Auf der Berlinale gehört es zur Tradition: Anfangs niest einer, bald werden es mehr, und am Ende hat es praktisch jeden erwischt. Kinos sind nun mal ideale Brutstätten für Schnupfenkeime, nächtliche Stehempfänge fast schon eine Garantie dafür, dass am nächsten Morgen die Nase juckt. Die eisige Berliner Luft gibt den Frierenden auf dem roten Teppich oder den Rauchern vor der Tür dann den Rest.
In diesem Jahr muss man allerdings nicht erst nach Berlin fahren, um sich eine Erkältung einzufangen. Bundesweit herrscht Virusalarm, ein einziges Schniefen und Röcheln. Oder ist das auch nur wieder ein subjektiver Eindruck, der die objektive Wirtschaftskrise spiegelt? Medizinische Indikatoren gibt es: Tiefrot gefärbt war beispielsweise in der vergangenen Woche die Deutschlandkarte der Arbeitsgemeinschaft Influenza (http://influenza.rki.de). Unter Federführung des Robert Koch-Instituts messen niedergelassene Ärzte und Virologen wöchentlich das Fieber der Nation. Verglichen mit dem Vorjahr, lag die Zahl der registrierten Fälle in der vierten Kalenderwoche mehr als doppelt so hoch. Und der Höhepunkt der Grippesaison wird normalerweise erst Ende Februar erreicht.
Nur wenige haben eine echte Influenza
„Diesmal ist es schon heftig“, sagt Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts. „Aber natürlich haben nicht alle, die jetzt erkältet sind, wirklich Grippe.“ Eine echte Influenza wirft den Patienten buchstäblich um, er liegt mit Schüttelfrost, hohem Fieber und Schmerzen im Bett. Wie viele davon betroffen sind, lässt sich nur hochrechnen. An der Arbeitsgemeinschaft Influenza sind rund achthundert Arztpraxen beteiligt, die in Verdachtsfällen Rachenabstriche machen und vielleicht noch einen Schnelltest durchführen. Ein direkter Virusnachweis ist nur in speziellen Labors möglich. Einige tausend Proben werden in jeder Saison positiv getestet, daraus können Epidemiologen dann ableiten, wie es draußen im Lande aussieht.
Noch im vergangenen Jahr blieb es relativ ruhig, in rund tausend überprüften Fällen konnte ein Grippeerreger identifiziert werden. Erfasst wurden außerdem knapp eine halbe Million Fälle von „akuten respiratorischen Erkrankungen“, also Entzündungen der Atemwege (Bronchitis), der Lunge (Pneumonie) und im Bereich von Rachen und Hals (Pharyngitis), die entweder durch ein Grippevirus oder durch einen bakteriellen Begleiterreger hervorgerufen werden können.
Was bringt eine Schutzimpfung?
Ob es dieses Mal ähnlich schlimm werden könnte wie im Winter 1995/96, als es Schätzungen zufolge an die 30.000 Grippetote gab, ist ungewiss. Es könnte sein, dass die Influenzawelle bereits ihren Höhepunkt überschritten hat, wie etwa in Nordrhein-Westfalen, wo die Zahl der Meldungen in der fünften Kalenderwoche schon wieder zurückging.
Es könnte aber auch sein, dass die Influenza ausgerechnet in der Karnevalszeit noch einmal zuschlägt. Immerhin ist der vorherrschende Erreger bekannt und charakterisiert: Nach seinen Oberflächenproteinen wird er als Typ A/H34N2 bezeichnet, nach seinem Isolierungsort als Stamm „Brisbane/10/2007“. Genau gegen den richtet sich auch der zurzeit vorhandene Impfstoff.
Was bringt eine Grippeschutzimpfung? Vor allem Schutz für Alte und Schwache. Doch das Misstrauen in der Bevölkerung sitzt tief. Chronisch impfunwillig zeigt sich ausgerechnet das Krankenhauspersonal, und wer trotz Impfung eine Erkältung bekommt, ist vielleicht doppelt enttäuscht, obwohl er eigentlich wissen müsste, dass es sich da um zwei Paar Schuhe handelt.
Wieviele es sind, weiß kein Mensch
So schleppt sich in diesen Tagen das Heer der Heiseren und Prustenden einigermaßen illusionslos zur Arbeit. Wer zählt die Infizierten, die sich gegen allgemeinen oder ärztlichen Rat weigern, vernünftigerweise das Bett zu hüten? Erst einmal niemand. Anders als die Influenza ist eine schnöde Erkältung nicht meldepflichtig. Es hat in Deutschland zwar Bemühungen gegeben, das Erkältungsgeschehen ähnlich zu erfassen wie die Grippe.
Ein 1999 gegründetes „pädiatrisch-infektiologisches Netzwerk“, an dem die Universitätskliniken Mainz, Freiburg und Kiel beteiligt waren, sollte vor allem die Verteilung der Atemwegs- erreger bei Kindern unter fünf Jahren beobachten; es ist inzwischen mangels Förderung eingestellt worden. Aktuell arbeitet noch eine Gruppe von Virologen und Epidemiologen am niedersächsischen Landesgesundheitsamt. Rund vierzig über das Land verteilte Arztpraxen schicken Proben ein, vierhundert Kindertageseinrichtungen melden den Krankenstand. Die bisher gesammelten Daten zeigen sehr schön, dass Erkältungen durchaus nicht nur im Winter auftreten. Adenoviren zum Beispiel lassen sich das ganze Jahr über nachweisen, Rhinoviren treten gehäuft sogar nur im Sommer auf.
Ein Allheilmittel wäre ein Kassenschlager
Zwischen zwei- und dreihundert Erkältungsviren unterscheidet die Infektiologie, und alle sind ansteckend. Zu den häufigsten zählen die klassischen Rhinoviren, gleich nach ihnen kommen die Coronaviren, zu denen auch der berüchtigte Sars-Erreger zählt. Für Kinder kann das „Respiratory Syncytial Virus“ besonders bedrohlich werden, weil es Lungenentzündungen hervorufen kann. Doch in der Regel folgt Husten oder Schnupfen dem bekannten Muster, ohne Behandlung sieben Tage zu dauern und mit Behandlung eine Woche, ohne dass es deshalb gleich zu ernsten Komplikationen käme.
Der „common cold“ (französisch „refroidissement“, griechisch „kryologima“) ist die häufigste Krankheit überhaupt, weil sie so mühelos von Mensch zu Mensch übertragen wird. Jeder Erwachsene darf durchschnittlich zwei- bis dreimal im Jahr mit einer Erkältung rechnen, Kleinkinder kann es sogar ein Dutzend Mal und mehr treffen. Gäbe es ein Mittel dagegen, wäre es ein Megaverkaufserfolg. Doch angesichts der Vielzahl der Erreger hat noch niemand einen Impfstoff entwickelt. Und deshalb sorgen die Triefnasen, die sich ins Büro oder ans Band quälen, zuverlässig dafür, dass die Kollegen es ihnen bald nachmachen.
Mit Kälte hat es nichts zu tun
Ist die Erkältung erst da, helfen weder Vitamin C noch Echinacea, weder Hustensaft noch Antibiotika, wobei Letztere immer noch in erstaunlichen Mengen verschrieben werden, auch wenn sie nur gegen Bakterien wirken und bei viralen Erkrankungen nutzlos sind. Mehr als hundert Jahre nach Louis Pasteur ist gegen den Infekt und seine Begleiterscheinungen immer noch kein Kraut gewachsen.
Der französische Mikrobiologe war es, der den ersten sicheren Beweis geführt haben wollte, dass eine Erkältung tatsächlich durch Kälte hervorgerufen wird. 1878 tauchte er ein Huhn in kaltes Wasser und infizierte es mit Milzbrandbakterien. Hühner sind aufgrund ihrer hohen Körpertemperatur normalerweise immun gegen den Erreger. Doch dieses verendete - offenbar, weil es unterkühlt seine Abwehrkräfte verloren hatte. Seitdem haben Legionen von Medizinern versucht, diesen Zusammenhang zu bestätigen. Mal setzten sie Freiwillige in nasser Badekleidung ungemütlicher Zugluft aus, mal sperrten sie halbnackte Personen in Kühlräume, mal verabreichten sie kalte Fußbäder, mal nicht - das Risiko, sich anzustecken, blieb stets gleich. Dazu passte auch die Beobachtung, die man an einem der nördlichsten Orte der Welt gemacht hatte: in Longyearbyen auf Spitzbergen. Die Einwohner dort waren im Winter putzmunter und gesund, doch sobald sich mit Beginn des Sommers die ersten Schiffe ihren Weg durch das Eis gebahnt hatten und die Besatzungen von Bord gingen, verschnupfte die Bevölkerung mit einem Schlag.
Daraus wurde dann die zweite Theorie abgeleitet: Durch Tröpfcheninfektion beim Niesen würden die Erkältungsviren übertragen. Auch dazu wurden Versuche angestellt: Man ließ kranke Probanden Gesunden ins Gesicht niesen, man veranstaltete sogar Kussexperimente, bei denen es zu minutenlangem Austausch viral belasteter Körperflüssigkeiten kam. Doch auch das erhöhte die Ansteckungsgefahr nur minimal.
Gute Abwehrkräfte nützen nicht immer
Am höchsten steht inzwischen die dritte Theorie im Kurs, nach der Erkältungsviren sich mit Vorliebe an Türklinken, auf Tischplatten, Geldscheinen oder Computertastaturen niederlassen, wo sie der Nächste in die Finger bekommt und sich prompt in die Nase oder die Augen reibt. Entsprechende Simulationen wurden mit unsichtbaren, aber unter UV-Licht fluoreszierenden Flüssigkeiten durchgeführt. Auf Partys zeigte sich, dass die Tröpfchen äußerst effektiv verteilt wurden. Doch als man mit echten Viren arbeitete und einen Teil der Probanden mit orthopädischen Schienen daran hinderte, in der Nase zu bohren, gab es wiederum keinen Unterschied in der Ansteckungsrate. Einstweilen muss die Frage, welche Kofaktoren bei einer Erkältung mitwirken, zu den ungelösten medizinischen Problemen gerechnet werden.
Sehr wahrscheinlich ist auch die Hoffnung trügerisch, man müsse nur irgendwie „sein Immunsystem stärken“, um der nächsten Attacke zuvorzukommen. Selbst Gesunde mit guten Abwehrkräften infizieren sich mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als neunzig Prozent, wenn man ihnen Erkältungsviren in die Nase pipettiert, haben die beiden Infektionsmediziner Frederick Hayden und Jack Gwaltney von der University of Virginia in Charlottesville herausgefunden. Und drei Viertel von ihnen entwickelten zuverlässig die bekannten Symptome. Dabei spielte es keine Rolle, ob sie unter besonderem Stress litten oder nicht - eine weitere beliebte Erklärung dafür, war- um es den einen erwischt und den anderen nicht. Hayden und Gwaltney räumten auch gleich noch mit einem weiteren Mythos auf: Trockene Schleimhäute, wie sie im Winter häufig in geheizten Räumen auftreten, seien für eine Infektion nicht nötig.
Wer schlecht schläft, erkrankt häufiger
Schnupfenviren finden ihren Weg, egal, wie man sich wappnet. Es bleibt nicht einmal die Aussicht, mit zunehmenden Alter habe der Körper schon so viele Erkältungen erlebt, dass er gegen die meisten Angreifer immun sei. Erkältungsviren mutieren rasch zu endlos vielen Subtypen, die das Abwehrsystem nicht mehr erkennt.
Letztlich bleibt nur die Gewissheit, dass auch diese Schnupfenwelle vorbeigehen wird - von Mitte März an kann man damit rechnen. Bis dahin hilft so gut oder schlecht wie jedes andere Rezept (wenn auch nur vorübergehend) der alte irische Ratschlag, sich ins Bett zu legen und so lange heißen Whiskey zu sich zu nehmen, bis man den Bettpfosten doppelt sieht.
Man kann den Alkohol sogar weglassen, hat der Psychologe Sheldon Cohen von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh herausgefunden. In den Archives of Internal Medicine berichtete er vor kurzem, dass gesunde Erwachsene, die zwei Wochen lang regelmäßig gut geschlafen hatten, nur doppelt so häufig erkrankten, wenn man ihnen Rhinoviren in die Nase träufelte. Bei den schlechten Schläfern war das Risiko viermal so hoch.
Zink
hal halman (H_a_l)
- 10.02.2009, 10:26 Uhr
@ H_a_l
Patrick Hawighorst (Patrick-OS)
- 10.02.2009, 12:22 Uhr
Ach Kinders
(zx10)
- 10.02.2009, 12:35 Uhr
Das Allheilmittel gegen den grippalen Infekt
Jitzak Tanenbaum (tanenbaum)
- 10.02.2009, 12:58 Uhr
Die eisige Berliner Luft?
Thea Engholm (Flaim)
- 10.02.2009, 19:40 Uhr
