Die inflationäre Verwendung des Begriffs Burnout suggeriert, dass eine ganze Gesellschaft psychisch erschöpft ist. Das legen auch die Schätzungen der Betriebskrankenkassen nahe, die von neun Millionen Betroffenen ausgehen. Bezieht man diese Zahl auf die Gruppe der Erwerbstätigen, muss jeder vierte Arbeitnehmer ausgebrannt sein. Burnout ist demnach eine Epidemie - aber eine, für die es keine einheitliche, international gültige wissenschaftliche Definition gibt.
Jeder hat ein intuitives Verständnis davon, aber weder die internationale Klassifikation der Krankheiten noch das "Diagnostische und Statistische Handbuch psychischer Störungen" listen Burnout als eigenständige Erkrankung. Es fehlt auch ein allgemein anerkanntes Instrument, um die Störung von anderen Krankheiten, etwa der Depression und den Angsterkrankungen, abzugrenzen. Trotzdem wird sie laufend diagnostiziert.
„Randunscharfe Menge“ von Symptomen
Was Burnout ist, entscheidet der Arzt nach Gutdünken. Die Kosten, die den Krankenkassen und der Volkswirtschaft aus dieser beliebigen Zuschreibung entstehen, sind immens. Das ist das Fazit eines in der vergangenen Woche veröffentlichten "Health Technology Assessment", eines HTA-Berichts, der im Auftrag des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information angefertigt wurde. Das Institut informiert die Bevölkerung mit wissenschaftlich fundierten Zustandsberichten, aus denen Empfehlungen für das Gesundheitswesen abgeleitet werden können. Der Bericht zum Burnout wurde von Dieter Korczak, Christine Kister und Beate Huber vom Institut für Grundlagen- und Programmforschung in München erarbeitet.
Der Begriff Burnout leitet sich aus der Arbeitswelt her. Die meisten Ärzte verstehen darunter einen Zustand aus arbeitsbedingter Erschöpfung, Selbstentfremdung, Zynismus und verminderter Leistungsfähigkeit. Im praktischen Alltag zählen noch Dutzende weiterer Symptome dazu, etwa verstärkte Anspannung, Schlafstörungen, Unruhe, Konzentrationsschwäche, mangelnde Motivation und reduzierte Arbeitsleistung. Für Korczak sind diese Zuschreibungen ein beliebiger Katalog negativer Befindlichkeitsstörungen, die keine Rückschlüsse auf den Beginn der Symptome zulassen. In der wissenschaftlichen Literatur werde die Störung deshalb auch als "randunscharfe Menge" bezeichnet, so der Medizinsoziologe im Gespräch. Der am häufigsten für die Diagnostik benutzte Fragebogen messe demnach auch nur das, was aus dieser Menge in die Fragen hineingelegt worden sei. Ob es sich dabei tatsächlich um Burnout handele, sei unklar. Schließlich könne nichts gemessen werden, was nicht zuvor verbindlich definiert worden sei. Der Fragebogen setzt auch nur auf die Selbstauskunft der Betroffenen. Es gibt keine Instrumente zur Fremdbeurteilung.
Erklärungen gesucht
Wenn Burnout eine arbeitsbedingte Störung ist, meint Korczak, müsste es auch Auslöser geben, die sich den Außenstehenden erschließen. Nur so könne ein echtes Burnout - was immer dies laut einer einheitlichen Definition zu sein habe - von einem bloßen Gefühl des Burnouts abgegrenzt werden. Weil diese Störung keine von den Krankenkassen anerkannte Krankheit ist, weichen die Ärzte bei der Behandlung auf andere Diagnosen aus. Sie therapieren dann zwar ein nach ihrem Ermessen vorliegendes Burnout-Syndrom, rechnen es aber gegenüber den Krankenkassen als Depression oder andere klassifizierte psychische Erkrankung ab. Dadurch werden auch die diagnostischen Zuschreibungen verzerrt.
Der Bericht hält zudem fest, dass auch die Ursachen noch offen sind. Ein Erklärungsmodell macht allein die Persönlichkeitsstruktur verantwortlich. Weil die Betroffenen übertrieben opferbereit sind, einen falsch verstandenen Idealismus haben und sich nicht von ihrem Perfektionismus lösen können, kommt es früher oder später zur emotionalen Erschöpfung. Ein weiteres Erklärungsmodell sieht die Ursache in den veränderten Arbeitsbedingungen. Weil den Arbeitnehmern immer mehr Verantwortung aufgebürdet wird, ihnen gleichzeitig aber immer weniger Unterstützung zuteil wird, fühlen sie sich mit der Zeit ausgebrannt. Ein dritter Erklärungsansatz macht die gesellschaftlichen Entwicklungen verantwortlich.
Die zunehmende Vereinsamung, die veränderten Kommunikationsformen und die wachsende Anonymität in der Gesellschaft führen mit der Zeit zum Burnout. Der Bericht macht deutlich, dass es offensichtlich eine gesellschaftliche Grundstimmung gibt, nach der die beruflichen Bedingungen schnell als Überforderung wahrgenommen werden. Viele Menschen scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, belastende Arbeits- und Lebensumstände selbst zu entschärfen. Ob sie dadurch allerdings zu Burnout-Patienten werden, die unter wechselnden diagnostischen Zuschreibungen behandelt werden sollten, ist fraglich. Der Bericht fordert deshalb, dass eine einheitliche, international gültige Definition und klare Diagnosekriterien entwickelt werden sollten. Das ist auch im Hinblick auf die enormen Kosten nötig, die durch die wahllose Zuschreibung entstehen.
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