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Sonntag, 19. Februar 2012
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Epo Ein Pharma-Blockbuster mit Mängeln

06.02.2010 ·  Nach einer Nierentransplantation sterben mehr Patienten als erwartet, wenn ihre Hämoglobinwerte mit Erythropoietin (Epo) angehoben werden. Skepsis gegenüber neu angekündigten Anwendungsmöglichkeiten von Epo sind angebracht.

Von Martina Lenzen-Schulte
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Künstliches Erythropoietin oder Epo, das seit seiner Einführung vor zwanzig Jahren den pharmazeutischen Herstellerfirmen schon zweistellige Milliardenumsätze beschert hat, ist der Blockbuster unter den biopharmazeutisch hergestellten Substanzen. Zwar war das Hormon rasch als Radsportdroge geächtet und stets im Visier der Dopingfahnder. Aber seine Fähigkeit, die Blutarmut vieler Patienten ohne Bluttransfusionen behandeln zu können, verschaffte ihm gleichwohl den Ruf eines innovativen Medikaments, wenn auch eines, mit dem massiv Missbrauch getrieben wird. Allerdings kommen nun auch aus medizinischer Sicht Vorbehalte hinzu. Die Anwendung von Erythropoietin bei Kranken gehöre neu auf den Prüfstand, fordert jetzt Ellis Unger von der Food and Drug Administration FDA, der obersten Zulassungsbehörde für Medikamente in den Vereinigten Staaten ("New England Journal of Medicine", Bd. 362, S. 189).

Erythropoietin ist eine körpereigene Substanz, die hauptsächlich in der Niere produziert wird. Inzwischen steht es als Oberbegriff für eine Vielzahl von Medikamenten, die mehr oder weniger dem natürlichen Erythropoietin ähneln und die korrekt als sogenannte Erythropoese stimulierende Agenzien bezeichnet werden. Sie treiben die Neubildung von Erythrozyten an, jenen roten Blutkörperchen, die im Blut mit Hilfe von Hämoglobin den Sauerstoff transportieren. Als Normwerte gelten Hämoglobingehalte von 14 Gramm je Deziliter Blut bei Männern, zwölf sind es bei Frauen. Sinken diese Werte, so kommt es zur Blutarmut oder Anämie, die sich oft in Abgeschlagenheit, Leistungseinbußen und Müdigkeit äußert. Vor allem chronisch Nierenkranke und Tumorpatienten stellen jenes große Kollektiv anämischer Patienten dar, denen vor der Epo-Ära nur mit Bluttransfusionen geholfen werden konnte. Ihre Hämoglobinwerte endlich verlässlich anheben zu können galt als Durchbruch, der den Erythropoietin-Präparaten in der Medizin mindestens so viel Reputation eintrug wie in der Dopingszene der Ausdauersportarten.

Wachstumsanreize des Hormons als Ursache

Dass Erythropoietin zwar Laborwerte normalisiert, aber dennoch eher schadet als nützt, wurde schon vor Jahren für chronisch Nierenkranke und Dialysepatienten nachgewiesen. Das Gefahrenpotential war seinerzeit so offensichtlich, dass eine Studie sogar vorzeitig abgebrochen wurde. Jetzt zeigt sich, dass auch Patienten, die eine neue Niere erhielten, häufiger sterben, wenn man ihre zu niedrigen Hämoglobinwerte mit Erythropoietin korrigiert. Das hat eine Gruppe um Rainer Oberbauer, Nephrologe am Elisabethinenkrankenhaus in Linz und Leiter des österreichischen Dialyse- und Transplantationsregisters, herausgefunden. Nach zehn Jahren lebten noch 57 Prozent der mit Erythropoietin behandelten Patienten, jedoch 78 Prozent derer, die die Substanz nicht bekommen hatten ("British Medical Journal", Bd. 339, S. b4018). Es gibt keine wirklich überzeugenden Erklärungen hierfür, aber vieles deutet darauf hin, dass sich die Gefahr der Blutgerinnselbildung vergrößert, weshalb es wohl auch zu mehr Herzinfarkten kommt.

Auch Tumorpatienten haben erfahren müssen, dass sich ihre Prognose unter Erythropoietin eher verschlechtert als verbessert. Sowohl eine Krebserkrankung an sich als auch die oft damit verbundene Chemotherapie lassen die Patienten oft anämisch werden, weshalb auch hier die Verwendung von Erythropoietin plausibel erschien. Es stellte sich jedoch heraus, dass Brustkrebspatientinnen eher sterben, wenn sie damit behandelt werden. Das gilt auch bei Lungenkrebs und Kopf-Hals-Tumoren. Vermutet wird, dass dafür auch die Wachstumsanreize dieses Hormons verantwortlich sind, die womöglich nicht nur auf die Neubildung roter Blutkörperchen stimulierend wirken, sondern ebenfalls auf Krebszellen. Stufenweise wurde daher von den Zulassungsbehörden die Anwendung von Erythropoietin-Präparaten bei Krebspatienten eingeschränkt.

Skepsis gegenüber neuen Anwendungen angebracht

Erythropoietin ist damit zum jüngsten Paradebeispiel für die berechtigten Forderungen der evidenzbasierten Medizin geworden. Wie deren Verfechter gebetmühlenartig wiederholen, ist die Normalisierung eines Blutwertes noch lange nicht gleichzusetzen mit der erfolgreichen Behandlung des Patienten. Wenn der Nutzen für den Patienten nicht ersichtlich ist, dann sollte sich die enthusiastische Nutzung eines Medikamentes von selbst verbieten. Es hat rund 15 Jahre gedauert, bis das erhöhte Sterberisiko von Krebspatienten unter Erythropoietin Konsequenzen zeitigte.

Angesichts dieser Erkenntnisse dürfte sich jede Naivität verbieten, wenn neue Anwendungsmöglichkeiten für Erythropoietin angekündigt werden. Alte herzschwache Patienten sollen jüngsten Studien zufolge ebenso von Erythropoietin profitieren wie Schizophrene und Patienten, die ein neues Hüftgelenk erhalten. Und am transgenen Mausmodell ist gezeigt worden, dass es den Blutzucker senkt, vor Übergewicht schützt und als Stoffwechselschutz gegen Diabetes dienen könnte. Martina Lenzen-Schulte

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