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Diabetes Zurück aufs richtige Gleis

11.05.2005 ·  Die Erfindung eines automatischen Blutzucker-Meßgeräts ist der Traum jedes Diabetikers. Die Erfüllung dieses Wunsches scheint nun in greifbare Nähe gerückt zu sein. Es gibt eine Reihe von Verfahren, die den Verlauf der Blutzuckerkurve indirekt ermitteln.

Von Nicola von Lutterotti
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Zu den gefürchteten Komplikationen der Zuckerkrankheit, Diabetes mellitus, zählen Herzinfarkte, Schlaganfälle, Nierenversagen, Nervenschäden, ein Verlust des Sehvermögens und Fußgeschwüre. Nicht zuletzt sind aber auch die Gefäße bedroht, weshalb Wolfgang Kerner vom Klinikum Karlsburg, aktueller Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, den Diabetes unlängst auf der Jahrestagung der medizinischen Fachgesellschaft auch als eine Gefäßkrankheit bezeichnete.

Am ehesten verhindern lassen sich die Folgeschäden des Diabetes, wenn der Glukosegehalt des Bluts in engen Grenzen gehalten wird. Häufige Kontrollen und gegebenenfalls Korrekturen des Blutzuckerspiegels sind daher unerläßlich. Nicht immer gelingt es freilich, Entgleisung rechtzeitig zu erkennen und zu beheben.

Kontinuierliche Kontrolle

Seit langem bemühen sich Wissenschaftler weltweit daher um die Entwicklung von Verfahren, mit denen sich der Blutzucker kontinuierlich erfassen läßt. Die Erfindung eines solchen automatischen Meßgeräts sei der Traum jedes Diabetikers, sagte Kerner. Die Erfüllung dieses Wunsches scheint nun in greifbare Nähe gerückt zu sein. Denn inzwischen gibt es eine Reihe von Verfahren, die den Verlauf der Blutzuckerkurve indirekt ermitteln.

Als relativ zuverlässig gilt ein Gerät, das über einen Minisensor den Zuckergehalt im Unterhautfettgewebe ermittelt. Wie aus mehreren Untersuchungen hervorgeht, stimmen die Glukosemengen des Fettgewebes weitgehend mit jenen des Blutes überein. Zu den Nachteilen zählt, daß die gemessenen Daten nicht sofort verfügbar sind, sondern gespeichert werden. Aus dem Grund eignet sich dieses auch nur zur nachträglichen Überprüfung der Blutzuckerkurve. Diagnostisch von Vorteil kann das Verfahren bei Patienten sein, deren Blutzuckerspiegel häufiger abrutscht, ohne daß der Kranke hiervon etwa merkt.

Neue Medikamente

Bei einem neuen, noch nicht kommerziell verfügbaren Gerät lassen sich die Blutzuckerwerte auch in Echtzeit ablesen. Eine Alarmvorrichtung signalisiert dem Patienten zudem, wenn der Blutzuckerwert zu stark abdriftet. Noch auf einem frühen Entwicklungsstand befinden sich demgegenüber Systeme, die den Blutzuckergehalt automatisch bestimmen und korrigieren können.

Was die Behandlung des Diabetes betrifft, werden außer dem Insulinersatz verschiedene Medikamente zunehmend wichtig. Mit den einschlägigen Antidiabetika läßt sich der entgleiste Zuckerhaushalt allerdings nur bedingt in Schach halten. Als aussichtsreich gilt statt dessen eine neue Klasse von Diabetesmitteln, die vergleichbare Wirkungen besitzen wie bestimmte, als Inkretine bezeichnete Darmhormone.

Verzögerung der Magenentleerung

In Abhängigkeit von der zugeführten Glukosemenge stimulieren diese Botenstoffe einerseits die Ausschüttung von Insulin. Über eine Verzögerung der Magenentleerung sorgen sie andererseits dafür, daß die Nahrung nicht zu schnell in den Darm gelangt und der Insulinbedarf somit nicht ausufert. Ein weiterer Effekt der Inkretine besteht darin, die Hungergefühle zu unterdrücken.

Patienten mit Typ-2-Diabetes sind offenbar schon im Vorfeld der Stoffwechselkrankheit nicht mehr in der Lage, ausreichende Mengen eines besonders wichtigen Inkretins - GLP-1 - bereitzustellen. Der Gedanke lag daher nahe, den Hormonmangel durch die Gabe von GLP-1 auszugleichen. Das natürliche Inkretin ist hierfür gleichwohl nicht geeignet, zumal es sehr rasch abgebaut wird. Als Glücksfund erwies sich dabei ein im Speichel der amerikanischen Krustenechse entdeckter Stoff, der im Körper die gleichen Wirkungen entfaltet wie GLP-1 - aber sehr viel stabiler ist als das Darmhormon.

Vorreiter Amerika

Der erste Vertreter dieser als Inkretin-Mimetika bezeichneten neuen Gruppe von Antidiabetika wurde kürzlich in den Vereinigten Staaten unter dem Namen Exenatide für die Behandlung von Patienten mit Typ-2-Diabetes zugelassen. In Deutschland steht die Markteinführung noch aus.

Wie Michael Nauck vom Diabeteszentrum Bad Lauterberg auf der Tagung anmerkte, besitzen die neuen Inkretin-Mimetika entscheidende Vorteile. Demnach leiten sie nur dann eine Senkung des Blutzuckerspiegels in die Wege, wenn dieser zu hoch ist. Anders als bei Insulin bestehe bei ihnen daher nicht die Gefahr, daß der Glukosegehalt zu stark abfällt und der Patient folglich eine Hypoglykämie, eine teilweise bedrohliche Unterzuckerung des Bluts, erleidet. Auch führe die Anwendung der neuen Diabetesmittel nicht zu einer Zunahme des Körpergewichts. Im Gegenteil: In einer neuen Untersuchung sollen die hiermit behandelten Patienten nach eineinhalb Jahren durchschnittlich sieben Kilogramm verloren haben. Weitere Studien sind in Arbeit.

Hemmstoffe werden geprüft

Erheblich profitieren könnten Diabetiker zudem von einer weiteren Gruppe von Medikamenten, die sich derzeit noch in der klinischen Prüfung befinden. Es handelt sich dabei um Hemmstoffe eines Ferments, das in der Fachwelt unter dem Namen Proteinkinase C-Beta bekannt ist. Dieses Enzym ist an der Entstehung der diabetischen Folgeschäden maßgeblich beteiligt, wie Dan Ziegler vom Deutschen Diabetes-Zentrum der Universität Düsseldorf deutlich machte. Stimuliert durch erhöhte Blutzuckerspiegel, kurbelt die Proteinkinase C eine Vielzahl von die Nerven und Gefäße schädigenden Reaktionen an.

Diese lassen sich merklich unterdrücken, wenn man das unheilvolle Ferment lahmlegt. Zumindest gibt es Hinweise dafür. Über die meisten praktischen Erfahrungen verfügt man derzeit mit dem Hemmstoff Ruboxistaurin. Neuesten Erkenntnissen zufolge gelingt es mit diesem Wirkstoff unter anderem, den Verlust des Augenlichts bei Diabetikern mit beginnender Sehschwäche hinauszuzögern. Auch auf andere Komplikationen des Diabetes könnte das Mittel einen günstigen Einfluß ausüben, wie Thomas Forst vom Mainzer Institut für klinische Forschung und Entwicklung berichtete.

Quelle: F.A.Z., 12.05.2005, Nr. 109 / Seite 30
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