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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutscher Krebskongress Das organisierte Versprechen

03.03.2010 ·  Die Krebsmedizin geht weiter in die Offensive: Mit Organzentren, Leitlinien und Krebsplan will man Qualität erzwingen und für die Zukunft vorbauen. Die Ideen könnten dennoch leicht verpuffen.

Von Stephan Sahm
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Die Rede ist inzwischen vom „Tsunami Krebs“. Der Präsident des Deutschen Krebskongresses, Wolff Schmiegel, verwendete den Begriff, um die Dramatik der Entwicklung zu verdeutlichen, die auf die moderne Gesellschaft zurollt. Allein die Zahl der Neuerkrankungen wird in den nächsten zwanzig Jahren um ein Drittel steigen. Die Erklärung liefert ein Blick auf die Bevölkerungspyramide. Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter, in dem die Wahrscheinlichkeit einer Entartung rapide zunimmt. Hinzu kommen die Menschen, die an Krebs leiden oder nach einer erfolgreichen Behandlung unter Umständen lange der Überwachung bedürfen. Der Lübecker Epidemiologen Alexander Katalinic meint, die Zahl der Krebspatienten wird noch weit unterschätzt.

Fest steht: Der Bedarf an krebsbezogenen Arztleistungen wird für akute Behandlungen steigen – bis zum Jahr 2020 wohl um mehr als dreißig Prozent. Für die chronische Phase und die Nachsorge wachse der Bedarf um annähernd sechzig Prozent, prognostizierte Wolff Schmiegel in seiner Rede zur Eröffnung des Kongresses.

Nationaler Krebsplan, neue Leitlinien, Organkrebszentren – eine Reihe von vielversprechenden Lösungsansätzen seien schon auf den Weg gebracht worden, so Werner Hohenberger, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Organzentren gelten dabei schon jetzt als Erfolgsgeschichte. In den Zentren werden die Patienten interdisziplinär von Ärzten verschiedener Fachgebiete betreut. 426 Zentren wurden bislang von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert. Hohenberger warnt vor dem Missbrauch des Zentrumsbegriffs und betont, dass ein Zertifikat notwendig sei. Patienten würden irregeführt, wenn eine Einrichtung unter dem Titel firmiere, aber nicht die erforderliche Qualität der Versorgung nachweisen könne. Formal ist der Begriff eines Tumorzentrums nicht geschützt.

Der Nationale Krebsplan

Für sechs Organsysteme wurden von der Krebsgesellschaft Kriterien erarbeitet. Nur wer ihre Einhaltung sicher gewährleistet, erhält das Zertifikat. Die ständige Überprüfung im Rahmen jährlicher Audits soll Schlamperei verhindern. Dass die Patienten in den Organzentren tatsächlich besser dran sind, belegt die Auswertung der bisherigen Überprüfungen, über die Heike Rosendahl aus Berlin und Christian Pox aus Bochum berichteten. Ein Beispiel ist die Bedeutung der Vollständigkeit einer Operation beim Mastdarmkrebs, für die eine mit dem Kunstwort „Mercury“ eingeführte Klassifikation erarbeitet wurde. Die Statistik aus den Zentren zeigt, so Hohenberger: Heute wird bei immer mehr Patienten der höchste Grad der Tumorentfernung erreicht. Rückschläge sind seltener.

Das Leitlinienprogramm und die Gründung der Organ- und Krebszentren sind die Grundlage, auf welcher der Nationale Krebsplan entwickelt wurde. Diese Initiative verbindet eine Vielzahl von Beteiligten, sie reichen von der Krebsgesellschaft über die Krebshilfe, die Arbeitsgemeinschaft der Tumorzentren, die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenversicherung und andere mehr. Koordiniert wird sie vom Bundesministerium für Gesundheit. Auf zunächst vier Handlungsfeldern soll die Krebsmedizin erneuert werden, von der Krebsfrüherkennung über den Aufbau klinischer Krebsregister, die Sicherstellung einer effizienten Arzneitherapie für Krebskranke bis hin zur Stärkung der Patientenorientierung.

Am weitesten fortgeschritten ist diese Initiative auf dem Gebiet der Krebsregister. Nachdem in allen Bundesländern epidemiologische Krebsregister eingerichtet wurden, sollen nun zusätzlich klinische Krebsregister etabliert werden. In den epidemiologischen Registern erfasst man die Neuerkrankungen an Krebs und die Sterbefälle. Diese Informationen sind hilfreich, genügen aber nicht, soll die Qualität einer Krebstherapie überprüft werden. Es kommt nicht nur darauf an festzustellen, dass eine Mutter mit Brustkrebs länger lebe. Ebenso wichtig ist es, wie gut sie lebt. Oder im Falle des Mastdarmkrebses, ob es nach Jahren zur Inkontinenz kommt. Auch die Zeit, die Patienten nach einem Rückschlag mit Symptomen der Erkrankung leben, ist wichtig zu wissen. Dazu ist es notwendig, die Patienten über sehr viele Jahre, oft bis zu zwei Jahrzehnten, zu beobachten.

Der Gesetzgeber ist gefordert

Erst ein klinisches Krebsregister erlaubt es, Aussagen über die Güte einer Behandlung zu treffen. Die Erhebung der Befunde ist unter dem Gesichtspunkt des Datenschutzes aber durchaus zwiespältig und ungelöst. Daneben ist unklar, wer die Kosten tragen soll (siehe F.A.Z. vom 24. Februar). Letztlich sollen die Daten den medizinischen Institutionen, Entscheidungsträgern in Politik und Gesundheitswesen und nicht zuletzt den Patienten zugänglich gemacht werden. Es ist aber nicht einfach, solche Daten zu interpretieren. So können schlechtere Behandlungsergebnisse von Kliniken etwa dadurch bedingt sein, dass dort vielleicht schwerer Erkrankte behandelt wurden. Die Angaben objektiv, unabhängig von den Interessen der Beteiligten aufzubereiten sei eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, sagte Hiltrud Kastenholz vom Bundesgesundheitsministerium.

Der Gesetzgeber ist nach Überzeugung der Krebsmediziner nun gefordert. Ansonsten drohen die vielversprechenden Aktivitäten zu verpuffen. Klinische Krebsregister können helfen, Ressourcen zielgerichteter zu verwenden, mithin Kosten einzusparen. Diese Effekte, gaben die Mediziner in Berlin zu bedenken, könnten aber durch den höheren Versorgungsaufwand und die Integration neuer, oft kostspieliger Therapieverfahren mehr als nur aufgehoben werden. Es sei fatal, so war in Berlin immer wieder zu hören, dass die Mehrzahl der Abgeordneten im Bundestag die Tragweite der Herausforderung noch nicht einmal wahrgenommen habe.

Die wichtigsten Zahlen vom Kongress

450.000 Neuerkrankungen gibt es dieses Jahr, 30 Prozent mehr als 1990.

50 Prozent ist die Heilungsrate für alle Krebspatienten, in den Vereinigten Staaten soll sie bei 60 Prozent liegen.

4 bis 5 Millionen Menschen leben mittlerweile unter uns, die an Krebs leiden oder ihn überlebt haben - knapp fünf Prozent der Bevölkerung.

250.000 iPhones der neuesten Generation wären nötig, um die Datenmenge zu speichern, die allein mit dem deutschen Beitrag zum Internationalen Krebsgenomprojekt - der Sequenzierung zweier wichtiger Hirntumore von Kindern - erzeugt wird.

80 Prozent Brustkrebspatientinnen und schon jeder Vierte mit Darmkrebs wird mittlerweile in einem zertifizierten Organzentrum betreut.

66 Millionen Internetzugriffe hat der Krebsinformationsdienst des DKFZ im Jahr 2009 registriert, 33.715 Anfragen wurden beantwortet. Die erste Außenstelle des bundesweiten Infodienstes (Tel. 0800 420 30 40) wurde jetzt auch präsentiert: das Universitätskrebszentrum Dresden.

60 Prozent der Frauen, die am Brustkrebs-Screening teilnehmen, glauben fälschlicherweise, die Mammographie verhindere Tumore.

(jom)

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