Home
http://www.faz.net/-gx3-16gvk
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Demenzforschung Ist Alzheimer ansteckend?

26.05.2010 ·  Wer Demenzkranke pflegt, trägt ein höheres Risiko, selbst dement zu werden. Warum ist das so? Entzündungen spielen in jedem Fall eine Rolle - und das könnte ein Vorteil sein.

Von Richard Friebe
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

Manche Nachrichten aus der Forschung sind so traurig, dass man sie am liebsten gleich wieder vergessen möchte. Etwa das Ergebnis einer großen Studie aus dem amerikanischen Bundesstaat Utah, die kürzlich im Journal of the American Geriatrics Society erschienen ist: Dort wurden 1221 Ehepaare über 15 Jahre beobachtet; einige bekamen im Laufe dieser Zeit Alzheimer und ähnliche Leiden. Das Erschreckende an den neuen Daten: Die Partner, die sich zu Hause um die Kranken kümmerten, hatten ein sechsfach erhöhtes Risiko, ebenfalls an der Demenz zu erkranken.

„Diese Ergebnisse hatten wir befürchtet“, sagt Hans Förstl, Chef der Psychiatrie am Klinikum rechts der Isar in München. Es habe „schon lange Anzeichen dafür gegeben, dass das so ist, und es gibt wenig Gründe, an den Ergebnissen der Studie zu zweifeln“.

Die Frage, die man kaum zu stellen wagt, die sich aber logisch anschließt, lautet: Ist Demenz, ist Alzheimer, ansteckend? Wäre die Antwort auf diese Frage ein klares Ja, die Folgen, vor allem für die Kranken, wären kaum absehbar.

Ansteckung als Ursache

Doch wie fast immer ist die Antwort komplexer. „Es gibt bisher keinerlei Hinweise darauf, dass Alzheimer ansteckend ist“, sagt einerseits Melanie Meyer-Luehmann vom Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen an der Universität München. Sie selbst hat untersucht, ob das Leiden zwischen Mäusen übertragbar ist. Zwar ist es das, aber nur, wenn man genetisch anfällig gemachten Tieren die Alzheimer auslösenden Amyloid-Beta-Proteine direkt ins Gehirn spritzt. Dann vermehren diese sich ähnlich wie etwa die Prionen der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. „Ein Amyloid, und damit die Alzheimer-Krankheit, kann im Prinzip infektiös sein, aber dafür muss der Körper in einem Zustand sein, dass er dies auch geschehen lässt. Auch die Übertragung selbst ist nicht einfach, die Gefahr dafür liegt wahrscheinlich fast bei null“, sagt Roland Riek, Biophysiker und Prionenexperte von der ETH Zürich.

Doch auch andere mögliche Auslöser der Krankheit, Aggregate des Tau-Proteins zum Beispiel, sind im Prinzip übertragbar. Das zeigen Ergebnisse der Arbeitsgruppe von Michel Goedert von der Cambridge University. „Es ist aber extrem unwahrscheinlich, dass Partner sich direkt damit anstecken“, meint Goedert. Wahrscheinlicher sei es, „dass viele komplexe psychische, soziale und Umweltfaktoren, denen die Partner ausgesetzt sind, verantwortlich für die Häufung der Fälle sind“, sagt Meyer-Luehmann. Auch die Autoren der Studie fordern mehr Forschung vor allem in diese Richtung.

Andere Alzheimer-Experten sehen die Situation anders. Der Pathologe Brian Balin vom Philadelphia College of Osteopathic Medicine etwa meint, dass er und andere Forscher Infektionen als Auslöser oder zumindest Beschleuniger der Krankheit prinzipiell längst nachgewiesen haben. Demnach wäre Alzheimer nicht per se ansteckend, doch bei Patienten häufig vorkommende Infektionen könnten den Ausbruch der Krankheit fördern - und das vielleicht auch bei anfälligen Partnern, die sich damit anstecken. Balins Arbeitsgruppe fand vor zwölf Jahren in neun von zehn in Philadelphia untersuchten Gehirnen verstorbener Alzheimerpatienten Infektionen mit Chlamydia-Bakterien.

Könnten Antibiotika helfen?

Und 2002 ergaben dann Versuche mit - diesmal nicht gentechnisch veränderten - Mäusen, dass sich in deren Gehirnen nach einer Behandlung mit einem Chlamydien enthaltenden Nasenspray die für die Krankheit typischen Amyloid-Plaques bildeten. Und sie taten dies genau in dem Hirnareal, wo sie auch bei Menschen im Frühstadium der Krankheit zuerst auftreten. Auch bei anderen Erregern wie etwa dem Herpesvirus oder den von Zecken übertragenen Bakterien, die Borreliose auslösen, gibt es den begründeten Verdacht einer Alzheimer-Verbindung. Und in epidemiologischen Studien zeigte sich auch, dass alltägliche Infektionen wie Erkältungen oder Magengrippe den Erinnerungsverlust bei Alzheimerpatienten auf das Doppelte oder mehr beschleunigen können.

Es wäre nicht das erste Mal, dass für eine Krankheit, bei der man ganz andere Ursachen erwartet hätte, Infektionen als Verursacher gefunden würden. Die bekanntesten Beispiele sind die Gebärmutterhalskrebs verursachenden Papillomaviren und Helicobacter pylori, der Auslöser von Magengeschwüren.

Wenn Chlamydia oder andere Bakterien Alzheimer verursachen oder beschleunigen würden, könnten spezielle Antibiotika die Krankheit vielleicht aufhalten. William Molloy und andere Mediziner von der McMaster University im kanadischen Hamilton haben Ende vergangenen Jahres mit einem ersten großangelegten, placebokontrollierten klinischen Versuch begonnen. Sie testen eine Kombination der Antibiotika Rifampicin und Doxycyclin bei Patienten mit frühen Symptomen der Krankheit. „Dass solche Studien genehmigt und finanziert werden, zeigt zumindest, dass Infektionen als Faktor bei Demenz inzwischen ernst genommen werden“, sagt Balin.

Drei veränderte Gene

Ohnehin ist die Alzheimerforschung derzeit im Umbruch. Mehr als hundert Jahre ist es jetzt her, dass jener deutsche Arzt die Krankheit, die nach ihm benannt wurde, und die mit ihr einhergehenden Zerstörungen im menschlichen Gehirn erstmals beschrieb. Bis heute ist sie unheilbar. Und zumindest bei der häufigsten, erst in fortgeschrittenem Alter auftretenden Form ist auch trotz jahrzehntelanger intensiver biomedizinischer und klinischer Forschung unklar, was die Ursachen sind.

Lange Zeit galten die sich aus den kleinen Amyloiden bildenden Amyloid-Plaques im Gehirn als Auslöser. Doch immer mehr Studien zeigen, dass diese Läsionen wahrscheinlich nur sichtbare Folgen - Forscher nennen sie inzwischen resigniert „Grabsteine“ -, aber nicht Ursachen der Krankheit sind. 2008 endete ein großer klinischer Test an 1700 Patienten mit dem gegen Amyloid wirkenden Medikament Flurizan enttäuschend. Die Herstellerfirma Myriad Pharmaceutics stellte daraufhin alle Arbeiten daran ein.

Im September vergangenen Jahres dagegen berichteten zwei Forschergruppen unabhängig voneinander von drei Genen, die bei Alzheimerpatienten häufig verändert sind. Zwei davon liefern den Code für wichtige Regelproteine des Immunsystems. Clusterin etwa drosselt normalerweise Immunreaktionen. Es könnte, wenn es mutiert ist, dafür verantwortlich sein, dass der Körper oder das Gehirn auf Infektionen mit einer zu starken Entzündungsreaktion reagiert. Das zweite identifizierte Gen, CR1, steht für ein Protein, das auch Synapsen kontrolliert. In veränderter Form, so vermuten die Wissenschaftler, zerstört es vielleicht unmäßig viele dieser Verbindungen zwischen Nervenzellen. Und genau das passiert bei Alzheimer.

Entzündungsreaktionen sind ein heißes Thema

Das dritte neu gefundene Gen, PICALM, schafft Fette und Proteine zu den Hirnzellen. Wenn es mutiert ist, übertreibt es diese Funktion vielleicht, und Hirnzellen sterben an Verfettung. Aber auch das Gegenteil ist möglich, denn andere Versuche haben gezeigt, dass kleine Fettfragmente, sogenannte Ketonkörper, geschwächte Hirnzellen sogar stärken könnten, wahrscheinlich, indem sie deren Energiegewinnung in den Mitochondrien wieder ankurbeln.

Und das Amyloid Beta, der Grundstoff der alzheimertypischen Plaques im Gehirn, ist auch nicht das nutzlose oder ausschließlich schädliche Molekül, als das es bislang galt. Es wirkt antimikrobiell. Das berichteten Stephanie Soscia und ihre Kollegen vom Massachusetts General Hospital in Boston kürzlich im Fachjournal PLOS One. Wahrscheinlich wird es als Reaktion auf Infektionen verstärkt produziert, vielleicht bei anfälligen alten Menschen mit der Nebenwirkung, dass der Alzheimer-Prozess angestoßen oder beschleunigt wird.

Was sich aus alldem ergibt, ist ein komplexes Bild. Niemand weiß heute, welcher Mechanismus, welches Gen, welcher äußere Einfluss unter welchen Umständen welche Rolle spielt. Entzündungsreaktionen sind jedenfalls, egal ob sie durch Infektionen oder andere Ursachen ausgelöst werden, derzeit ein heißes Thema in der Demenzforschung. Dazu haben auch eher zufällige Befunde beigetragen, etwa der, dass Rheumapatienten, die ständig entzündungshemmende Medikamente nehmen müssen, seltener und später dement werden als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Nicht im klassischen Sinne ansteckend

„Wir wissen seit langem, dass Entzündungsmechanismen an neurodegenerativen Veränderungen beteiligt sind“, sagt Hans Förstl. So schreitet laut einer Studie von Clive Holmes von der Universität Southampton mit 222 Patienten die Alzheimer-Krankheit bei jenen, die den Entzündungsfaktor TNF alpha im Blut haben, um ein Mehrfaches schneller voran als bei Vergleichspersonen. Und erhöhte Cortisolwerte, wie sie bei Abwehrreaktionen des Körpers ebenfalls typisch sind, bleiben auch nicht ohne Folgen. Sie sorgen dafür, dass bei Demenz besonders betroffene Hirnbereiche wie etwa der Hippocampus und das limbische System anfälliger für die Zerstörung von Nervenzellen werden. Und dauerhaft erhöhte Cortisolwerte haben auch dauergestresste Menschen häufig - also etwa Senioren, die mit der Betreuung eines dementen Partners auf sich allein gestellt sind.

So sind, wenn man alles zusammenfügt, die traurigen Ergebnisse der Studie aus Utah vielleicht gar nicht mehr so traurig.Denn einerseits gibt es keine eindeutigen Hinweise darauf, dass Demenz im klassischen Sinne ansteckend ist, dass etwa Pflegepersonal oder Ärzte früher oder häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt daran erkranken.

Andererseits bedeutet fast jede Studie, die zeigt, dass Menschen abhängig von ihren Lebensumständen unterschiedlich anfällig für eine Krankheit sind, vor allem eines: Man steht der Krankheit nicht völlig hilflos gegenüber. Förstl etwa sagt sogar, es wäre „toll“, wenn sich die Befunde zu Infektionen und Entzündungen bestätigen würden.

Depressionen erhöhen das Demenzrisiko

Denn gegen sie müsste man keine neuen Spezialmedikamente entwickeln, sondern könnte vielleicht mit althergebrachten Mitteln frühzeitig dagegen vorgehen. „Wenn man etwa routinemäßig Leute auf die frühesten Anzeichen von Demenz - wie etwa verminderten Geruchssinn - untersucht und dann auch noch auf Infektionen, eröffnet sich da vielleicht eine Möglichkeit, die ernsthaften Symptome der Krankheit zum Beispiel mit Hilfe von Antibiotika zu vermeiden“, sagt Brian Balin.

Förstl sieht auch eine andere Chance: „Wir wissen, dass Depressionen das Demenzrisiko deutlich erhöhen“, sagt der Psychiater, „und wenn wir das beim Partner eines Alzheimer-Patienten diagnostizieren, verschreiben wir spezielle Antidepressiva und versuchen ihn auch zu überzeugen, sich nicht bedingungslos aufzuopfern.“

Nicola Lautenschlager von der University of Western Australia in Melbourne sagt, es gebe trotz aller Hinweise aus klinischen und Bevölkerungsstudien immer noch zu wenig sichere Ergebnisse. „Das Einzige, worüber sich die Fachwelt bei im späten Lebensalter auftretendem Alzheimer einig ist, ist nur, dass es nicht eine Antwort gibt, sondern dass alle möglichen Risikofaktoren, die sich über die ganze Lebenszeit verteilen, die Sache extrem komplex machen.“

Alles andere als eine traurige Nachricht

Lautenschlager ist eine der wenigen Neurowissenschaftlerinnen, die sowohl über infektiöse als auch über lebensstilbedingte Ursachen von Alzheimer geforscht hat. Sie fordert, was eigentlich alle Forscher immer fordern: mehr Forschung - und angesichts der Ergebnisse aus Utah deutlich mehr ärztliche, nachbarschaftliche und familiäre Hilfe für alte Menschen, die ihren Partner pflegen.

Für Michel Goedert ist die Studie aus Utah daher auch ein Lichtblick. Zwar könnten auch die gemeinsamen Lebensumstände über Jahrzehnte - von Ernährung über Bildung bis hin zur Länge des Nachtschlafs - mit für die Ergebnisse verantwortlich sein. „Doch dieser riesige Effekt scheint mir eher eines zu zeigen: Es gibt auch im hohen Alter noch Möglichkeiten, bei den vielen, die die Krankheit dann schon in sich tragen, zu beeinflussen, ob sie zum Ausbruch kommt oder nicht - und nach diesen Möglichkeiten müssen wir suchen.“

Und wenn tatsächlich Infektionen und Entzündungen eine mit entscheidende Rolle spielen sollten - und ihre Behandlung das Demenzrisiko senken würde -, wäre das alles andere als eine traurige Nachricht.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen