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Diabetes-Risiko Ein Hormon macht krank

 ·  Frauen mit viel Neurotensin im Blut, einem Hormon, das im Gehirn und im Darm freigesetzt wird, tragen offenbar ein gesteigertes Risiko für Diabetes, Brustkrebs und Herzleiden.

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Frauen mit erhöhtem Blutgehalt an Neurotensin, einem im Gehirn und Darm freigesetzten Hormon, tragen offenbar ein gesteigertes Risiko für Diabetes, Brustkrebs und Herz-Kreislauf-Leiden. Anlass zu einer solchen Vermutung geben zumindest die Ergebnisse einer schwedischen Langzeitstudie, an der etwa 4500 Männer und Frauen im Alter von durchschnittlich 58 Jahren beteiligt waren. Das Neurotensin, das unter anderem die Nahrungszufuhr drosselt und die Darmtätigkeit anregt und beim Verzehr von fettreicher Kost im Dünndarm freigesetzt wird, steht seit geraumer Zeit im Verdacht, der Gesundheit teilweise zu schaden. Mehrere Beobachtungen sprechen nämlich dafür, dass das Sättigungshormon direkt oder indirekt an der Entstehung von Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Leiden, etwa Herzinfarkten und Schlaganfällen, mitwirkt. Ungewiss war bislang aber, ob die im Blut zirkulierenden Mengen dieses Signalstoffs Rückschlüsse auf das individuelle Erkrankungsrisiko erlauben.

Die Ergebnisse gelten vor allem für Frauen

Für mehr Klarheit sorgen nun die Ergebnisse von Wissenschaftlern um Olle Melander von der Abteilung für Klinische Wissenschaften der Universität in Lund/Schweden. Wie die Forscher in der Online-Ausgabe des Journals der amerikanischen Medizingesellschaft (“JAMA“, Bd. 308, S. 1469) berichten, hatten sie bei allen Teilnehmern den Blutgehalt an Neurotensin im Nüchternzustand bestimmt und das gesundheitliche Schicksal der Probanden daraufhin mehrere Jahre lang verfolgt. Im Verlauf von bis zu 16 Jahren erlitten zwölf Prozent der Versuchspersonen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, vier Prozent erkrankten an einem Typ 2-Diabetes und vierzehn Prozent verstarben, zumeist an den Folgen eines Herz-Kreislauf-Leidens. Zudem wurde bei sechs Prozent der Frauen Brustkrebs diagnostiziert. Wie sich zeigte, kam es umso eher zu solchen schweren Erkrankungen, je mehr Neurotensin sich im Blut nachweisen ließ. Das galt allerdings vornehmlich für die Frauen und nur in geringem Maße für die Männer. Weshalb erhöhte Konzentrationen des Sättigungshormons im Blut insbesondere beim weiblichen Geschlecht mit einem erhöhten Risiko für Krankheit und Tod einhergingen, kann die Studie nicht klären. Offen bleibt zudem, ob der Botenstoff den schlechten Gesundheitszustand mitverursacht oder lediglich begleitet hat.

Intuitiv würde man davon ausgehen, kommentieren die Autoren, dass größere Mengen an Neurotensin im Blut eher von Vorteil sind. Denn über eine Beschränkung der Nahrungsaufnahme sollten sie eigentlich dazu führen, dass die betreffende Person weniger Speck ansetzt und daher nicht so leicht an Diabetes und Herzkreislauf-Leiden erkrankt. Wie sie zugleich einräumen, könnte die vermehrte Freisetzung von Neurotensin andererseits aber auch die Folge einer Abstumpfung der Zellen auf das Sättigungshormon sein - ähnlich wie im Vorstadium eines Diabetes der Insulinspiegel im Blut ansteigt, weil die Zellen nicht mehr hinreichend auf das den Zuckerhaushalt regulierende Hormon ansprechen. Wie Neurotensin die Gesundheit genau beeinflusst, wollen die Wissenschaftler in zukünftigen Untersuchungen klären.

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