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Embryonale Stammzellen Das eingestampfte Wunder

15.11.2011 ·  Die weltweit erste klinische Studie mit vier Querschnittgelähmten, an denen man embryonale Stammzellen getestet hat, ist abgebrochen worden. Geron fehlt Geld.

Von Joachim Müller-Jung
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Das war ein Paukenschlag - einer von der Sorte: Stürzt da eine Welt ein? Der erste klinische Versuch weltweit, mit embryonalen Stammzellen schwerkranke Menschen zu behandeln, ist von der kalifornischen Biotechfirma Geron Anfang der Woche wegen zu hoher Kosten eingestellt worden. Vier Querschnittsgelähmten waren im vergangenen April an die verletzte Stelle des Rückenmarks jeweils zwei Millionen der ethisch umstrittenen, aus frühen menschlichen Embryonen gewonnenen Stammzellen implantiert worden.

Im Oktober meldete dann die Firma, der Therapieversuch, der in dieser ersten Phase insbesondere der Sicherheitsprüfung dient, habe offenbar keinerlei bedenkliche Nebenwirkungen bei den Patienten hervorgerufen. Von einer Besserung der Symptome war allerdings auch nicht die Rede. Und wer das schon als schlechte Nachricht gewertet hat, wie viele Experten, die den Heilungsversuch bei Querschnittsgelähmten sowieso für unrealistisch und allzu plakativ eingestuft hatten, der wunderte sich jetzt auch nicht auf der Bilanzpressekonferenz von Geron. Dort erklärte das Unternehmen, man werde ein Drittel des Personals entlassen, sich auf die Entwicklung von Krebsmedikamenten konzentrieren sowie keine weiteren Stammzell-Empfänger mehr rekrutieren und für die Fortsetzung der Behandlung der vier Patienten einen Partner suchen, der die Finanzierung übernimmt.

Das vorläufige Ende des klinischen Experiments, an dessen Ende die weltweit erste Zulassung der Therapie mit embryonalen Stammzellen stehen sollte, ist ein herber Rückschlag für die regenerative Medizin. Eines der ambitioniertesten Biotechnikunternehmen hat damit seine selbstgesteckten Erwartungen kurzfristig aufgegeben und damit auch nicht zuletzt die Hoffnung vieler Patientenverbände in Frage gestellt, die mit der Stammzelltechnologie große therapeutische Forschritte verbinden. Die Branche, nicht jedoch die Forschung, fällt damit in ein vorklinisches Stadium zurück. Dort freilich sind Stammzellen unterschiedlicher Herkunft, keineswegs allein embryonale Stammzellen, als Hoffnungsträger für Ersatzgewebe und -organe aus der Retorte gefagter denn je.

Sowohl mit den aus dem Patienten selbst extrahierten Körperstammzellen - ob Knochenmark oder Organstammzellen - als auch mit den künstlich zu "induzierten pluripotenten Stammzellen" (iPS) reprogrammierten Körperzellen macht man gewaltige Fortschritte - im Labor wie in der Klinik. Allein in dieser Woche sind zwei größere Veröffentlichungen erschienen: In der anerkannten britischen Zeitschrift "Lancet" (doi: 10.1016/S0140-6736) berichten amerikanische Kardiologen von der University of Louisville in Kentucky, dass man ein Jahr nach Herzinfarkt und der folgenden Infusion von je einer Million Herz-Stammzellen bei 16 Patienteneine deutliche Schrumpfung des Infarktgebietes und eine um zwölf Prozent verbesserte Blutauswurfsrate gemessen hat.

In der Zeitschrift "Nature" (doi:10.1038/nature10648) stellte Lorenz Studer vom Sloan-Kettering Institute for Cancer Research in New York, einer der profiliertesten Stammzellforscher weltweit, ein neues Verfahren vor, um embryonale Stammzellen so zu Dopamin produzierenden Nervenzellen heranzuzüchten, dass sie nach der künstlichen Vermehrung und der Transplantation ins Gehirn ausreichend von dem besonders bei Parkinson-Patienten fehlenden Botenstoff erzeugen. Eine Wucherung, die größte Sorge nach der Implantation der Ersatzzellen, hat Studer nicht beobachtet. Allerdings hat er das Experiment nicht an Schwerkranken vorgenommen, sondern sukzessive an Mäusen, Ratten und schließlich an Affen.

Was solche Erfolge für die Medizin wirklich wert sind, zeigt sich allerdings immer erst in klinischen Versuchsreihen. Und bis dahin ist es nach dem Rückzug von Geron wieder ein etwas weiterer Weg für die Forschung.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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