Home
http://www.faz.net/-gx3-6yrf5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Defekte Gefäße Warnzeichen für Herzinfarkt

 ·  Findet man Zellen aus den Gefäßen im Blut, ist das für Herzkranke ein Alarmsignal: Mit einem neuen Verfahren könnte man den Herzmuskel vor dem Infarkt retten.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Mit einer neuen Nachweismethode lassen sich Herzinfarkte möglicherweise frühzeitig und damit noch vor dem massiven Untergang von Herzmuskelzellen diagnostizieren. Anlass zu einer solchen Vermutung geben Forschungsergebnisse von amerikanischen Wissenschaftlern, unter ihnen Samir Damani und Eric Topol vom Scripps Translational Science Institute in La Jolla (Kalifornien).

Die Erkenntnisse der Kardiologen bestätigen ein schon früher beobachtetes, aber nie systematisch untersuchtes Phänomen. Demnach befinden sich im Blut von Patienten mit akuter Herzattacke auffallend viele Zellen des Endothels - jener dem Blutstrom zugewandten Gefäßschicht, die bei der Entstehung arteriosklerotischer Leiden, etwa Herzinfarkt und Hirnschlag, eine maßgebliche Rolle spielt. Im gesunden Zustand undurchlässig, wird das Endothel bei beständiger Attacke gefäßschädlicher Aggressoren zunehmend undicht. Für Arterioskleroseförderer unterschiedlichster Couleur ist es dann ein Leichtes, in die Arterienwand einzudringen. In der Folge bilden sich fett- und kalkreiche Gefäßkrusten, sogenannte Plaques, die den Blutstrom teilweise nachhaltig behindern. Schädigungen der Gefäßinnenhaut sind aber nicht nur der erste Schritt auf dem Weg zum Infarkt, sondern zugleich auch der letzte. Denn hierzu kommt es für gewöhnlich, wenn eine Gefäßkruste aufbricht und die Blutplättchen beim Kontakt mit dem Plaqueinhalt verklumpen. Je schneller es dabei gelingt, die verstopfte Ader zu öffnen, desto eher lässt sich das vom Infarkt betroffene Herzgewebe retten.

Seit Jahren suchen Forscher daher nach Mitteln und Wegen, die es ermöglichen, die Zeitspanne zwischen den ersten Rissen in der arteriosklerotischen Plaque und der Infarktdiagnose zu verkürzen. Mit diesem Ziel vor Augen, haben Damani und seine Kollegen die zirkulierenden Endothelzellen von 50 Patienten mit akutem Herzinfarkt und jene von 44 gesunden Probanden genau unter die Lupe genommen. Bei ihren Untersuchungen stützen sich sie auf ein Verfahren, das offenbar eine besonders akkurate Bestimmung und Auszählung der gesuchten Zellen erlaubt. Wie die Autoren in der aktuellen Online-Ausgabe der Zeitschrift „Science Translational Medicine“ (Bd. 4, 126ra33) berichten, fanden sie im Blut der Herzkranken tatsächlich ungewöhnlich viele Endothelzellen, und zwar etwa viermal so viele wie bei den gesunden Versuchspersonen. Die Zellen der Infarktpatienten waren zudem zweieinhalb Mal so groß wie die von Gesunden, ausgesprochen unförmig gestaltet und zudem häufig mit drei und mehr Zellkernen bestückt.

Das neue Verfahren berge die Chance, Infarkte bereits im Entstehungsprozess zu erkennen, schreiben die Autoren. Denn Risse in der arteriosklerotischen Plaque führten nicht immer sofort zum Gefäßverschluss. So sei es nicht ungewöhnlich, dass Herzuntersuchungen beruhigende Ergebnisse erzielen, die betreffenden Personen aber dennoch wenige Tage bis Wochen später einen Infarkt oder einen plötzlichen Herztod erleiden. Gelänge es, das herannahende Unheil zu entdecken, könnte man es vielleicht abwenden. Offen ist bislang freilich, ob das von den Forschern verwendete Verfahren eine so frühzeitige Diagnose erlaubt. Hierzu muss erst noch geklärt werden, ob auch drohende - und nicht nur akute - Infarkte zur Anreicherung unförmiger Endothelzellen im Blut führen und, falls ja, wie zuverlässig sich dieses Alarmsignal mit den verfügbaren Nachweismethoden erfassen

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel