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Ernährung Der Traum von der gesunden Sünde

Limonade, die schlank macht und Margarine, die den Cholesterinspiegel senkt: Als „Functional Food“ versprechen technisch veränderte Lebensmittel Gesundheit und Leistungsfähigkeit - vor allem aber große Gewinnspannen.

© Dieter Rüchel Vergrößern Aus Joghurt wurde werbewirksam ein Wundermittel

Enviga schmeckt nach Bonbon. Die Limonade soll helfen, schlank zu werden. Sie soll - dreimal täglich getrunken - den Stoffwechsel so anregen, dass etwa 100 Kalorien zusätzlich verbraucht werden. Trotzdem ist das Getränk so in Deutschland wohl nicht zu verkaufen. Woanders schon: „Wir haben in den USA großen Erfolg - und denken darüber nach, das Produkt auch in einigen europäischen Ländern einzuführen“, sagt Nina Backes von Nestlé in Lausanne.

Der Geschmack ist eine der größten Herausforderungen hier bei Nestlé im Forschungszentrum des weltgrößten Nahrungsmittelherstellers. Nur wenige Kilometer vom Genfer See entfernt arbeiten 650 Menschen an neuen Produkten und an Verbesserungen der alten. Die Forschung, die Labors zeigt der Konzern dem Besucher nicht. Die Kaffeebar mit Panoramablick auf die Schweizer Alpen schon.

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Eine juristische Basis für einen riesigen Markt

Mitte dieser Woche hat die Europäische Union ein neues Zeitalter für Functional Food eingeläutet: mit der „Verordnung über Nährwert- und Gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel“. Am Mittwoch, dem Tag, an dem Bundesminister Horst Seehofer die Nationale Verzehrstudie vorstellte (siehe „Große Angst vor Gammelfleisch“), endete die Frist zur Einreichung beweisbarer Gesundheitsversprechen. Hunderte solcher „Health Claims“ werden nun an die EU-Kommission weitergeleitet. Es geht um Formulierungen wie: „enthält viel Calcium - und fördert dadurch den Aufbau gesunder Knochen“. „Die europäische Industrie hat sich zusammengetan und 779 solcher Claims erstellt“, sagt Peter Loosen, Geschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde.

Sachaufnahme: Actimel-Fläschen © Helmut Fricke Vergrößern Functional Food aktiviert Abwehrkräfte?

Spätestens im Jahr 2010 will die EU eine Art Positivliste solcher Gesundheitsaussagen herausgeben. „Was dann nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten“, sagt Loosen. Eine juristische Basis für einen riesigen Markt. Schon heute: „Wir machen mit Produkten, die einen gesundheitsfördernden Zusatznutzen haben, etwa einen Umsatz von über 20 Milliarden Schweizer Franken jährlich“, sagt Werner Bauer, Chef der Forschungsabteilung bei Nestlé. Rechnet man den Erlös aus Tierfutter dazu, ist es noch mehr; auch das wird längst aufgepeppt.

Den einheitlichen Kaffee kann es nicht geben

Der Nestlé-Konzern möchte sich als Gesundheitsunternehmen neu erfinden. Vor allem eben durch Produkte, die als Functional Food gesundheitlichen Zusatznutzen versprechen. Dabei haben die Forscher schon beim Geschmack mit Problemen zu kämpfen. Eine Tablette darf bitter sein, damit sie als wirksam akzeptiert wird. Ein Lebensmittel muss schmecken. Weltweit. Amerikanern und Deutschen und Koreanern. „Die Menschen haben einfach einen unterschiedlichen Geschmack. Und der wird in den ersten Lebensmonaten und -jahren geprägt“, sagt Werner Bauer. Die Konsequenz für internationale Konzerne: Den einheitlichen Kaffee, den Joghurt, die Limonade für alle kann es schon aus Geschmacksgründen nicht geben. „Wir haben insgesamt etwa 180 verschiedene Sorten von Nescafé“, gibt Bauer ein Beispiel.

Auch die Akzeptanz von Functional Food unterscheidet sich weltweit. „Unser größter Markt liegt in Asien. Dort werden Frauen kaum eine Milch ohne gesundheitlichen Zusatznutzen kaufen. Man wartet dort gleichsam auf Produkte - etwa solche, die die Hirnfunktion verbessern“, sagt Bauer. Ganz anders in Deutschland: „Hier herrscht ein eher romantisches Verständnis von Natur vor. Es braucht viel Überzeugungskraft, um Neuerungen durchzusetzen.“ So hatte Nestlé vor mehr als zehn Jahren mit einem der ersten Functional-Food-Produkte große Schwierigkeiten. Man hatte mit „LC1“ einen mit besonderen Bakterien versetzten Joghurt auf den Markt gebracht. Die Mikroben sollen die Verdauung fördern. Ob das gesunden Menschen nutzt, ist bis heute umstritten. Aber bei Magen-Darm-Infekten scheint sich die so unterstützte Darmflora schneller zu erholen. Es dauerte zehn Jahre, bis sich der biologisch aufgerüstete Joghurt im Markt etabliert hatte. Aber ein Konkurrenzprodukt mit dem einschmeichelnden Namen „Actimel“ ließ ihn weit hinter sich.

Mit Margarine den Cholesterinspiegel senken

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Veröffentlicht: 03.02.2008, 18:12 Uhr

Berliner Zukunft

Von Christian Schwägerl

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