Home
http://www.faz.net/-gwz-73ni9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Die Petrischale Feng Shui für Zellen

Perfekte Form, billiges Material: Lange blieb die Petrischale über jeden Zweifel erhaben. Doch jetzt schreiben Forscher, das Plastik störe Zellen beim Wachstum. Vor allem die Reproduktionsmedizin horcht auf.

© dpa Die Petrischale ist in vielen Laborbereichen beliebt - auch in der Mikrobiologie

Die Biologie ist eine der Wissenschaften mit den rasantesten Veränderungen - neue Analyseverfahren geben sich gleichsam die Klinke in die Hand. Schwer vorstellbar, dass es dennoch Handwerkszeug gibt, das bereits mehr als ein Jahrhundert nahezu unverändert in Gebrauch ist, dazu in Hunderttausenden von Laboren weltweit. Auf die Petrischale trifft genau dies zu. Sämtliche Versuche, sie in irgendeiner Form noch zu verbessern, sind bislang gescheitert. Die flache, durchsichtige Schale mit Deckel wurde 1887 von Julius Richard Petri, einem Assistenten des Mikrobiologie-Papstes Robert Koch, „erfunden“, in dem er den für die Bakterienzüchtung ungeeigneten Glaskolben den Hals abschlug und lediglich den flachen Boden zur Kultivierung verwendete. Später kam er zusätzlich auf die Idee, die Schalen mit einem flachen Deckel vor der ständigen Fehlbesiedelung durch Keime aus der Luft zu schützen.

Diese Kombination - flacher Boden, flacher Deckel - hat sich nachgerade als Geniestreich für die Biologie erwiesen: Von A bis Z wachsen inzwischen alle Zellkulturen in unterschiedlichen Nährböden der Petrischalen - von den anaeroben Bakterien bis zu den Zysten des Embryos -, sie bilden charakteristische Formationen, die sich durch den durchsichtigen Deckel gut beurteilen lassen, die Größe ist handlich, stapelbar in Brut- und Kühlschränken, und das Material ist billig und unkritisch, brauchbar also für Aufgaben in Entwicklungsländern; aber die Petrischale genügt zugleich auch den höchsten Ansprüchen im Sicherheitstrakt eines Kriegslaboratoriums, das tödliche Erreger unter Verschluss halten will.

Die Form gilt weiter als perfekt

Wenn jetzt im Titel einer aktuellen Veröffentlichung in der Zeitschrift „Journal of Bionic Engineering“ Kritik an der Petrischale geübt wird - „It is Time for a Change: Petri Dishes Weakens Cells“ -, muss also ein guter Grund vorliegen (Bd.9, S.353). Was könnte an diesem Universalwerkzeug auszusetzen sein, das scheinbar alle Wünsche erfüllt. „Die Form ist es nicht“, räumt Andrei Sommer, der Erstautor der Arbeit, ein, „das hat die Forschung lange in die Irre geführt, daran haben sich viele abgearbeitet.“ Sommer ist Physiker und Materialwissenschaftler an dem von Hans-Jörg Fecht geleiteten Institut für Mikro- und Nanomaterialien der Universität Ulm. Das Ulmer Team hat sich stattdessen das Plastik selbst angeschaut. Petrischalen waren früher aus Glas, inzwischen bestehen sie aus Polystyrol, einem glasklaren Polymer. Dieses Material bleibt nicht ohne Einfluss auf die Zellen, die darin gezüchtet werden, durch Prozesse im Nanobereich wird ihr Wachstumsverhalten erkennbar verändert. Zusammen mit Kollegen vom Institut für Biologische Grenzflächen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist dies Sommer zunächst bei Tumorzellen aufgefallen: „Wir konnten zeigen, dass das Material, das wir den Zellkulturen in der Petrischale zur Verfügung gestellt haben, ihre kollektiven Eigenschaften - also wohin wenden sie sich, um als Kolonie weiterzuwachsen - deutlich beeinflusst. Ganz klar kam heraus, dass Polystyrol das Wachstum im Vergleich zu Glas, Diamant und Silizium verlangsamt.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Künstliche Befruchtung Eizellen auf Eis

Für die künstliche Befruchtung sollte man frische Eizellen nehmen und keine eingefrorenen. Die Erfolgschancen sind deutlich größer. Mehr

24.08.2015, 19:44 Uhr | Wissen
Ausbruch in Dannemora Bekamen Mörder Fluchthilfe von Gefängnis-Mitarbeitern?

Die beiden im amerikanischen Bundesstaat New York getürmten Schwerverbrecher haben bei ihrem filmreifen Gefängnisausbruch möglicherweise Unterstützung von Gefängnismitarbeitern erhalten. Die verurteilten Mörder durchbrachen mit elektrischen Werkzeugen die Stahlmauer in ihren Zellen. Dann zwängten sie sich durch Schächte und schnitten sich durch Tunnelsysteme und Rohre einen Weg in die Freiheit. Mehr

09.06.2015, 13:58 Uhr | Gesellschaft
Thailand Polizei nimmt nach Bangkok-Attentat Verdächtigen fest

Die thailändische Polizei hat einen Ausländer festgenommen, der verdächtigt wird, an dem Anschlag in Bangkok beteiligt gewesen zu sein. In seiner Wohnung sei Material zum Bombenbau sichergestellt worden. Mehr

29.08.2015, 11:51 Uhr | Politik
Interview Klonpionier Mitalipov über seine Therapiepläne

In der Petrischale und in Tierversuchen gelingt es längst. Defekte Mitochondrien werden in Keimzellen und Embryonen kuriert. Jetzt laufen die Anträge für klinische Tests mit Patienten. Es geht darum, Gendefekte durch Zellkerntransfer zu beseitigen, was im Ergebnis Embryonen mit drei genetischen Eltern ergäbe. Die Keimbahnversuche sind vielerorts ein Tabubruch, oft verboten wie in Deutschland. Doch der Schöpfer des sogenannten therapeutischen Klonens will sich von Gesetzeshürden nicht abschrecken lassen. Das grüne Licht aus London vor wenigen Wochen ist für ihn erst der Anfang. Mehr

30.04.2015, 00:44 Uhr | Wissen
Deutschland im Klimawandel Sommerliche Hitze und Unwetter nehmen zu

Hitzewellen und Gewitter dominierten in vielen Regionen den deutschen Sommer 2015. Weinreben und Waldbäume sind im Trockenstress. Müssen wir uns nun dauerhaft auf Extremwetterlagen einstellen? Mehr

28.08.2015, 14:10 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 19.10.2012, 15:00 Uhr

Weiches Wissen

Von Ulf von Rauchhaupt

Mehr als die Hälfte aller psychologischen Studien sind nicht reproduzierbar. Das geht sicher besser - aber nicht beliebig besser. Mehr 40 22