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Christiane Nüsslein-Volhard, 70 Die Mutter der Mutanten

Schubert singen, Frauen fördern, Fliegen lauschen: Die erste deutsche Nobelpreisträgerin für Medizin wird heute siebzig Jahre alt.

© dpa Vergrößern Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard wird am 20.Oktober siebzig Jahre alt.

Die beiden Lebensinhalte, die Christiane Nüsslein-Volhard in den vergangenen Jahren zu ihren liebsten geworden sind, haben nichts mit Naturforschung und erst recht nicht mit ihrem Nobelpreis zu tun: Ihre Kunst und die Frauenförderung. Auf dem Dorffest von Bebenhausen, dem malerischen Ort mit Schloss und Kloster bei Tübingen, hat sie vor ein paar Wochen vor heimischem Publikum Schubert-Lieder gesungen und war danach in Hochstimmung. Proben und probieren sind zwei Grundtugenden dieser leidenschaftlichen Wissenschaftlerin und geübten Flötistin, der 1995 als erster deutscher Frau der Nobelpreis für Medizin zuerkannt wurde.

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Ethikrätin und Nachwuchsförderin

Probieren wollte sie es auch mit der Forschungspolitik in Deutschland: Als eines der ersten Ethikratsmitglieder in den sechs Jahren nach 2001, als der damalige Bundeskanzler Schröder neue biopolitische Weichen zu stellen gedachte, und dann seit 2004 (ohne die aufreibende Kompromiss-Suche in Gremien) mit der Gründung einer eigenen Stiftung zwischen „Wickeltisch und Labor“, wie „Die Zeit“ scherzhaft formulierte: Die Christiane-Nüsslein-Volhard-Stiftung vergibt an begabte junge Wissenschaftlerinnen Zuschüsse für Kinderbetreuung und Haushaltshilfen und will so verhindern, dass weibliche Talente mangels Unterstützung ihre Karriere früh beenden. Damit ist Christiane Nüsslein-Volhard zu einer einflussreichen Frauenförderin geworden in einer Branche, in der für junge Frauen die Luft an der Spitze immer noch so dünn ist wie auf einem Achttausender.

Vernunft braucht Einsicht

Aber eine Anhängerin der Frauenquote ist Nüsslein-Volhard damit keineswegs: Sie glaube an Talente, und die seien bei Frau und Mann gleich verteilt - solange sich vor den jungen Frauen nicht schon früh jene Hürden aufbauen, die ihr die klassische Rollenverteilung aufbürden. Frauendiskriminierung als Ideologie erlebt sie heute in der Wissenschaft kaum noch. Und wenn, dann übersieht sie es wohl leicht, weil sie selbst nie Diskriminierung erlebt hat und weil sie Ideologien für fortschrittsfeindlich hält. In ihren Zeitungsartikeln und Büchern, in denen sie sich mit Frauenförderung oder mit den widersprüchlichen Einstellungen von Politik und Gesellschaft zur grünen Gentechnik beschäftigt hat, wird es besonders deutlich: Vernunft setzt Einsicht voraus, doch den Willen und die Sensibilität dazu vermisst sie immer wieder schmerzlich.

Die liebe Not mit der Zeit

Dass das aber keineswegs nur an der Gesellschaft und ihren Ideologien liegt, sondern auch und gerade an jener inzwischen ungemein komplexen Wissenschaft, mit der sie sich selbst beschäftigt, das weiß sie selbst. Deshalb schreibt sie seit einiger Zeit mehr oder weniger erfolgreich populärwissenschaftliche Bücher. Die Zeit dazu hat sie eigentlich nicht, denn als Direktorin des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen liegt auch heute noch ein Berg von Arbeit vor ihr.

Weichenstellung in  der Kindheit

Grundlagenforschung in der Biologie, das hat sie früh begriffen, braucht neben Kreativität vor allem unbefristete Hingabe. Die Bereitschaft dazu reicht bis in ihre Kindheit zurück. Gebürtig in Magdeburg, aber aufgewachsen und geprägt vor allem in der Heimat der Eltern in Frankfurt am Main, hat sie sich schon in der Schulzeit am Schiller-Gymnasium zur Biologie hingezogen gefühlt - zur organismischen Biologie. Damit sind Lebewesen als Ganzes gemeint, nicht die auf Gene, Enzyme und andere Moleküle reduzierten Organismen. Ihre musischen und malerisch engagierten Eltern und Großeltern, vor allem aber ihre Ferienaufenthalte auf einem Bauernhof, der „Zuflucht ihrer Großeltern“, wie sie in ihrer Autobiographie schreibt, haben die Neigung zur Natur früh gefestigt. Mit spätestens zwölf Jahren sei in ihr der Berufswunsch Biologin gefestigt gewesen. Dennoch fand sie beim Studium in Frankfurt und Tübingen auf die molekulare Schiene. Diplom- und Doktorarbeit hatten biochemische Vorgänge in der Zelle, etwa das Ablesen der Gene, zum Gegenstand.

Drosophila melanogaster © Frank Schnorrer, MPI für Biochemie, Martinsried Vergrößern Taufliege Drosophila melanogaster

Drosophila und ihre Mutanten

Auf diesem Weg fand sie auch zu den beiden Organismen, die ihr wichtigster beruflicher Lebensinhalt werden sollten: die Taufliege Drosophila und der Zebrafisch. Zur Initialzündung kam es nachts im Laboratorium, als die Forscherin in einem alten Buch über Entwicklungsbiologie schmökerte. Darin wurde eine Mutante der Taufliege beschrieben, die anstelle von acht Körpersegmenten nur vier besitzt. Sie hoffte, im Fliegenei auf jene genetisch bedingten Vorgänge zu stoßen, die für die wunderbare Entwicklung einer befruchteten Zelle zum fertigen Insekt verantwortlich sind.

Von der Fliege zum Zebrafisch

Nicht nur diese Erwartung hat sich erfüllt, es stellte sich im Zuge ihrer Genstudien sogar heraus, dass der Fliegenembryo in vielerlei Hinsicht stellvertretend für die Embryonen anderer Tiere und auch des Menschen steht. Im Jahr 1980, nachdem sie am Europäischen Molekularbiologen-Labor in Heidelberg zusammen mit ihrem Ko-Nobelpreisträger Eric Wieschaus Hunderte wichtiger Entwicklungsgene lokalisiert hatte, veröffentlichte sie die entscheidende Arbeit in der Zeitschrift „Nature“. Später wurde sie zur Aquarianerin; wechselte zum Zebrafisch, dem Wirbeltier, das viele Eigenschaften als ideales Studienobjekt auf sich vereinigt: klein, hohe Nachkommenzahl, schnelle Entwicklung und nahezu transparente Fischlarven, an denen Genveränderungen leicht verfolgt werden können. Mit jeder der Tausenden Fischmutanten, die Nüsslein-Volhard und ihre Kollegen bis heute generierten, wuchs die Befriedigung der Grundlagenforscherin, aber auch die sichere Ahnung, dass die Sache mit der Natur immer komplizierter zu werden scheint. Am 20. Oktober feiert Christiane Nüsslein-Volhard ihren siebzigsten Geburtstag

Quelle: F.A.Z.

 
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