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Darmflora Schwund der Vielfalt im Alter

Kaum sind Menschen ins Pflegeheim gezogen, reduziert sich die Artenvielfalt ihrer Darmbakterien, zeigt eine irische Studie. Liegt es an der Kost? Die Lebensmittelindustrie wittert Chancen.

© ZB Vergrößern Essen im Altersheim - ist die Kost zu fett- und kohlenhydratreich?

Im Darm und auf der Haut leben mehr als hundert Billionen Mikroorganismen. Weil wir unsere Nahrung ohne diese wertvollen Helfer nicht ausreichend verdauen können, setzt sich inzwischen mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass der Mensch eigentlich ein Ökosystem ist. Jeder Mensch ist eine Gemeinschaft aus vielen verschiedenen Lebewesen. Ein gesunder Erwachsener beherbergt in seinem Darm rund 160 verschiedene Bakterienarten. Wer den Menschen aber als Lebensgemeinschaft betrachtet, muss sich auch die Frage stellen, welche Mikroorganismen zum gesunden Ökosystem Mensch dazugehören, wie diese Lebensgemeinschaft altert und welche Veränderungen normale Alterserscheinungen sind und was krankhaft ist. Aus den Antworten können dann vielleicht Konzepte für ein gesundes Altern abgeleitet werden, wobei es derzeit vor allem darum geht, herauszufinden, was eine vorteilhafte Kost für die letzten Lebensjahrzehnte ist.

Deshalb wird diese Forschung auch in besonderer Weise von der Lebensmittelindustrie unterstützt, die wegen der Überalterung der westlichen Gesellschaften beträchtliche Absatzchancen wittert. Eine vor wenigen Wochen veröffentlichte Studie zur Artenvielfalt im Darm älterer Menschen hat dem Arbeitsgebiet wichtige Impulse gegeben. Paul O’Toole vom University College Cork in Irland und seine Kollegen haben herausgefunden, dass Menschen, die in ein Alters- oder Pflegeheim übersiedeln, im ersten Jahr einen Teil ihrer mikrobiellen Vielfalt einbüßen, wobei die Arten, die dabei verlorengehen, von Person zu Person variieren. Dadurch kann sich die Darmflora zweier alter Menschen stärker voneinander unterschieden als die zweier junger Menschen. O’Toole und seine Kollegen führen dies auf die veränderte Kost zurück. In Pflegeheimen werden nicht selten ballaststoffarme, fett- und kohlenhydratreiche Mahlzeiten serviert, mit viel Pudding, Kartoffeln, frittiertem Fleisch, fetter Wurst und süßen Säften.

Widerspruch von Wissenschaftlern

Der Verlust der Artenvielfalt im Darm korreliert, so die weitere Beobachtung der Iren, mit der wachsenden Gebrechlichkeit der Bewohner, einem schlechteren Ernährungszustand, mehr Begleiterkrankungen und mehr Anzeichen für Entzündungen. Diejenigen, die im Alter noch alleine wohnen oder sich nur stundenweise in einer Tageseinrichtung aufhalten, haben eine ähnlich artenreiche Darmflora wie jüngere Erwachsene. An der Untersuchung nahmen 178 alte Menschen teil. Das Artenspektrum wurde mit molekularbiologischen Methoden ermittelt (“Nature“, Bd. 488, S. 178). Diese Ergebnisse sind seit ihrer Veröffentlichung im Sommer nicht ohne Widerspruch geblieben. Im neuen „Nature“ kommen in einem von der New Yorker Journalistin Virginia Hughes verfassten Beitrag auch die Kritiker zu Wort (doi:10.1038/492S14a). „Wir müssen vorsichtig sein und daraus nicht zu viel ableiten“, wird James Lewis von der Universität Pennsylvania zitiert. „Vor allem im Hinblick darauf, was zuerst kommt.“ Damit zielt Lewis auf einen zentralen Kritikpunkt ab, nämlich auf die Frage was Ursache und was Wirkung ist. Nimmt die Artenvielfalt im Darm mit der Übersiedlung in ein Alters- oder Pflegeheim ab, weil die Kost abträglich ist, und werden die alten Menschen wegen der Abnahme der Artenvielfalt hinfälliger und kränker? Oder ist es genau umgekehrt und spielt die Kost gar keine Rolle? Führen Krankheit und Hinfälligkeit dazu, dass alte Menschen vieles nicht mehr mögen, nicht mehr vertragen oder aus anderen Gründen nicht mehr essen, und reduzieren sie dadurch mit der Zeit die Artenvielfalt in ihrem Darm?

Elena Biagi, Mikrobiologin an der Universität Bologna, macht sich in „Nature“ für die zweite Sichtweise stark. Die eingeschränkte Gesundheit sei meistens die Ursache für die Übersiedlung in ein Alters- oder Pflegeheim, und deshalb sei sie vermutlich auch die treibende Kraft hinter der Abnahme der mikrobiellen Vielfalt im Darm. Im Alter wird auch das Essen schwieriger. Das kann mit Zahnproblemen zu tun haben, mit Mundtrockenheit, Schluckbeschwerden, Verdauungsstörungen oder mit dem Einfluss von Medikamenten auf den Appetit und das Essverhalten. Unklar ist auch, welche Wirkung eine schlechte Mundhygiene auf die Vielfalt der Darmflora hat.

Teil des natürlichen Alterungsprozesses?

Michael Blaut vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke macht deutlich, dass die von O’Toole und seinen Kollegen beobachteten Korrelationen nicht mit Kausalitäten gleichzusetzen seien. „Nur weil Ereignisse zur gleichen Zeit auftreten, müssen sie nicht in einem ursächlichen Zusammenhang stehen“, sagt Blaut. Es sei auch möglich, dass die Abnahme der Artenvielfalt in der Darmflora Teil des natürlichen Alterungsprozesses sei und nichts mit der wachsenden Gebrechlichkeit oder der Zunahme von Krankheiten im Alter zu tun habe. Außerdem sei nicht klar, ob eine größere mikrobielle Vielfalt im Darm tatsächlich besser sei als eine geringe. Gestillte Säuglinge hätten zum Beispiel weniger verschiedene Bakterienarten im Darm als Säuglinge, die mit einer kommerziellen Milchnahrung ernährt werden, so Blaut weiter. Vielleicht werde die Darmflora durch ein größeres Artenspektrum weniger störanfällig, aber so genau wisse das niemand.

O’Toole und seine Kollegen wollen ihre These jetzt mit einer großangelegten Interventionsstudie überprüfen. An der von der Europäischen Kommission unterstützten Studie werden sich dreißig Partner aus sechzehn europäischen Ländern beteiligen, darunter auch einige Lebensmittelhersteller. Das Studiendesign sieht vor, 1250 alte Menschen entweder mit einer gesunden Mittelmeerkost zu versorgen oder mit den üblichen Mahlzeiten. In regelmäßigen Abständen soll dann untersucht werden, wie sich die Artenvielfalt im Darm und der Gesundheitszustand der Teilnehmer mit der jeweiligen Kost ändern.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 17.12.2012, 07:00 Uhr