einer großen italienischen Studie nahe, in der mehr als 11000 infarktkranke Patienten mit den beiden Fettsäuren behandelt worden sind.
Innerhalb von rund drei Jahren verstarben in diesem Kollektiv nur etwa halb so viele Patienten an einem plötzlichen Herzstillstand wie in jener Gruppe, die keine Fischöltabletten erhalten hatte. In einer amerikanischen Studie, deren Ergebnisse unlängst veröffentlicht wurden, führte der regelmäßige Verzehr von Fisch sogar zu einem noch ausgeprägteren Rückgang des Herztodrisikos ("New England Journal of Medicine", Bd. 346, S. 1113). Auf welche Weise die heilsamen Fettsäuren das Herz vor tödlichen Fehlschlägen bewahren, ermittelten Leaf und seine Kollegen in Untersuchungen an isolierten Herzmuskelzellen der Ratte. Umspülten sie diese mit Eicosapentaensäure oder Docosahexaensäure, nahm die Schlagfrequenz der Zellen ab. Toxische Stoffe, die beim Menschen tödliche Entgleisungen des Herztakts hervorrufen, konnten die so behandelten Zellen zudem nicht mehr aus dem Takt bringen.
Ohne den beruhigenden Einfluß der Fettsäuren lösten die gleichen Gifte indes immer chaotische Kontraktionen aus. Diese ließen sich wieder weitgehend normalisieren, wenn die unkoordiniert zuckenden Herzzellen mit den Fischfetten in Berührung kamen. In weiteren Experimenten fanden die Forscher dann heraus, daß die Fischöle die elektrische Erregbarkeit der Herzmuskelzellen herabsetzen. Verschanzt in den Hüllen der Herzmuskelzellen, erschweren die Fettsäuren offenbar den Einstrom jener elektrisch geladenen Teilchen, die das Herz in Fahrt bringen.
In einem die Veröffentlichung begleitenden Kommentar plädierte der amerikanische Forscher David Siscovick von der Universität in Seattle/Washington dafür, das enorme therapeutische Potential der Fischöle besser auszuschöpfen - zumal sich das Risiko eines plötzlichen Herztods mit Medikamenten bislang erst unzureichend angehen läßt. Einige der einschlägigen Arzneien können noch dazu selbst bösartige Herzrhythmusstörungen in Gang bringen. Implantierbare Elektroschockgeräte, die derzeit wirkungsvollste Maßnahme zur Verhütung von lebensbedrohlichem Herzflimmern, kommen nicht zuletzt aus Kostengründen nur für eine Minderheit der Betroffenen in Betracht.
Rund die Hälfte aller Patienten mit akutem Herzinfarkt verstirbt heutzutage. Neue Behandlungskonzepte werden also dringend benötigt. Eine sichere und zugleich kostengünstige Option könnte deshalb die vermehrte Zufuhr von Fischölen sein, sei es mit der Nahrung oder in Form von Tabletten.