12.09.2005 · Depressiv werden im Jahr rund zehn Prozent der Bevölkerung. Es ist das häufigste psychiatrische Leiden überhaupt. Nun wurde der Zusammenhang zwischen Depression und Schizophrenie untersucht.
Von Martina Lenzen-SchulteDie Lehrbücher der Psychiatrie können noch so verschiedenen Schulen entstammen - Depression und Schizophrenie sind stets die zentralen Kapitel. Depressiv werden im Jahr rund zehn Prozent der Bevölkerung, und damit handelt es sich um das häufigste psychiatrische Leiden überhaupt. Die Schizophrenie ist viel seltener, stellt dafür aber den Inbegriff der Geisteskrankheit schlechthin dar.
Zwar suggeriert die Namensgebung, daß es sich um zwei ganz unterschiedliche Leiden handelt. Gleichwohl wurde bereits vor 150 Jahren das Konzept der „Einheitspsychose“ entworfen, das von einer engen und ursächlichen Verwandtschaft der beiden Erkrankungen ausging. Die Debatte um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Schizophrenie und Depression ist seither nie erloschen und erregt derzeit großes Interesse in der Fachwelt.
Beschwerden stimmen teilweise überein
Wichtige Beiträge hierzu hat die Arbeitsgruppe von Heinz Häfner am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim geliefert. Untersucht wurde, welches Schicksal Patienten, die erstmals in eine Psychiatrische Klinik gekommen und entweder als schizophren oder als schwerwiegend depressiv klassifiziert worden waren, im weiteren Verlauf erleiden.
Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, daß die Beschwerden in beiden, aus jeweils 130 Patienten bestehenden Gruppen vom Ausbruch der Krankheit an zunächst weitgehend übereinstimmten. Die Forscher machten ein aus zwei Facetten bestehendes Stadium aus, das in beiden Kollektiven gleichermaßen vorkommt. Demnach gibt es eine depressive Komponente mit trauriger Verstimmtheit, Sorgen, Angst, Verlust des Selbstvertrauens sowie Appetit- und Schlafstörungen.
Übereinstimmung bis zu Symptomen der Psychose
Die andere Seite der Medaille zeigt sich in Denk- und Konzentrationsstörungen, Verlangsamung, mangelnder Energie, Nervosität, Unruhe und in dem Rückzug aus sozialen Beziehungen - alles Symptome, die herkömmlicherweise nur der Schizophrenie zugeschrieben wurden. Dieses sich gleichsam aus zwei Quellen speisende Krankheitsmuster stellt daher eine Art frühen gemeinsamen Kern von Schizophrenie und Depression dar.
Er kommt auch im weiteren Verlauf der beiden Erkrankungen immer wieder zum Vorschein, meist im Zusammenhang mit einem Rückfall. Im frühen Stadium sind Depression und Schizophrenie infolgedessen kaum voneinander zu trennen. Nur mit dem ersten Auftreten von Halluzinationen, Wahnvorstellungen und anderen Kennzeichen einer Psychose offenbart sich ein unterschiedlicher Verlauf.
Depressive Phase als Symptom von Schizophrenie
Die Depression ist fortan durch unregelmäßig wiederkehrende Stimmungstiefs gekennzeichnet, die Schizophrenie durch weitere psychotische Rückfälle mit Denkstörungen, Trugwahrnehmungen und Wahn. Bereits in den oft unerkannt bleibenden Vorstadien beider Erkrankungen können die sozialen Beziehungen leiden, und auch die Leistungsfähigkeit kann einbrechen. Objektiv betrachtet sind die Folgen für schizophrene Patienten hier in der Regel schwerer, zum Beispiel, was den beruflichen Werdegang und die Bindung an andere Menschen betrifft.
Depressive Patienten sind hingegen stabiler, schätzen indes aufgrund ihrer alles negativ tönenden Schwermut das Ausmaß ihrer Beeinträchtigung weit ungünstiger ein. Die Mannheimer Forscher haben in einer weiteren Studie 232 an Schizophrenie erkrankte Patienten vom Beginn des Leidens an über zwölf Jahre hinweg beobachtet. Sie konnten deutliche Belege dafür finden, daß die Depression ein häufig anzutreffendes und für gewisse Phasen sogar charakteristisches Phänomen im weiteren Verlauf der Schizophrenie bleibt.
Mehr Depressionen als Psychosen
In dem Beobachtungszeitraum litten die schizophren Erkrankten durchschnittlich 47 Monate unter Depressionen und nur 14 Monate unter psychotischen Episoden. Die depressive Verstimmung tritt vor allem dann zutage, wenn ein Rückfall in die schizophrene Psychose bevorsteht, sie kündigt gleichsam als Blitz das Donnergrollen an. Depressionen dominieren sogar mit rund einem Drittel aller Beschwerden den Verlauf einer Schizophrenie und werden so zu einem substantiellen Bestandteil dieser Erkrankung.
Eine solche Neueinordnung macht auch auf die Defizite der bisherigen Behandlung aufmerksam. In der Tat werden depressive Phänomene bei schizophrenen Patienten noch unzureichend therapiert. Obgleich es noch Spekulation ist, scheint es angesichts der neuen Erkenntnisse prüfenswert, ob eine frühzeitige Behandlung der depressiven „Vorzeichen“ in einigen Fällen das Abgleiten in einen schweren psychotischen Krankheitsschub verhindern könnte.
Frühkindliche Hirnschädigungen als Ursache
Daß Schizophrenie und Depression mehr gemeinsam haben, als die bisherige Definition nahelegt, läßt sich auch aus molekulargenetischen Untersuchungen schließen. Veränderungen auf den Chromosomen 22 und 13 tragen demnach - wenn auch in geringem Ausmaß - zum Risiko von Schizophrenie und Depression bei. Schädigungen des Gehirns während Schwangerschaft, Geburt und Kindheit oder frühe Entwicklungsstörungen gelten ebenfalls als Risikofaktoren für jede der beiden Erkrankungen.
Untersucht man Depressive und Schizophrene im frühen Stadium der Krankheit mit bildgebenden Verfahren, findet man Läsionen der grauen, nervenzellhaltigen Substanz in weitgehend gleichen Hirnarealen. Gestützt auf diese Erkenntnisse, hat Häfner an diesem Montag auf dem Weltkongreß für Psychiatrie in Kairo seine These über den Zusammenhang der beiden Krankheiten präsentiert. Für ihn stellen depressive und schizophrene Störungen evolutionär entstandene und genetisch übermittelte Reaktionsmuster des menschlichen Gehirns dar.
Psychopharmaka ändern nicht die Hirnprozesse
Je nach Schwere der Beeinträchtigung der Hirnfunktionen werden sie in unterschiedlichem Ausmaß in Gang gesetzt und können schließlich bei fortschreitendem Funktionsverlust sogar in Demenz und Bewußtseinsverlust übergehen. Daß man Depression mit Antidepressiva und Schizophrenie mit Neuroleptika behandelt, ist kein Gegenargument. Das kennt man auch von anderen Krankheiten. So wird etwa die Unterzuckerung beim Diabetiker mit Traubenzucker behandelt, ein zu hoher Blutzuckerspiegel dagegen mit Insulin. Beidem liegt eine Schädigung der Bauchspeicheldrüse zugrunde, die aber je nach Ernährung und Stoffwechsellage unterschiedliche Muster von Funktionsausfällen zeitigt.
So wirken auch Psychopharmaka auf die biochemischen Signalsysteme und Reaktionsmuster des Gehirns ganz verschieden, sie ändern indes nicht die zugrundeliegenden, krankmachenden Hirnprozesse. In dem neuen Modell wird mithin die Depression als eine weitverbreitete Reaktion auf häufig vorkommende, milde Schäden gedeutet. Die tiefer greifenden Störungen bei einer schizophrenen Psychose bilden hingegen einen viel ausgeprägteren Funktionsverlust ab, der vergleichsweise selten vorkommt.